Das Thema lässt sich nicht einfach angehen. Besonders vor dem 8. März muss der Stoff filmisch interessant und anders aufbereitet sein, um nicht von vorneherein auf Ablehnung zu stoßen. Ablehnung, weil der Stoff nicht Happy-End-verdächtig ist, weil man nach wie vor nicht über häusliche Gewalt spricht oder die Zuschauer sich damit gar nicht erst befassen wollen.
Jean-Paul Lilienfeld ist mit einem neuen Blick an die Frage herangegangen. Er änderte den Roman von Jean Teulé, der den Stoff lieferte, leicht ab und machte aus „Les lois de la gravité“ einen Frauenfilm, in dem Miou-Miou die Rolle des Polizisten Pontoise spielt. „Ich wollte die im Roman spürbare Mann-Frau-Beziehung verhindern und mich allein auf die häusliche Gewalt beschränken“, so Lilienfeld. Sophie Marceau und Miou-Miou werden seinen Anforderungen mit einer starken schauspielerischen Leistung gerecht.
Die Herangehensweise ist ebenfalls ungewohnt: Die Hauptfigur des Films zeigt sich selbst an. Sie habe ihren Mann umgebracht, um seinen Schlägen und Beschimpfungen zu entkommen. Die diensthabende Beamtin will das nicht wahrhaben.
Qualvolle Ehe-Jahre
Warum jetzt schlafende Hunde wecken und den fast verjährten Fall wieder aufrollen? Um diese Frage dreht sich das Spiel der beiden Schauspielerinnen, die sich 99 Minuten lang die Phantome der Vergangenheit bekämpfen.
Das Opfer erinnert sich an die Jahre mit seinem Peiniger, beschreibt die Beleidigungen, die Schmerzen, die Scham, die überhörten Warnungen, der Vertrauensverlust, der mit der Pein einhergeht. „Gaston Lagaffe“ nennen die Arbeitskollegen die Postbeamtin, die bei Wunden, blauen Flecken und geschwollenen Gliedern unglückliche Treppenstürze oder offene Schranktüren vorschützt.
Häusliche Gewalt ist real
Rückblenden nehmen den Zuschauer immer wieder mit in die Vergangenheit, lassen ihn an den brutalen Szenen teilhaben. Der Regisseur hat dabei die Kamera an Sophie Marceaus Kopf befestigt, so dass der Zuschauer die Schläge fast spüren kann. Die Szenen sind sehr hart und führten selbst bei den Spezialistinnen, die zur Vorpremiere eingeladen waren, zu Gänsehaut. Die Polizistin, Moiu-Miou, weigert sich, aus der Frau, die jahrelang ein Opfer war, eine Täterin zu machen. Sie solidarisiert sich mit der anonymen Besucherin und versucht, dieser einen neuen Weg aufzuzeigen. Dabei wird auch sie von ihrer eigenen Vergangenheit eingeholt.
Die Brutalität der häuslichen Gewalt passt nicht in unsere glamouröse Welt zwischen Wintersport, Sternerestaurant und modischen Vorboten des Frühlings. Dabei kann man angesichts von 357 Wegweisungen im vergangenen Jahr nicht von einem marginalen Phänomen sprechen. Hier war die Diskussionsrunde, zu der die Filmemacher im Anschluss an die Vorführung eingeladen hatten, sehr aufschlussreich.
Durch alle Schichten
Häusliche Gewalt gibt es in allen gesellschaftlichen Schichten. Sie verpflanzt sich fast wie eine Erbkrankheit, denn 85 Prozent der Opfer oder Zeugen von Gewalt leben das Schema weiter, versuchen ihrerseits, die Menschen, die ihnen nahe stehen, zu kontrollieren und zu dominieren. Die Spezialistinnen warnen jedoch davor, sie als krank zu betrachten, denn das würde die Gewalttätigen aus der Verantwortung nehmen.
Begrüßt wurden hingegen die Bemühungen der Regierung, die mit dem Gesetz von 2003 einen strammen Rahmen geschaffen hat. Die gegenwärtigen parlamentarischen Arbeiten dürften ihn nicht abschwächen. Noch immer haben viele Frauen Angst vor der Anklage. Nur zehn Prozent der Misshandelten trauen sich, wie die Heldin im Film, gerichtlich gegen ihren Peiniger vorzugehen.
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