„Unwahrscheinlich interessant. Das sind echte Schätze. Sie sind von unschätzbarem Wert.“ Lucien Czuga findet nicht genügend Worte für die Begeisterung, mit der er jedes Blatt, jede einzelne „planche“ entdeckt, die Zeichnungen von Hergé entschlüsselt und ihre Entstehung vom einfachen Bleistiftstrich bis zum fertigen bunten Bild nachvollzieht. Besonders angetan hat es ihm Seite 31 aus „Tintin au Tibet“, das 1960 entstanden ist. Hier hat Hergé das Szenario skizziert und an den Rand seine Bemerkungen und Anleitungen geschrieben, anhand derer seine Assistenten aus der Skizze eine fertige Szene für das Comic machen konnten.
Der Autor der erfolgreichsten Luxemburger Comics hat keine Assistenten, er arbeitet aber nach dem gleichen Schema. Er schreibt ein Szenario, das er grob aufzeichnet und dann seinem Partner und Kumpel, Roger Leiner, zuschickt, damit dieser die einzelnen Figuren in Szene setzt. So entsteht der Bleistiftstrich – im Fachjargon die „ligne claire“ –, welcher dann zuerst mit Tusche und dann mit genau definierten Farben weiter verarbeitet wird.
„Et ass net ze gleewen!“
Es sind vor allem die Bleistiftzeichnungen, die „ligne claire“, die der luxemburgische Sammler, Thierry Smets, in der Eingangshalle der „BIL Indépendance“ ausstellt. Sie sind der Besitz eines Comic-Liebhabers, der aus Leidenschaft zum Sammler wurde. Smets hat seine Sammlung in den 80er und 90er Jahren zusammengetragen, als die Preise noch einigermaßen erschwinglich waren. Er sucht aber nach wie vor Stücke, die seine Welt des Comics vervollständigen.
Die gerahmten Atelierarbeiten der Zeichner sind zwar der größte und wertvollste Teil seiner Sammlung, sie werden jedoch ergänzt von zahlreichen großen und kleinen Figuren aus den verschiedenen Comics.
Gleich neben der Tür steht Spirou mit seinem Eichhörnchen Spip, in der Ecke, mit Blick auf die Besucher, sind Asterix und Obelix im Gespräch, während Nestor, der Butler aus den Tintin-Abenteuern, dem Besucher den Katalog der Ausstellung präsentiert.
In den Vitrinen stehen die Autos, Flugzeuge, Motorräder und Raketen, in denen Tintin seine Reportagen machte und die Figuren aus Spirou verkehrten. „Auch sie sind wertvoll, weil sie alle nur in eingeschränkter Auflage hergestellt wurden“, weiß Czuga.
Er selbst hat auch Comics gesammelt, hatte aber nicht die finanziellen Mittel, um Originale wie die ausgestellten Zeichnungen zu erwerben. Er hat seine Sammlung mittlerweile „aus Platzgründen“ wieder verkauft. „Wann ech haut eng BD wëll, da molen ech mer se“, kichert er Sprechblasen gerecht. Und gerät angesichts einer Zeichnung aus „Tintin et le Trésor de Rackham le Rouge“, die als Vorlage für ein Puzzle gedacht war, wiederum ins Schwärmen: „Et ass net ze gleewen!“
Eine Welt für sich
Genauso begeistert ist Czuga von dem realistischen Tardi oder von Jean Giraud, der auch unter dem Pseudonym „Moebius“ gearbeitet hat. Für den Luxemburger Spezialisten gehört er genau wie Uderzo und Hergé zu den ganz Großen der französisch-belgischen Comic-Szene, der Hauptbühne der speziellen Kultur der „Bande dessinée“.
Den ersten Schritt in die internationale Anerkennung haben möglicherweise auch Lucien Czuga und Roger Leiner schon geschafft. Als die schwangere „Gëlle Fra“ der serbischen Künstlerin Sanja Ivekovic im New Yorker Moma ausgestellt wurde, waren auch „planches“ aus den Superjhemp-Heften zu sehen, die sich mit dem Thema auseinandersetzen. „Auch wir haben vom ersten Entwurf bis zum gezeichneten und eingefärbten Blatt alle Originale aufgehoben“, sagt der Autor und ergötzt sich am Cover der „L’Ile Maudite“ von Jacques Martin.
Begehrte Sammlerstücke
Die Welt des Comics ist eine Welt für sich. Jeder von uns ist in jungen Jahren mit ihr in Verbindung gekommen. Und dann hat es zwischen dem Leser, dem Zeichner und dem Scénariste gefunkt – oder nicht. Die 9. Kunst ist eindeutig ein europäisches und stärker noch ein belgisch-französisches Phänomen, wo jährlich rund 600 Alben veröffentlicht werden. Deutschland hat sich an Erfolgsgeschichten wie die Asterix Alben angehängt, hat selbst jedoch kaum Comic-Autoren. Russland kennt diese Art Bücher überhaupt nicht. Die USA haben große Serien wie Spiderman oder Batman, daneben kämpfen auch viele unabhängige Künstler ums Überleben. Die Japaner kennen und lieben die Manga, die in Europa auch ihre Anhänger haben, als Kunstform aber nicht uneingeschränkt anerkannt werden.
Am kommenden 1. Dezember versteigert das Auktionshaus Plasa in Paris eine Reihe Figuren, Alben und Zeichnungen von Tintin. Die Bronzestatuen, die 1976 zum 30. Jahrestag der Zeitschrift Tintin hergestellt wurden, sind auf 120.000 bis 180.000 Euro angesetzt, bis zu 20.000 Euro müssen für drei Zeichnungen des Unterseebootes in „Le Trésor de Rackham le Rouge“ bezahlt werden, auf 45.000 Euro angesetzt ist die komplette Sammlung der Zeitung „Petit Vingtième“, die Hergé als Erste eine Chance gab.
Zu Demaart
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