Fürden die Astronauten lagen die obligatorische Äpfel in Kasachstan schon bereit. Traditionell drücken Helfer Rückkehrern von der Internationalen Raumstation ISS nach der Landung Obst als schmackhaften Willkommensgruß in die Hände. Am Montag sollte das nicht anders sein. Neben Astronaut Alexander Gerst aus Deutschland wurden der Russe Maxim Surajew und der Amerikaner Reid Wiseman in der baumlosen Weite Zentralasiens erwartet. Nach der Landung der Sojus-Raumkapsel in der Steppe stand für Gerst ein Weiterflug nach Köln an.
Beim dortigen Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt DLR soll er zunächst in der Forschungsanlage betreut werden. Gerst ist damit der erste europäische Astronaut, der sich in Europa und nicht in Houston (US-Bundesstaat Texas) wieder an das Erdenleben gewöhnt. Wie lange der 38-Jährige in Köln bleibt, hängt davon ab, wie schnell er sich von mehr als fünf Monaten in der Schwerelosigkeit erholt. Am 13. November will er auf dem DLR-Gelände bei einer Pressekonferenz über seine Mission sprechen.
«Zu dritt in der Telefonzelle»
An seinem letzten Wochenende im Kosmos genoss Gerst noch einmal die Aussicht vom ISS-Beobachtungsmodul. «Die Schönheit der Erde erkenne ich in einer Minute, ihre Zerbrechlichkeit sogar auf den ersten Blick», twitterte er. Packen musste er nicht mehr: Seine Ausrüstung war vor kurzem mit einem US-Raumtransporter zur Erde geschwebt.
Beim Probesitzen wenige Tage vor dem geplanten Abkoppeln stellten Gerst, Surajew und Wiseman keine Mängel fest. Die Landung in der schwer zu manövrierenden Raumkapsel gilt technisch als extrem anspruchsvoll – auch, weil es in der Sojus «so eng ist wie zu dritt in einer Telefonzelle», sagt der Astronaut Thomas Reiter. Er denkt mit Grauen an seine Heimreise 1996 zurück. Einen «Höllenritt durch die Atmosphäre» habe er damals erlebt, meint Reiter. Er spricht von «einem der schwierigsten Manöver in der bemannten Raumfahrt».
Vorbereitungen auf Mars-Mission
Immer wieder haben Gerst und seine Kollegen die Landung in den vergangenen Jahren geübt. Für den Geophysiker ist es der vorläufige Schlusspunkt einer 166-tägigen Reise durchs All. Auf der Erde wird es für ihn noch einige Monate lang weitergehen: Ärzte untersuchen zunächst, wie sich die mehr als 2500 Erdumrundungen auf den Körper des Raumfahrers ausgewirkt haben. Die Erkenntnisse sollen auch Aufschluss darüber geben, wie Menschen sich auf einen möglichen Mars-Flug vorbereiten müssen. Und obwohl Gerst als topfit gilt, ist eine intensive Erholungskur vorgesehen: Muskeln bilden sich in der Schwerelosigkeit zurück, die Wirbelsäule streckt sich.
Doch was außer Blutwerten und Knochentests bleibt noch von der etwa 80 Millionen Euro teuren Mission? Die Europäische Raumfahrtagentur (Esa) verweist vor allem auf etwa 100 Experimente an Bord des fliegenden Labors. Viele wissenschaftliche Erkenntnisse würden den Alltag auf unserem Planeten verbessern, meint DLR-Chef Jan Wörner. «Fernsehen, Kommunikation, Wettervorhersage», sagt er. Gerst sieht noch einen weiteren Sinn: «Der Blick aus dem All hilft, die Verwundbarkeit unserer Heimat zu verstehen. Die Erde ist nur eine kleine Kugel aus Stein mit einer hauchdünnen Atmosphäre.»
«Eindrucksvollste Erfahrung im Leben»
Seit seinem Nachtstart zum Außenposten der Menschheit Ende Mai hat der Mann auf der Erde einiges verpasst. Stattdessen hat der 38-Jährige andere spektakuläre Dinge erlebt, zum Beispiel einen Einsatz im freien Kosmos. Er verließ die ISS zu sechsstündigen Arbeiten. Für ihn war das die «mit Abstand eindrucksvollste Erfahrung meines Lebens».
Gerst freut sich auf Normalität, etwa auf eine Pizza und einen Lauf im Wald. Wehmut verspürt er trotzdem: Er werde vieles vermissen aus seiner Zeit in der Schwerelosigkeit, meint der Mann mit dem kahlgeschorenen Kopf – zum Beispiel Rückwärtssalto beim Zähneputzen.
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