Aus dem ärmsten, entlegensten und unerschlossensten der neun Départements der ehemaligen österreichischen Niederlande wurde ein eigenständiger Staat und ein Mitglied des Deutschen Bundes. Diese gänzlich unerwartete Entscheidung der Alliierten (England, Russland, Österreich und Preußen) gilt als Geburtsstunde unseres Landes. Eine historisch fundierte Ausstellung versucht ab morgen einen Brückenschlag zwischen der damaligen Entscheidung und der heutigen Realität (Link).
Farbige Symbolik
Das Blau-Weiß-Rot der französischen Flagge, das Schwarz-Gelb-Rot der belgischen, das Orange der Nassauer und das Schwarz-Weiß für Preußen. Die bunten Quadrate der visuellen Gestaltung der Ausstellung sind keine kreativen Ausdrücke, sondern den Farben entnommen, die für die Nachbarn des Großherzogtums stehen. Unser Land hatte 1815 noch keine eigene Flagge, keine Farbkombination, die es bezeichnet. Das Bild der Festung, ein Porträt des niederländischen Offiziers Martin Baudouin, gemalt von Fresez, die Münze mit dem Kopf von Jean-Baptiste Thorn, erster Gouverneur der Provinz Luxemburg, und das künftige Gemeindehaus der Stadt Luxemburg, das in dieser Zeit mit einiger (finanzieller) Mühe entstand, vervollständigen den ersten Eindruck der wertvollen Aufklärungsarbeit.
Die Grenzen der Unabhängigkeit: Luxemburg zwischen 1815 und 1839
Im Musée Dräi Eechelen,
5, Parc Dräi Eechelen
L-1499 LuxemburgÖffnungszeiten
Mittwoch bis Sonntag
von 10 bis 18 Uhr
www.m3e.lu
Die Gründung des Großherzogtums Luxemburg gehört nicht zum Schulprogramm. Die Entstehung der Stadt Luxemburg im Jahr 963 ist vielen von uns ein Begriff, genau wie Johann der Blinde (1296-1346) oder die römisch-deutschen Kaiser. Das Datum des 9. Juni 1815 jedoch ordnet kaum einer einem Neuanfang zu. Es ist der Tag, an dem der Wiener Kongress Wilhelm von Oranien-Nassau das Königreich der Niederlande zusprach und ihm Luxemburg als persönlichen Besitz sozusagen draufsetzte.
Kurze Unabhängigkeit
Das neu geschaffene Großherzogtum sollte in der damaligen Form nur von kurzer Dauer sein. 1839 wurde Belgien unabhängig, es bekam dabei den westlichen Teil Luxemburgs. Der Londoner Vertrag besiegelte die Abtrennung von den Niederlanden.
Vor der Bedrohung des Zweiten Weltkrieges hatte Luxemburg 1939 sein hundertjähriges Bestehen groß gefeiert. Das Datum wurde auch 1989 in einer Ausstellung nochmals aufgegriffen.
„Die Zeiten haben sich geändert. Die damals aufgezeichnete Erinnerung hält heute nicht den Vergleich“, sagte François Reinert, stellvertretender Kurator der Leitung des M3E. Der Kommissar der Ausstellung über „Die Grenzen der Unabhängigkeit, Luxemburg zwischen 1815 und 1839“ verweist dabei auf die 200.000 Einwohner, die seit 1989 dazukamen.
Entstehung und Nationalgefühl
Der von ihm konzipierte Rückblick soll den Weg zwischen der damals zufälligen – oder willkürlichen – Entstehung unseres Landes und dem heutigen Nationalgefühl dokumentieren. „Die zeitgenössische Geschichtsschreibung hat vergessen, wie und in welcher Reihenfolge die Ereignisse geschahen. Mit diesem Projekt möchten wir die Geschichtsbücher etwas abstauben“, schreibt Reinert in der Vorstellung der Ausstellung.
Die 24 Jahre, die zwischen dem Wiener Kongress und dem Londoner Vertrag liegen und die in den Räumlichkeiten des M3E dokumentiert werden, erzählen vom neu geschaffenen Pufferstaat, der unter der Hoheit von König Wilhelm von Oranien-Nassau zuerst einmal zu sich selbst finden musste. 345 Objekte wurden zusammengetragen, um die Geburtsstunde unseres Landes zu dokumentieren. Viele davon sind erstmals in einer Ausstellung zu sehen.
Prestigereichster Zeitzeuge aus Portugal
Sie kommen größtenteils aus dem hiesigen Nationalarchiv und einer privaten Sammlung. Zulieferer sind auch das Museum von Arlon und das Kreismuseum in Bitburg sowie weitere belgische und deutsche Museen und Amtsstellen. Porträts, Zeichnungen, Porzellanstücke und Silberplatten erinnern an politische Persönlichkeiten wie den Regierungssekretär Jean-Baptiste Gellé oder den Gouverneur Jean-Georges Willmar.
Der prestigereichste Zeitzeuge jedoch kommt aus Portugal. Es ist eines der acht Originalexemplare der Schlussakte des Wiener Kongresses. Das mit den Siegeln Russlands, Österreichs, Preußens, Großbritanniens, Schwedens, Portugals, Spaniens und Frankreichs versehene Dokument ist Weltkulturerbe der Unesco. „Es war nicht einfach, so kostbare Dokumente über eine so lange Zeit auszuleihen“, erklärt Reinert.
Der Rückblick, den das Festungsmuseum in Rekordzeit zusammengestellt hat, versteht sich als Geschichtsunterricht für die alten und die neuen Luxemburger.
Die Ausstellung ist aber auch eine der Vorzeige-Veranstaltungen im Rahmen der luxemburgischen EU-Präsidentschaft, die am 1. Juli beginnt und die sehr viele Gäste aus ganz Europa anlocken wird.
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