Am Amazonas brennt’s. Im Vatikan versammelt der Papst die Bischöfe der Welt und will über die Umwelt sprechen. Doch es lodert auch ein anderes Feuer. Das Streitthema Zölibat bestimmt die Debatte schon vor der Synode. Die Gegner des Papstes lauern auf ihre Chance

Brände im Amazonasgebiet und das Liebesleben von Priestern – weiter entfernt könnten zwei Themen eigentlich kaum voneinander liegen. Nicht so im Vatikan. Dort muss Papst Franziskus die kommenden drei Wochen einen gewaltigen Spagat schaffen. Ab Sonntag kommen die Bischöfe aus aller Welt zu einem Treffen zusammen, das den Titel «Amazonas-Synode» trägt. In gewisser Weise handelt es sich dabei um zwei Brandherde. Der eine ist für das Ökosystem bedrohlich. Der andere für den Zusammenhalt der katholischen Kirche.

Alessandra Tarantino/AP/dpa

Papst Franziskus steht während einer Baumpflanzzeremonie anlässlich des Festes des Heiligen Franziskus von Assisi, des Schutzpatrons der Ökologie, vor einer neu gepflanzten Eiche. 
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Auf der Synode namens «Amazonien: neue Wege für die Kirche und eine ganzheitliche Ökologie» sollte es eigentlich vor allem um ökologische Fragen zu der abgelegenen Region in Südamerika gehen. Was sich sehr regional anhört, hat allerdings Bedeutung für die Kirche auf der ganzen Welt. Grund dafür ist ein Thema mit besonderer Sprengkraft: Die Weihe verheirateter Männer.

Im Amazonasbecken herrscht seit Jahrzehnten enormer Priestermangel. Während in Deutschland ein Geistlicher 2000 Katholiken betreut, sind es im Amazonasgebiet geschätzt 14 000. Daher könnten sogenannte «Viri probati» Abhilfe schaffen. Diese aus katholischer Sicht vorbildhaften Männer könnten zur Weihe zugelassen werden.

Der Vatikan hatte im Juni offiziell Stellung zu dem Priestermangel am Amazonas bezogen. Im Arbeitspapier «Instrumentum Laboris» stellte Franziskus für die Synode die Priesterweihe für «ältere, vorzugsweise indigene und in ihrer Gemeinschaft respektierte und akzeptierte» Familienväter zur Diskussion.

Die Frage ist nun, ob – und wenn ja wie – der Papst bei der Synode in Rom die Weihe von diesen «Viri probati» absegnet. Die Regenwald-Region könnte zum Testballon für die Weltkirche werden – auch wenn das im Vatikan niemand so sagt. Und damit steht auch der Zölibat, also die Ehelosigkeit von Priestern, im Zentrum der Debatte.

Der brasilianische Kardinal Cláudio Hummes, der die Synode mit vorbereitet, will den Vorstoß für Ausnahmen vom Zölibat nicht missverstanden wissen. «Das wäre nicht für die gesamte Welt, sondern nur für solche Situationen extremer Notwendigkeit», sagte er der Zeitung «O Estado de S. Paulo».

Aber gerade Traditionalisten und Franziskus-Gegner warnen, dass damit der Damm bricht und am Ende der Zölibat fallen könnte. «Ich habe keinen Zweifel daran, dass reaktionäre und konservative Kreise alles daran setzen werden, das Thema der “Viri probati” in den Mittelpunkt zu stellen und es als dramatischen Bruch mit der Vergangenheit darzustellen – als den Riss in der Mauer der Lehre, der das gesamte Gebäude zum Einsturz bringen könnte», sagt der Vatikan-Experte Iacopo Scaramuzzi. «Aber meiner Meinung nach gibt es kaum etwas Falscheres.»

Der Zölibat wird auf der Synode sicher nicht abgeschafft. Aber ein Schlupfloch wird womöglich geöffnet. Ausgemachte Franziskus-Gegner wie der deutsche Kardinal Walter Brandmüller und der US-Amerikaner Raymond Burke sollen bereits vor «häretischen» Entscheidungen auf der Synode gewarnt haben – also solchen, die von der Kirchenlehre abweichen.

Franziskus bewegt sich bei dem Treffen bis Ende Oktober auf der Konfliktlinie zwischen konservativen Bewahrern und denen, die den Fortschritt wollen. «In der Kirche existiert eine Anti-Franziskus-Bewegung, die sich in den letzten Jahren besser koordiniert und strukturiert hat», sagt Vatikan-Experte Scaramuzzi. Beim Thema «Viri probati» wird dieser Konflikt ganz offen zu Tage treten.

Franziskus’ Dilemma: Den einen wird jeder Fortschritt nicht weit genug gehen, die anderen sehen darin gleich Ketzerei. Und so könnte nach drei Wochen nichts Konkretes herauskommen. «Ich fürchte, dass das wieder unverbindliche Gesprächskreise bleiben werden», sagte Anselm Bilgri, ehemaliger Benediktiner und Autor des Anti-Zölibat-Buchs «Bei aller Liebe». Franziskus sei «zu zögerlich». «Er macht Türen auf, aber dann hat er nicht den Mut, dazu zu stehen.»

Vielleicht helfen dem Papst ausgerechnet die fatalen Waldbrände im Amazonasgebiet, die Aufmerksamkeit auf das Umweltthema zu lenken. Denn der 82-Jährige hat das Thema Umweltschutz und Klimawandel schon lange vor der schwedischen Aktivistin Greta Thunberg als eines der dringlichesten der Welt auserkoren. In seinem Lehrschreiben «Laudato si» nannte er unseren Lebensstil «selbstmörderisch» und die Welt eine gigantische «Mülldeponie». Das wachstumsgetriebene Verhalten der Menschen könne nur in einer «Katastrophe» enden.

Die Bilder von der brennenden «grünen Lunge der Welt» haben viele Menschen nun erschreckt. Franziskus könnte auf dem Bischofstreffen zumindest beim Thema Klimaschutz ein paar Punkte gut machen. Immerhin die Bischöfe selbst sind schon «grüner» geworden: Kardinal Lorenzo Baldisseri, Generalsekretär der Synode, verkündete, dass man dank Online-Akkreditierungen sehr viel Papier eingespart habe. Auf der Synode will man weitgehend auf Plastik verzichten und Gläser aus recyclebarem Material und die Taschen mit dem Arbeitsmaterial aus Naturfasern benutzen. Das für die Dokumente verwendete Papier habe zudem einen höchstmöglichen Grad an Nachhaltigkeit.

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