Auf den ersten Blick sieht sie aus wie jede andere Rikscha in Indien: Drei Räder, ein buntes Dach und eine Sitzbank für Passagiere. Doch dann klappt Amod Kumar mit einem Handgriff die Rückenlehne um, platziert sie auf dem Sattel und hat so ein zwei Meter langes Bett geschaffen. «Super stabil», sagt er stolz und schwingt sich hinauf. Er knipst das Licht und den Ventilator unter dem Sonnenschutz an und beginnt dann, das Moskitonetz um sich herum aufzuhängen.
Kumars verwandelbare Rikscha ist ein Prototyp – und bald schon sollen davon Hunderte auf den Straßen Neu Delhis unterwegs sein. «In der Stadt sind 30 Prozent der wohnungslosen Menschen Rikscha-Fahrer», schätzt Kumar, der für die Nichtregierungsorganisation Mother NGO arbeitet, die sich um Obdachlose in der Stadt kümmert. Für diese Armen soll das umklappbare Gefährt zu einem kleinen Zuhause auf Rädern werden.
Die mit Muskelkraft betriebenen Rikschas sind in der aufstrebenden Wirtschaftsmacht Indien selbst in der Hauptstadt nicht aus dem Alltag wegzudenken. Die Fahrer kurven für umgerechnet wenige Euro pro Tag morgens Schulkinder durch die engen Gassen der Altstadt, transportieren Touristen vorbei an Marktständen, Kühen und Lastenträgern, und bringen Geschäftsleute in halsbrecherischen Manövern über vierspurige Straßen voller Autos, Busse und Motorräder.
Illegale Auftraggeber
Allerdings besitzen die meisten Fahrer ihre Rikscha gar nicht, erklärt Kumar. «Das Geschäft läuft über illegale Auftraggeber, die 100 bis 5.000 Rikschas haben. Diese verleihen sie in Zwölf-Stunden-Schichten an die Fahrer.» Doch selbst wenn die Fahrer eine eigene Rikscha besitzen, sei ihr Leben nicht einfach, sagt Kumar. «Viele wagen es nicht, ihre Rikscha nachts unbeaufsichtigt abzustellen und sich einen Schlafplatz zu suchen. Deswegen versuchen sie, in oft unmöglichen und gesundheitsschädlichen Positionen, darauf zu schlafen.»
Bei der Entwicklung der neuen Rikscha haben Kumar und der Designer Ankur Rawal auch Studenten vom St. Stephen’s College eingespannt. Einige haben Rikscha-Fahrer nach ihren Vorstellungen und Wünschen befragt, andere haben beim Zusammenschrauben geholfen. Dabei wurde nicht nur an einen Trinkflaschenhalter und ein Handyladegerat sowie an Vorder- und Rücklicht gedacht. «Die Rikscha muss sowohl für den Fahrer als auch für die Passagiere komfortabler sein als herkömmliche, damit sie angenommen wird», sagt Rawal.
Solar-Panel
Deswegen verfügt sie auch über ein Trittbrett für leichteres Einsteigen, eine Sitzfederung und ein Radio. «Auf dem Dach ist ein 30-Volt-Solar-Panel, das bei drei Stunden Sonnenschein die Batterie voll auflädt», sagt Rawal. Das reiche dann für fünf Stunden Ventilator und Beleuchtung. Wichtig sei den Fahrern auch eine abschließbare Box für ihre Wertsachen gewesen, die sich nun unter dem Sitz befindet.
Die Mother NGO arbeitet daneben mit dem Mikrokreditunternehmen Shikhar zusammen. 16.000 Rupien (230 Euro) soll die Rikscha kosten, das ist fast doppelt so viel wie eine herkömmliche. Dafür eröffnet Shikhar ein Bankkonto für die Fahrer – was ihnen normalerweise nicht möglich ist. «Darauf können sie persönlich oder mit ihrem Handy jeden Tag Geld einzahlen», sagt Satya Chakrapani. Ungefähr 50 Rupien sollen die Fahrer pro Tag von ihrem Verdienst abgeben – das entspricht dem Betrag, den die meisten derzeit an ihre Verleiher zahlen.
Kumar erzählt, dass die Studenten schon eine lange Liste von Interessenten erstellt hätten. Er hofft, dass die Stadtverwaltung nun schnell Lizenzen für die Rikschas ausstellt. «Es geht hier ja nicht um Komfort», sagt er. «Sondern um ein menschenwürdiges Leben.»
Zu Demaart
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