Als Boris Liedtke im Januar seine neue Stelle angetreten hat, hat er sich sofort eine Immobilie gekauft. „Die Immobilien in Luxemburg sind teuer,“ sagt er. „Aber im Vergleich zu Singapur sind sie erschwinglich.“ Die Entscheidung für den Kauf einer Wohnimmobilie mag auch daher rühren, dass der Mann Mitte 40 in Luxemburg heimisch werden will. Er will so schnell nicht wieder weg.
Der Posten verpflichtet. Liedtke übernimmt das Zepter von Ernst Wilhelm Contzen. Der Chefsessel dieser Bank wechselt nur selten den Besitzer. In den 44 Jahren, in denen es das Institut gibt, ist Liedtke erst der dritte Geschäftsführer.
Am Donnerstag präsentierte sich der neue Chef der Deutschen Bank der luxemburgischen Presse. Dabei plauderte er auch über das Land und über seine ersten Eindrücke. „Luxemburg ist das Singapur des Westens“, findet er. Im Verlauf des Morgens sollte er diesen Satz noch zweimal wiederholen.
Die Affinität zu Singapur kommt nicht von ungefähr. Bevor Liedtke seinen Posten in Luxemburg antrat, hat er in Singapur gearbeitet. Seine Frau stammt von dort. In Singapur leitete er das Asiengeschäft der Deutschen Asset Management – Tochtergesellschaft der Deutschen Bank. „Das Wachstum dort findet vor allem im Asset-Management-Bereich statt“, sagt Liedtke. Die Aufgabe sei interessant gewesen.
Der Rechtsstaat als Geschäftsmodell
Die Erfahrung in Asien sieht der Vater von vier Kindern als Pluspunkt für seine Arbeit in Luxemburg. Das Land interessiert sich derzeit stark für den östlichen Kontinent – insbesondere für China. Ein bisschen Chinesisch kann Boris Liedtke sogar. Auch der Bereich, in dem er zuletzt aktiv war, das Asset Management, sieht er in Luxemburg gut aufgestellt. „Asiaten, die im Asset Management aktiv sind und nach Europa wollen, haben eine Tendenz zu Luxemburg“, sagt er.
Luxemburg kennt Liedtke bereits aus seinen früheren Jahren, als er für die Deutsche-Bank-Fondstochter DWS gearbeitet hat. Regelmäßige Besuche in Luxemburg waren damals Teil seines Geschäftes.
„Luxemburg ist multikulturell und unglaublich international“, sagt er. Die Gesellschaft in Luxemburg, die aus derart vielen Nationalitäten bestehe, garantiere, so Liedtke, eine „natürliche Diversifikation der Meinungen“. So könne aus den verschiedensten Kulturen geschöpft werden, wenn es darum gehe, Lösungen zu finden. Und Luxemburg habe die Rechtsstaatlichkeit zu seinem Modell gemacht – so wie Singapur auch. Der Vergleich zu Singapur wird in den kommenden Monaten wohl noch häufiger erfolgen. Ein starker Finanzplatz setze, davon gibt er sich überzeugt, einen starken Rechtsstaat voraus, so dass Investoren sich gut aufgehoben fühlten. Investoren fühlten sich besonders wohl, wenn sie sicher sein könnten, dass Verträge eingehalten würden und dass sie nicht das Opfer von Korruption oder Enteignungen würden.
Unter diesem Licht betrachtet der neue Bankenchef auch den nahenden automatischen Informationsaustausch. Es sei nicht möglich, ein Geschäftsmodell zu entwickeln und damit langfristig Erfolg zu haben, wenn es auf betrug basiere, sagt er. Das habe sich auch in der Praxis gezeigt. Die Länder, die sich in der Vergangenheit von einem solchen Modell weg bewegt hätten, hätten sich positiv entwickelt.
„Wer sich mehr mit dem Thema beschäftigt, stellt fest, dass der saubere Weg der richtige ist“, meint Liedtke. Die Kunden, das wünscht er sich, sollen nach Luxemburg kommen wegen der besseren Produkte, und nicht wegen der Geheimhaltung.
„Luxemburg und Singapur denken beide strategisch und nachhaltig über ihr Geschäftsmodell nach“, analysiert der Banker. Und beide Länder hätten bewiesen, dass sie Erfolge mit ihrer Strategie feiern könnten. Luxemburg habe sich erfolgreich vom Agrarland über das Industrieland zum Finanzplatz entwickelt. Singapur vom Handelsplatz zum Finanzplatz. „Luxemburg kann nicht nur strategisch denken, sondern es auch umsetzen.“
Am Ende schmeichelt er dann doch Luxemburg mehr als Singapur. Seiner neuen Heimat bestätigt er das bessere Modell. Singapur setze vor allem auf Devisengeschäfte, Luxemburg auf die Vermögensverwaltung. Die Luxemburger Ausrichtung habe die besseren Karten, so Liedtke. Der verschärfte Bedarf an Altersvorsorge mache die Vermögensverwaltung zum nachhaltigeren Modell.
Erst einmal voll ausgelastet
Nun gilt es erst einmal für den frisch gebackenen Bankenchef, die Ärmel hochzukrempeln. Er hat viel vor. Ihm ist es wichtig, die Deutsche Bank lokal zu verknüpfen. Das sieht die Leitlinie für die Chefs in der Deutschen-Bank-Gruppe so vor. Mit dem von der Bank ausgerichteten Finanzforum und dem alljährlichen Weihnachtskonzert sieht Liedtke die Deutsche Bank in der luxemburgischen Gesellschaft bereits gut positioniert. In der Bank selbst will er die unterschiedlichen Bereiche enger miteinander verknüpfen. Warum sollen die Kunden der Vermögensverwaltung nicht die Investmentfonds von DWS besser nutzen?
Wie sein Vorgänger verstärkt bei der Bankenvereinigung ABBL aktiv werden will Liedtke erst einmal nicht. „Mit meinen jetzigen Aufgaben bin ich ausgelastet“, sagt er.
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