Europa steht vor ernsthaften wirtschaftlichen Herausforderungen. Die Wirtschaft auf dem alten Kontinent wächst nur noch langsam, die Arbeitslosigkeit verharrt auf einem sehr hohen Niveau – vor allem für Jugendliche wird die Jobsuche immer schwieriger.
Kleine und mittlere Unternehmen stärken
Um die Herausforderungen zu meistern, hat die EU-Kommission vor etwas mehr als einem Jahr die „Missions for growth“ ins Leben gerufen. Bei dieser Veranstaltungsserie geht es darum, kleine und mittlere Unternehmen (KMU) zu stärken. „Die KMU sind das Rückgrat der Wirtschaft“, sagte Daniel Calleja Crespo, zuständig für Unternehmen und Industrie bei der EU-Kommission, am Dienstagmorgen. Während große multinationale Konzerne Personal abbauen, steigt die Beschäftigung bei den KMU weiter leicht an.
„Die Europäische Union besteht aus mehr als nur aus Budgetkürzungen und Troika“, betonte der Vizepräsident der EU-Kommission, Antonio Tajani. „Wir brauchen mehr Wachstum – vor allem, um die Jugendarbeitslosigkeit zu bekämpfen.“ Dafür brauche man Firmen, die wachsen. Wachstum ist für den Kommissar aber kein Selbstzweck. „Die Förderung der Unternehmen ist ein Mittel zum Zweck, um Sozialpolitik zu betreiben“, erklärte er.
Und der Ruf der EU-Kommission wurde gehört. Mehr als 500 Unternehmensvertreter aus über 36 Ländern waren nach La Louvière gekommen. Rund 1.000 Kontakte bzw. Treffen zwischen Unternehmensvertretern waren bereits im Vorfeld organisiert worden. Hierfür wird auf das Enterprise Europe Network (EEN) zurückgegriffen, ein Netzwerk von rund 600 Büros in 52 Ländern. Diese Institution, die von der EU-Kommission mitfinanziert wird, kann auf jahrelange Erfahrung im „Matchmaking“ (dem Herstellen von Kontakten) zwischen Unternehmen zurückblicken.
Erste Beteiligung
„Für Luxemburg handelte es sich am Dienstag um die erste Beteiligung an einer ‚Mission for growth’“, sagte Sabrina Sagramola, hierzulande zuständig für das EEN. „Wir nehmen die Unternehmen bei der Hand und begleiten sie ins Ausland. Zu den 30 mitgereisten Unternehmen zählen unter anderem Dronelab, Javor Consulting, AB-Lux und Sales-Lentz. Während traditionelle Wirtschaftsmissionen die Gespräche zwischen Firmen aus zwei Ländern ermöglichen, schafft diese Veranstaltung länderübergreifende Kontakte“, erklärte sie. Es gehe inhaltlich zwar um das Potenzial der Wallonie, „aber man begegnet auch Unternehmern aus anderen Ländern. Gemeinsam haben sie ein Interesse an Geschäften in der Region Wallonien und darüber hinaus.“
Dass die „Mission for growth“ in der Wallonie stattfindet, ist kein Zufall. „Die Wallonie ist ein gutes Beispiel für eine Region, die dabei ist, sich selber neu zu erfinden“, so Antonio Tajani.
„Wallonien ist eine alte industrielle Region, die ihr Image verändert hat“, erzählte Philippe Suinen, CEO von Awex (Agence wallonne à l’exportation), gegenüber dem Tageblatt. Vor rund 14 Jahren beschloss die Region, sich wirtschaftlich neu aufzustellen. „Wir haben nach Aktivitäten gesucht, in denen wir über Weltklasse-Fachwissen verfügen.“ Man hat sich für sechs Sektoren entschieden, die prioritär gefördert werden sollen: Biotechnologie, Logistik, Luft- und Raumfahrt, Lebensmittel, Mechanik, sowie Ökotechnologien.
Eine solche Aufteilung in Kompetenzzentren ermögliche es auch kleinen Firmen, ihren Platz in der internationalen Wertschöpfungskette zu finden, so Philippe Suinen weiter. „Diese Sektoren stehen heute für 75 Prozent unserer Exporte.“ Damit Europa attraktiv bleibe, müsse jede Region auf ihre eigenen Spezialitäten setzen, unterstrich auch der EU-Kommissar.
„Nachbar und Komplize“
Insgesamt „ist der wallonische Anteil der Exporte (der Eurozone) von 0,94 Prozent in 1996 auf über ein Prozent (2012) gestiegen.“ Wichtigster Exportmarkt ist Frankreich, gefolgt von Deutschland und den Niederlanden. Mit seinen 109 Büros im Ausland versucht Awex, die Wirtschaft der Region weiter anzukurbeln. Zusätzlich seien seit 2000 1.100 neue ausländische Investoren in die Region gekommen, so Suinen. Zu ihnen zählen bekannte Firmen wie Google und Microsoft. Doch „die Arbeitslosigkeit liegt weiterhin bei leicht mehr als zehn Prozent. Die Region hat noch Probleme – aber das Potenzial ist groß.“
Luxemburg sieht Philippe Suinen als „Nachbar und Komplize“. Das Großherzogtum ist der siebtwichtigste Exportmarkt für Wallonien. „Wir können ausländischen Investoren gemeinsam Vorschläge unterbreiten: beispielsweise eine Firmenzentrale in Luxemburg und ein Werk in Wallonien.“ Außerdem werden regelmäßig gemeinsame Wirtschaftsmissionen organisiert. „Dann haben beide mehr von allem anzubieten.“
Jean-Claude Marcourt, Wirtschaftsminister der Wallonie, ist auch stolz auf das, was seine Region in den letzten zehn Jahren erreicht hat. Von der Financial Times fühlt er sich bestätigt, da diese „die Wallonie – als einzige Region in Belgien – zu den 25 attraktivsten Regionen Europas zählt“ (Nummer 16 von 180 Regionen). Das Geheimnis des Erfolges sieht er in einem gut funktionierenden Zusammenspiel zwischen Unternehmen, Forschungszentren und Ausbildungsinstituten. Auch werde heute viel mehr miteinander geredet als früher.
Optimismus
Belgiens Premierminister Elio di Rupo gab sich ebenfalls optimistisch: „Es gibt Bewegung“, sagte er. Die Wallonie sei dabei, sich zu erholen. Zudem hob er die wirtschaftliche Entwicklung von ganz Belgien als beispielhaft hervor: „Wir sind eines der Länder, die am besten durch die Krise gekommen sind“, so Di Rupo. Intelligentes Sparen, gekoppelt mit guten Sozialversicherungen, erkläre den Erfolg. Die versammelten Unternehmer rief er dazu auf, in Wallonien zu investieren: „Kommt her ins Zentrum von Europa. Wir haben viel günstiges Land. Wir bieten viel Potenzial für relativ niedrige Kosten.“ Zur Ankurbelung des Wachstums in Europa müsse aber, neben dem Aufbau von Fachkompetenzzentren, auch die Industrie gefördert werden, so die allgemeine Botschaft der Redner aus La Louvière. Die EU verfolgt große Ziele. „Wir wollen den Anteil der Industrie an der Wertschöpfung bis 2020 auf 20 Prozent steigern“, sagte Tajani. Heute liegt dieser Prozentsatz bei rund 15 Prozent. Doch „wenn die Rahmenbedingungen stimmen, dann kommt die Industrie auch zurück“, meinte ein optimistischer EU-Kommissar. Die Union solle wieder den Weg zum „Europa des Wachstums“, zum „Europa der Hoffnung“ finden. Vor allem zum Gang über die Grenzen möchte er die Unternehmer motivieren. Die höheren Wachstumsraten würden ja in Ländern außerhalb der EU verbucht.
Um die Geschäfte nicht nur theoretisch anzukurbeln, haben die Unternehmensvertreter den Nachmittag mit „Matchmaking/Speeddating“ verbracht. „Im Schnitt hat jedes teilnehmende Unternehmen acht Treffen an einem Tag“, sagte Sagramola. Ein Treffen dauere rund 20 Minuten. Ein Drittel dieser Gespräche trage potenzielle Früchte, so die Unternehmens-Matchmakerin.
Mit konkreten Geschäftsabschlüssen rechnet indes kaum ein Teilnehmer. „Wir sind vor allem hier, um Kunden zu besuchen und um herauszufinden, was den Markt in Belgien derzeit bewegt“, so Fatima El Bachiri von Antium, einem Family Office aus Luxemburg. „Wir sind gekommen, um Kunden zuzuhören.“
Zu Demaart
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