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Kolumne Die fast heiteren Spiele: Petz Lahure über Olympia vor 50 Jahren in München 

Kolumne  / Die fast heiteren Spiele: Petz Lahure über Olympia vor 50 Jahren in München 
Die Luxemburger Delegation beim Einmarsch ins Olympiastadion von München am 25. August 1972. Hinter Fahnenträger Charles Sowa „Chef de mission“ Ferd Wirtz  (verdeckt) und die Bogenschützin Nelly Wies (mit Sonnenbrille). Foto: Privatarchiv P.L.

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Am Freitag vor 50 Jahren, am 26. August 1972, wurden in München die Spiele der XX. Olympiade der Neuzeit eröffnet. Es waren Spiele voller Dramatik, Tragik, Freude und Trauer. Unter den 8.000 Sportlern aus 122 Ländern waren auch elf Luxemburger Athleten.

München, Olympiastadion, Samstag, 26. August 1972, 14.55 Uhr. Der Himmel strahlt in Blau, es ist sehr heiß. Rund 80.000 Zuschauer warten auf die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele, die in fünf Minuten beginnen wird. 

„Bitte lächeln“

Aus den Lautsprechern ertönt die Stimme von Joachim Karl „Blacky“ Fuchsberger, dem bekannten deutschen Schauspieler („08/15“, „Das Gasthaus an der Themse“, „Im Banne des Unheimlichen“), den man aus besonderem Anlass als Stadionsprecher verpflichtet hat.

„Meine Damen und Herren! In wenigen Minuten werden über 70 Fernseh- und Radiostationen aus aller Welt mit der Übertragung aus dem Münchner Olympiastadion beginnen. Tausende von Journalisten sind bei uns, um dieses Ereignis in der ganzen Welt über Satelliten zu kommentieren und zu zeigen, in welch fröhlicher und festlicher Gemeinschaft wir versammelt sind, um die Eröffnung der Spiele der XX. Olympiade gemeinsam zu begehen. Journalisten aus der ganzen Welt haben eine enorme Vorarbeit geleistet, und es gehörte unglaublich viel dazu, um diese Übertragung möglich zu machen. Ich glaube, es ist nicht übertrieben, wenn wir den Journalisten aus der ganzen Welt und den Technikern dafür danken.“

Das Stadion applaudiert, und Fuchsberger fährt nach einer kurzen Pause fort: „Fernsehkameras aus der ganzen Welt sind in wenigen Minuten auf Sie gerichtet, liebe Freunde, liebe Münchner. Es empfiehlt sich, ab jetzt nur noch zu lächeln.“

Luxus pur

Ich rutsche auf meinem Stuhl im Pressesektor aufgeregt hin und her, vor mir steht ein kleiner Fernseher, auf dem ich das Geschehen verfolgen kann. Nicht nur für einen Journalisten ist das Luxus pur. Farbfernsehen gibt es erst seit dem 25. August 1967, und im Großherzogtum haben die wenigsten einen entsprechenden Apparat, weil er erstens zu teuer ist und zweitens neben der deutschen PAL-Norm auch noch das französische Secam-System angeboten wird. Um in Luxemburg fürs Farbfernsehen gerüstet zu sein (deutsche und französische Programme), muss man demnach über zwei Schirme verfügen oder über einen solchen, der beide Systeme vereint und daher für den Normalbürger unerschwinglich ist.

München 1972 sind die ersten Olympischen Spiele, über die ich vor Ort berichten darf. Mexiko 1968 musste ich aus der Redaktion bearbeiten. Damals wurde das Tageblatt noch morgens früh gedruckt, sodass es trotz des Zeitunterschieds mit Mexico City (7 Stunden) möglich war, die Resultate sämtlicher Wettbewerbe, die nachts (Luxemburger Zeit) stattfanden, wenige Stunden später in der Zeitung zu veröffentlichen und zu kommentieren.  

„Olympia-Parade“

Die Eröffnungsfeier von München 1972 verspricht einmalige, heitere Spiele. Alles, was im Stadion passiert, ist so undeutsch, so gelöst, so schön. Eine Mischung aus Feierlichkeit, Farbe und Freude, untermalt von Kurt Edelhagens „Big Band“, die jede Nation mit speziellen Melodien empfängt. In vielen Publikationen ist später vermerkt, Max Greger und sein Orchester hätten die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele animiert. Diese Meldung ist zwar weit in die Welt getragen worden, aber sie stimmt nicht. 

Kurt Edelhagen, der den Delegationen einen Takt von 114 Schlägen pro Minute vorgibt („das ist der Takt, bei dem ein Mensch am lockersten geht“), steht im Herbst 1972 mit seiner „Olympia-Parade“ zwei Monate lang an der Spitze der deutschen Charts. Die Vinyl-Platte habe ich damals gekauft und als Souvenir der Spiele mit nach Hause gebracht. Sie liegt auch 50 Jahre danach fein säuberlich in ihrer Schutzhülle im Stubenschrank. München 1972 bleibt für mich die bescheidenste, aber auch die schönste und ergreifendste aller Eröffnungsfeiern, die ich in meiner langen Journalistenkarriere erleben durfte.

In Dunkelblau

Luxemburg marschiert nach Liechtenstein ins Stadion ein. In der rechten Hand trägt Geher Charles Sowa die Luxemburger Fahne, die eher ausschaut wie die holländische. Vor ihm geht ein blondes Mädel mit weißer Sturzkappe und in weißer Sportkleidung mit dem Schild „Luxemburg“ (weiße Schrift auf bayrisch-blauem Untergrund), hinter ihm „Chef de mission“ Ferd Wirtz. Es folgt, mit Sonnenbrille, die einzige Frau der Delegation, Nelly Wies. Die anderen Luxemburger marschieren pärchenweise über die Kunststoffbahn, Radsport-Begleiter André Hoffmann neben Fechter Romain Mannelli, dessen älterer Bruder Remo Mannelli neben dem Leichtathletik-Offiziellen Jemp Hoffmann usw. Alle Delegationsmitglieder sind festlich und einheitlich in Dunkelblau (Zweireiher-Sakko für die Herren, Tailleur für die Dame) gekleidet.

Nach dem Einmarsch der 122 Mannschaften kündigt Fuchsberger den Anfang der Feier an: „Münchner Mädchen und Buben entbieten mit selbst gebundenen Bögen und Blumensträußen den Gruß der Jugend.“ 3.200 Auserwählte umtanzen in einem farbenfrohen Reigen die Delegationen. Peitschenknaller, Böllerschützen und Schuhplattler aus dem Oberbayrischen reißen die 80.000 begeisterten Zuschauer im wunderschönen Olympiastadion zu einem Jubelsturm hin. 

Mit der Luxair-Caravelle

Die Spiele lachen … bis zum schwarzen 5. September. Doch darüber mehr in einer Sonderkolumne am 50. Erinnerungstag des Dramas. 

Zwei Tage vor Olympias bittersten Stunden haben die Luxemburger Supporter allen Grund zur Freude, denn der damals 39-jährige Charles Sowa wartet mit einem zehnten Platz über 50 km Gehen auf (36 Teilnehmer). Die Grippe und die Bronchitis, die ihm Tage zuvor über 20 km zu schaffen machten (Platz 18 unter 24 Startern), sind ausgeheilt, die Moral wieder intakt.

Auf den 50 km wird Sowa am Straßenrand immer wieder angefeuert. Am frühen Sonntagmorgen sind 89 Schlachtenbummler mit einem Luxair-Spezialflug angereist. Unsere nationale Flugzeuggesellschaft setzte damals eine Sud Aviation Caravelle ein, die sie zwei Jahre zuvor als Ersatz für eine Vickers Viscount in Betrieb genommen hatte. Außer der Caravelle bestand die Luxair-Flotte Anfang der 1970er-Jahre aus drei Fokker F-27 und einer 1969 gelieferten Boeing 707. 

Der „goldene Sonntag“

Unter den Schlachtenbummlern, die für einen Tag mit der Caravelle nach München angereist sind, befinden sich auch der kürzlich verstorbene Revue-Fotograf Jochen Herling, mit dem ich vier Jahre danach herrliche Spiele in Montréal erlebe, und mein Freund Jean-Marie Backes (JEM), der seinen Jungfernflug absolviert.

Genau wie die meisten anderen Luxair-Passagiere bedauert Backes, dass er keine Tickets für die Leichtathletikwettkämpfe erwerben kann, denn an diesem Sonntagnachmittag ist die Hölle los im Olympiastadion. Deutschland holt nicht weniger als dreimal Gold durch die 800-m-Läuferin Hildegard Falck, den Speerwerfer Klaus Wolfermann und den Geher Bernd Kannenberg. Hinzu kommt eine Silbermedaille durch die Fünfkämpferin Heide Rosendahl.

Weil der Geher-Wettbewerb gratis ist, werden die Luxemburger Schlachtenbummler für ihr Kommen durch die Vorstellung von Charles Sowa entschädigt. Sie winken dem Luxemburger Sportler auf dem Rundkurs um das Nymphenburger Schloss mit rot-weiß-blauen Fähnchen zu und muntern ihn immer wieder auf. Am Straßenrand stehen auch Großherzog Jean und sein Sohn Prinz Henri (der heutige Großherzog) sowie der vierfache Goldmedaillengewinner von Berlin 1936, Jesse Owens.

Schiel im Viertelfinale

Sowa fällt nie weiter als auf den 13. Platz zurück, er dreht seine Runden mit einer Regelmäßigkeit sondergleichen. Nach 4 Stunden, 14 Minuten, 21 Sekunden und 2 Hundertsteln kommt er als Zehnter ins Ziel.

Dieser Rang ist die beste Luxemburger Leistung in München. Im Blickpunkt steht auch Degenspezialist Robert Schiel, der sich für das Viertelfinale qualifiziert und dabei verschiedene Weltklassefechter schlägt. Im Schlussklassement belegt er den 19. Rang unter 72 Teilnehmern.

In der Mannschaftsdisziplin scheiden die Fechter (Alain Anen, Aly Doerfel, Remo Mannelli, Romain Mannelli, Robert Schiel) gegen die Schweiz und Polen aus. Den vierten Gruppenkampf gegen Mexiko bestreiten sie nicht, da beide Länder keine Qualifikationschance mehr haben.

Bogenschützin Nelly Wies übertrifft das vom Olympischen Komitee geforderte Minimum (2.100 Punkte). Als Belohnung winkt ein 24. Platz unter 40 Teilnehmerinnen. Marcel Balthasar dagegen patzt auf den 50 und 90 m und schließt den Wettbewerb auf Rang 39 unter 55 Eingeschriebenen ab.

Am Trikot gezupft

Erstaunlich gut mischen die Radamateure Erny Kirchen und Lucien Didier (die Väter von Kim Kirchen und Laurent Didier) beim Straßenrennen mit, das vom Niederländer Hennie Kuiper gewonnen wird. Beide Luxemburger haben vorher hinter Motoren mit Coach André Hoffmann trainiert, was ihnen später auf dem 182,4 km langen Rundkurs zugutekommt. 

Im Schlussspurt sieht es lange danach aus, als ob Kirchen sich unter den zehn Ersten platzieren könnte. Zweimal wird er am Trikot gezupft und behält nur mit viel Glück das Gleichgewicht. Am Ende wird Kirchen 27., während Didier als 56. ankommt.

Pech hat der Pistolenschütze Michel Braun, da der Luxemburger Wagen bei der Anfahrt zum Schießstand in einen Unfall verwickelt wird und der Sportler sich dadurch nicht mehr richtig konzentrieren kann. Auch am zweiten Tag des Wettbewerbs gelingt es Braun nicht, seine Nervosität abzustreifen. Er beendet das olympische Schießen mit der Schnellfeuerpistole auf Rang 38 unter 62 Teilnehmern.