Dienstag13. Januar 2026

Demaart Zu Demaart

Headlines

Der Armstrong-Komplex

Der Armstrong-Komplex

Jetzt weiterlesen !

Für 0,99 € können Sie diesen Artikel erwerben.

Oder schließen Sie ein Abo ab.

ZU DEN ABOS

Sie sind bereits Kunde?

RADSPORT - Lance Armstrong ist ein globales Radsport- und Medienereignis. Am Mittwoch, 2. Juni startet der umstrittene siebenfache Tour-de-France-Sieger bei der Skoda Tour de Luxembourg. Und das in den letzten Jahren zum Luxemburger Großereignis gewachsene Rennen kriegt plötzlich ganz neue Dimensionen.

Kim Hermes

Um die 120 Journalisten haben sich bisher angemeldet. Stand Montagnachmittag. Verantwortlich für das gesteigerte Interesse im Ausland ist in erster Linie das Phänomen Lance Armstrong. Keiner zieht die Medien so an wie der Texaner. Und an keinem scheiden sich die Geister derart wie an ihm. Manche halten ihn für den größten Sportler aller Zeiten. Für andere ist er ein Betrüger. Sicher ist nur: Wenige stehen ihm gleichgültig gegenüber.

Sieben Mal hat er die Tour de France gewonnen, das größte und härteste Rennen der Welt. Er hat den Krebs besiegt und darüber ein Buch geschrieben, das zum Bestseller wurde. Er hat mit seiner Stiftung Hunderte Millionen Dollar gesammelt für den Kampf gegen den Krebs. Er trifft Staatsmänner und nicht immer ist dabei klar, wer gerade wem seine Aufwartung macht. Die Medien stürzen sich auf jede noch so belanglose Äußerung, die der Texaner via Twitter in die Welt sendet.
LANCE ARMSTRONG

o Geboren: 18. September 1971 in Plano/Texas (USA)

o Erster Titel: US-Amateurmeister 1991

o Profi: ab 1992 (Motorola)
o Teams: Motorola (1992-1996), Cofidis (1997), US Postal (1998-2004), Discovery Channel (2005), Astana (2009), RadioShack (seit 2010)

o Wichtigste Erfolge: Rundfahrten: 7 x Tour de France (1999-2005), Tour de Suisse (2001), Dauphiné Libéré (2002, 2003), Midi Libre (2002) – Eintagesrennen: Flèche Wallonne (1996), Clasica San Sebastian (1995), Trofeo Laigueglia (1993), Straßen-Weltmeister (1993), außerdem: 22 Etappen der Tour de France, 2 Etappen der Tour de Suisse und 2 Etappen des Dauphiné Libéré

o Comebacks: Nach der Krebsdiagnose im Oktober 1996 und der erfolgreichen Therapie kehrte Armstrong ein erstes Mal im Frühjahr 1998 zurück in den Radsport. Nach sieben Tour-de France-Siegen erklärte er 2005 seinen Rücktritt. 2009 kam er zurück und wurde Dritter bei der Tour.
Kurz: Es mag vielleicht nicht sicher sein, dass Lance Armstrong der größte Sportler der Welt ist, aber er ist ein wandelndes Medienereignis, wie es im Sport derzeit kein zweites gibt. Vor allem in den USA ist er für manche ein Held, der „Mann aus Eisen“, wie ihn L’Equipe nannte.

Zu schön…

Es war aber auch jene Equipe, die im August 2005 unter dem Titel „Le Mensonge Armstrong“ von Dopingproben Armstrongs aus dem Jahr 1999 berichtete, die in Nachtests positiv auf Epo gewesen seien. Es war nicht das erste Mal, dass die Wörter Doping und Armstrong zusammen fielen.

Armstrong war Jahre zuvor bereits für seine Zusammenarbeit mit dem italienischen Arzt Michele Ferrari, von manchen auch zärtlich „Dottore Epo“ gerufen, kritisiert worden. 2004 hatte das Buch „LA confidentiel, les secrets de Lance Armstrong“ Dopingvorwürfe gegen Armstrong erhoben. 2006 meldete Le Monde, Armstrongs ehemaliger Teamkollege Frankie Andreu und seine Frau Betsy hätten ausgesagt, dass Armstrong gegenüber Ärzten 1996 den Gebrauch von u.a. Epo, Wachstumshormonen und Testosteron eingeräumt habe.

Zu dem Zeitpunkt war Armstrong schon zurückgetreten, aber das Märchen seines Aufstiegs vom Krebspatienten zum Toursieger hatte Risse bekommen. Die Geschichte schien irgendwann zu schön, um wahr zu sein. Es wurde angezweifelt, dass alles mit rechten Dingen zugegangen sei. Armstrong selber stritt jegliches Doping immer kategorisch ab. Hieb- und stichfeste Nachweise gab es bisher nie. Verdächtig ja, überführt nein.

Inzwischen ist Armstrong zurückgekehrt. Es war das meistbeachtete Comeback des Jahres 2009. Armstrong fuhr die Tour de France und wurde am Ende Dritter. Er war wieder da und ist es noch immer. Von seinen Gegnern hingegen sind viele auf der Strecke geblieben. Zum Beispiel der Italiener Filippo Simeoni. Er war Kunde von Ferrari und sagte gegen den Arzt aus. Armstrong nannte Simeoni einen Lügner, der Italiener klagte, kurz: Man hatte Streit. Als Simeoni sich dann bei der Tour 2004 auf der 18. Etappe einer Ausreißergruppe anschließen wollte, holte ihn Armstrong persönlich zurück, obwohl er dem US-Amerikaner in der Gesamtwertung nicht gefährlich war: „Du hättest nicht gegen Ferrari aussagen sollen, ich habe Geld und Zeit, ich werde deine Karriere zerstören.“ Das soll Armstrong gesagt haben. Er selber bestreitet das. Der Streit mit Klage und Gegenklage ist mittlerweile offiziell beigelegt.

Beim Giro 2009, zu dem Armstrong sich angesagt hatte, durfte Simeoni allerdings nicht starten. Sein Team sei zu schwach, hieß es vonseiten der Organisatoren. Simeoni war zu dem Zeitpunkt italienischer Straßenmeister.

Die Verwandlung

Der Armstrong von 2009 war nicht mehr der Armstrong von 2005. Er spielte die Klaviatur der Medien feinfühliger. Er widmete sein Comeback dem Kampf gegen den Krebs, er gab sich versöhnlich und gewährte sogar Frankie Andreu Interviews für einen amerikanischen Sportsender. „Projekt Mr. Nice Guy“ titelte das Nachrichtenmagazin Der Spiegel: „Seit Armstrong den schlimmsten aller Todfeinde besiegt hat, den Krebs, kann er nur noch lachen über alle, die sich in seinen Weg stellen. Er gehört zu den Mächtigen und dank seines umfangreichen Charity-Systems für Krebskranke auch zu den Guten. Daran kann der Doping-Verdacht längst nicht mehr kratzen“, so das Magazin.

Und das Beste daran: Jeder konnte via Twitter seinen Teil von Lance Armstrong abbekommen. Sogar den Journalismus hat er teilweise verändern können, denn die online in die Welt getwitterten Statements waren immer noch ein besseres Zitat als gar keines. Und wenn Armstrong dann doch in Mikrofone und Kameras sprach, zeigte er eine Eloquenz, die nur wenigen Sportlern eigen ist.

Stigma

Aber wie viel Gutes Armstrong auch tat und so mitteilungsfreudig und offen er sich auch gab, vor allem in Europa schaffte er es nicht, das Stigma des mutmaßlichen Dopingsünders loszuwerden. Der preisgekrönte britische Journalist und Ex-Profi Paul Kimmage etwa bezeichnete Armstrong als den Krebs des Radsports. Armstrongs Antwort kann immer noch auf Youtube angesehen werden, als er Kimmage bei der Pressekonferenz zur Kalifornien-Rundfahrt 2009 runterputzte: „Du bist den Stuhl nicht wert, auf dem du sitzt, mit so einer Aussage. (…) Ich bin mir nicht sicher, ob ich dir jemals für diese Aussage werde vergeben können.“

Ob Armstrong gut oder schlecht für den Radsport ist, wird sich womöglich erst in ein paar Jahren endgültig zeigen, vielleicht auch früher. Die Doping-Anschuldigungen reißen jedenfalls nicht ab. Die jüngsten Vorwürfe kamen vom Ex-Kollegen Floyd Landis, der zwar nicht im Verdacht steht, besonders glaubwürdig zu sein, aber zumindest in den USA die Ermittler auf den Plan gerufen hat.

Jeff Novitzky, der die Machenschaften der Firma Balco aufgedeckt hat und dessen Hartnäckigkeit Marion Jones eine mehrmonatige Haftstrafe verdankt, hat sich laut Medienberichten offenbar an die Causa Armstrong gemacht und dessen Zeit bei US Postal und Discovery. Im Raum steht offenbar weniger der Dopingvorwurf, sondern strafrechtlich relevante Vorwürfe wie Betrug. Beim Doping werden eben auch Sponsoren betrogen, in diesem Fall auch die US-Post, ein Staatsunternehmen.

Armstrongs Team RadioShack reagierte schon letzte Woche nach außen hin gelassen auf die Landis-Vorwürfe: „Wir verstehen, dass die verantwortlichen Anti-Doping-Organisationen und staatlichen Behörden die Pflicht haben, Anschuldigungen nachzugehen, auch wenn diese Anschuldigungen grundlos und unglaubwürdig sind und von Leuten mit unlauteren Beweggründen kommen.“ Lance, so die Mitteilung weiter, freue sich darauf, in einer fairen Untersuchung von allen Vorwürfen entlastet zu werden. Und der Nimbus des Unantastbaren könnte ihm weiter anhängen.