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Als der Sport endgültig seine Unschuld verlor

Als der Sport endgültig seine Unschuld verlor

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Am Dienstag (24.09.13) jährt sich ein spektakulärer 100-m-Lauf, der zum größten Dopingfall der Sportgeschichte ausuferte, zum 25. Mal. Im Blickpunkt stand damals bei Olympia in Seoul Ben Johnson, der aus Jamaika stammende Kanadier.

Die Spannung im Stadion war unerträglich. Seit Monaten schon galt das 100-m-Finale am 24. September 1988 in Seoul als Duell des Jahrhunderts.

Als der Startschuss fiel, flog Ben Johnson wie eine Kanonenkugel davon. In unglaublich anmutender Weltrekordzeit von 9,79 Sekunden rannte der Kanadier mit emporgerecktem Zeigefinger ins Ziel.

Am Pranger

Drei Tage später stand der vermeintliche Held der Spiele als Betrüger am Pranger. Olympia erlebte seinen bis heute größten Doping-Skandal. Der Sport verlor endgültig seine Unschuld.

Der Fall Johnson hat damals den Anti-Doping-Kampf intensiviert. Bald wurde auch im Training getestet, die Analysen optimiert, Proben von wichtigen Wettkämpfen für acht Jahre eingefroren – doch dies konnte spektakuläre Fälle wie jene um die deutsche Sprint-Weltmeisterin Katrin Krabbe (1992), 100-m-Olympiasieger Justin Gatlin (USA/2006) oder in diesem Jahr Asafa Powell (Jamaika) und Tyson Gay (USA) nicht verhindern. Die Doper sind den Fahndern oft einige Schritte voraus – wie damals Johnson dem Rivalen Carl Lewis.

Hormonmast

Im Urin des muskelbepackten Kanadiers, der 1976 als 15-Jähriger mit seiner Mutter Jamaika verlassen hatte, um ein besseres Leben zu suchen, fanden sich Spuren des synthetischen anabolen Steroids Stanozolol. Gefunden wurden sie durch ein neues Nachweisverfahren, das damals Manfred Donike als Chef des Kölner Doping-Labors und sein Nachfolger Wilhelm Schänzer entwickelt hatten. Als sich die Sensationsmeldung in Seoul herumsprach, verließ der 27-Jährige mit seiner Mutter Gloria fluchtartig die Olympiastadt.

Das 100-m-Gold ging an seinen US-Rivalen Carl Lewis, der mit seinen 9,92 Sekunden auch zum Weltrekordler wurde. Gerüchte, ein Mann aus seinem Umfeld habe Johnson bei der Dopingkontrolle die verbotene Substanz ins Bier gekippt, wurden nie entkräftet.

Dabei hätte Lewis gar nicht starten dürfen, denn vor Olympia waren Dopingsubstanzen bei ihm gefunden worden. Der US-Verband vertuschte die Sache.

Und so stieg das schmutzigste Rennen der Geschichte. Bis auf Calvin Smith (USA/ursprünglich Vierter) wurden alle Finalisten irgendwann positiv getestet.

Verschwörungstheorie

Benjamin Sinclair Johnson, der auch WM-Gold und Weltrekord von Rom 1987 verlor, nur das Olympiasilber 1984 behielt, vertritt die Verschwörungstheorie bis heute.

Unbestritten ist, dass er von seinem Trainer Charlie Francis („Charlie, der Chemiker“) für Weltrekorde und Olympiasieg präpariert wurde. Francis, der im Mai 2010 mit 61 Jahren an Lymphdrüsenkrebs starb, hatte ihn einer sechsjährigen Hormonmast unterzogen. Ben Johnson predigte während seiner Sperre in Schulen gegen Doping, kehrte zwei Jahre später auf die Laufbahn zurück. 1992 scheiterte er bei Olympia in Barcelona als Letzter im Halbfinale.

Ein Jahr später wurde er in Montreal mit Testosteron erwischt und den Regeln entsprechend lebenslang gesperrt. Auch vor öffentlichen Gerichten unterlag er in jeder Instanz.

„Mission für Veränderung.“

Johnson fuhr dann Stock-Car-Rennen, lief sogar gegen Pferde, gab den Wide Receiver im American Football, war Konditionstrainer der Fußballer vom AC Perugia, persönlicher Fitnesstrainer des einst weltbesten Fußballers Diego Maradona sowie des Sohnes von Syriens Staatschef Muammar al-Gaddafi.

Heute lebt er mehr schlecht als recht von diversen Geschäften. Ein Vierteljahrhundert danach kehrt Johnson an den „Tatort“ Seoul zurück, besucht das Olympiastadion: „Am 25. Jahrestag meines größten und schlimmsten Moments bin ich auf einer Mission für Veränderung.“

Er sagt angesichts der vielen Delikte weltweit: „Die Einstellung der Athleten muss sich ändern, das System muss sich ändern, der Sport muss sich ändern – bevor es zu spät ist.“