Mischustin bat den Präsidenten, ihn bis auf Weiteres durch einen seiner Stellvertreter ersetzen zu lassen. Er habe sich mit dem gefürchteten Virus angesteckt und müsse in ein Krankenhaus. Es war eine ziemliche Bombe. Die Regierungssitzung sollte sich damit befassen, wie man die russische Bevölkerung gegen die Ansteckungsgefahr schützen kann. Nun stellte es sich aber heraus, dass man nicht einmal in der Lage war, den Premier davor zu bewahren.
Die Chefin der nationalen Verbaucherschutzbehörde „Rospotrebnadsor“, Anna Popowa, sah sich von Amts wegen gezwungen, dazu Stellung zu beziehen. Die Beamtin ließ sich nicht verwirren. Wenn sich einer „ganz seiner Aufgabe widme“, setze er sich einem höheren Risiko aus, antwortete sie. Sie wünsche dem Regierungschef baldige Besserung.
In der Fernsehsendung „Moskau. Kreml. Putin.“ musste der Präsidentensprecher Dmitri Peskow auch die Frage beantworten, ob der Schutz der Gesundheit des Präsidenten nach dem, was dem Regierungschef zugestoßen war, verstärkt werde. Dieser befinde sich auf dem höchsten Stand, erwiderte Putins Sprecher. Die Frage war ohnehin überflüssig. Seit Beginn der Epidemie war der Präsident bei keiner der im Fernsehen übertragenen Veranstaltungen leibhaftig erschienen. Vielmehr ließ er sich nur auf einem großen Bildschirm sehen.
Kein Geld für Bürger und Unternehmen
In seiner zweiten Ansprache Mitte April hatte Putin Quarantänemaßnahmen bis Ende April angeordnet. Also war nun deren Lockerung oder Verlängerung erwartet worden. Es wurde ein Zwischending aus beidem. Die arbeitsfreie Zeit wird um drei Tage bis einschließlich den 11. Mai verlängert. Bis dahin soll die Regierung einen Plan vorlegen, wie Russland aus der Quarantäne rauskommt und zum normalen Arbeitsrhythmus zurückkehrt. Laut Putin soll das nicht auf einmal, sondern nach und nach in Abhängigkeit der jeweiligen Lage in den Verwaltungsgebieten geschehen. Einzelne Verwaltungseinheiten sollen von der Zentrale unterstützt werden. An Maßnahmenpakete sei gedacht, darunter an günstige Kredite und Zahlungsaufschub, so Putin. Allerdings bekommen die Bürger und Unternehmen kein Geld. Unzufriedenes Murren war deutlich vernehmbar, denn Russland bleibt das einzige unter den G20-Ländern, das seinen Leuten greifbare Krisenhilfe staatlicherseits verweigert.
In seiner Ansprache versuchte Putin, eine Zwischenbilanz dessen, „was uns bereits gelungen ist“, zu ziehen. Anfang 2020 seien 60 bis 70 Geräte für künstliche Beatmung von Kranken gebaut worden. Im April sei deren Zahl auf 800 gestiegen, sagte Putin. Im Mai würden es 2.500 sein. Mittlerweile würden 150.000 Corona-Tests am Tag gemacht. Es sei aber noch lange nicht genug, sagte der Präsident selbstkritisch.
Unterdessen belegt Russland mit insgesamt 155.370 Infizierten und 1.451 Toten in der Corona-Statistik (Stand 5. Mai, 16 Uhr) weltweit den siebten Rang. Dabei sorgt die vergleichsweise kleine Zahl der Virustoten für Stirnrunzeln. Das benachbarte China hat rund dreimal so viele Tote zu beklagen, bei rund der Hälfte an Infizierten. Der Abgeordnete des Gebietsparlaments von Pskow, Lew Schlossberg, erinnerte in diesem Zusammenhang an die bekannte Formel von Josef Stalin: Es sei unerheblich, wer wie gewählt hat. Wichtig sei, wer die Stimmen zählt und wie. Stalin meinte Wahlen, seine Formel lässt sich aber auch auf Statistiken anwenden. Laut Schlossberg hat der Pskower Gebietschef Michail Wedernikow seinen Beamten erklärt, wie sie künftig zu zählen haben: Wenn ein Corona-Toter zu seinen Lebzeiten auch an einer anderen Krankheit litt, so gelte grundsätzlich, dass er daran gestorben sei. Offenbar soll die „richtige“ Zählmethode dem Gouverneur helfen, sein Amt zu behalten. Denn bisher lag Pskow bei der Zahl der Corona-Toten mit 7,41 Prozent russlandweit in Führung.
Moskaus Sobjanin avanciert zum Corona-Helden
Das Schönste an der Stalin-Formel ist, dass sie sich bei Bedarf umdrehen lässt. Am 2. Mai hat der Moskauer Oberbürgermeister (OB) Sergej Sobjanin die „tatsächliche“ Zahl der Covid-Infizierten in der Hauptstadt genannt: zwei Prozent der Gesamtbevölkerung. Seine Quellen verriet er nicht. Die Bevölkerungszahl bezifferte er auf 12,5 Millionen. Dann käme man auf 250.000 Infizierte – doppelt so viele wie die offizielle Zahl für ganz Russland. In Wahrheit leben in Moskau rund 15 Millionen Menschen. Nimmt man das umliegende Gebiet Moskau dazu, so kommt man auf etwa 20 Millionen Menschen.
Sobjanin sprach sich auch für eine Fortsetzung der Quarantäne und deren Verschärfung anstelle einer Lockerung aus. Die „Panne“ mit dem Regierungschef Mischustin sei ein Indiz dafür, meinte er. Während der Epidemie ist Sobjanins Einfluss in Russland eindeutig gewachsen. Während sich Putin mit der misslungenen Verfassungsreform und der Siegesfeier beschäftigte, machte der Moskauer OB richtige Arbeit. Jetzt ist er auf dem besten Weg, zum Corona-Helden zu avancieren. Putin musste die Militärparade am 9. Mai bereits absagen. Er versucht sie noch durch „Fliegerparaden“ über 32 russischen Städten und Feuerwerke zu ersetzen. Am Samstag sollen die Bürger auf ihren Balkonen Kriegslieder singen. Putin wird eine Fernsehansprache halten. Siegesparaden interessieren aber kaum jemanden.
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