Von unserem Korrespondenten Heinz Krieger
Bei der jüngsten Überschwemmung hat der Ebro in 20 Tagen so viel Wasser ins Mittelmeer geschwemmt, wie alle spanischen Haushalte in einem Jahr verbrauchen. Dennoch klagen Anrainer über Trockenheit. Es fehlt an Stauseen.
Valencia. Im Frühjahr regnet es in Aragon. Das ist sicher. Und ebenso sicher ist, dass der gewaltige Fluss Ebro über seine Ufer tritt. Schmelzwasser aus den Pyrenäen und anderen Bergketten kommt meist hinzu. In diesem Jahr haben die Überflutungen entlang des Ebro eine Fläche von 20.000 Hektar unter Wasser gesetzt und einen Schaden von 25 Millionen Euro (knapp 30 Milliarden Franken) angerichtet.
In 20 Tagen der Verbrauch einer Nation
Die Fluten rollten talwärts und ergossen sich ins Mittelmeer: rund 2.200 Hekto-Kubikmeter. Das entspricht der Menge, die alle spanischen Haushalte zusammengenommen in einem Jahr verbrauchen. Nach Angaben des Wasseramtes flossen aus dem Flix-Stausee in der Provinz Tarragona, dem letzten vor der Ebro-Mündung mit ihrem großen Delta am Mittelmeer, zeitweise pro Tag mehr als 150 Hekto-Kubikmeter ab, also mehr als 150 Milliarden Liter.
In diesem Jahr begannen die Überflutungen des Ebro um den 9. April. Starke Regenfälle und in höheren Lagen Schnee hatten dazu geführt. Der größte Stausee am Ebro bei Mequinenza fasst 1.534 Hekto-Kubikmeter. Es lief über und ist auch jetzt noch zu 95 Prozent seiner Aufnahmekapazität gefüllt.
Landwirte beklagen Trockenheit
Spült der Ebro solche Wassermassen ins Meer, dann beginnt alljährlich wieder die schon zynisch „Wasserkrieg“ genannte Diskussion um Ableitungen, Stauprojekte, Zuständigkeiten zwischen Aragon, dem östlich angrenzen Katalonien und dem Gesamtstaat. Denn trotz Überflutungen – im vergangenen Sommer wurde Zaragoza zur Seenlandschaft – klagt die Landwirtschaft im Einzugsbereich des Ebro über die anhaltende Trockenheit. Das klingt widersprüchlich, ist es aber nicht. Wenn es im nördlichen Zentralspanien regnet, dann niemals sehr lange, dafür aber heftig. Dann fällt zu viel Wasser an, aber es gibt nicht ausreichend Rückhaltebecken und Stauseen, um das Wasser für die Trockenheit in den heißen und trockenen Monaten aufzubewahren.
In Aragon sind Staubecken, die schon im historischen Pacto de Agua, dem Wasser-Pakt, von 1992 vereinbart worden waren, bis heute nicht fertiggestellt. Und die restlichen Stauseen sind, abgesehen von dem Superbecken Mequinenza, vor allem südlich des Ebro trotz Überflutungen bis ans Meer zurzeit nur zu 53 Prozent gefüllt. Das wird für die Landwirtschaft in diesem Sommer kaum ausreichen.
Weder Wasserplan noch Entsalzung
Weiter im Süden, in der Region Valencia mit ihren gewaltigen Orangenplantagen und groß angelegtem Reis-Anbau und in Murcia, dem „Gemüsegarten Spaniens“, hätte man auch gern Wasser aus dem Ebro-Überfluss. Vor Jahren gab es Pläne, mit riesigen Aquädukten das überschüssige Wasser des Ebro parallel zur Mittelmeerküste dorthin zu leiten. Und zwar so, dass das gewaltige Feuchtgebiet des Ebro-Deltas nicht beeinträchtig werden sollte. Umweltschützer waren damals dennoch nicht zufrieden und forderten einen Baustopp.
Der Plan Hidrológico Nacional (PHN) wurde unter der damaligen Regierung des konservativen Ministerpräsidenten José Maria Aznar 2001 beschlossen. Es gelang, alle beteiligten Regionen unter einen Hut zu bringen, was schwer genug war. Der heutige Premier Mariano Rajoy war damals im Auftrag Aznars mit den Verhandlungen betraut. 2004 wurde Aznar vom Sozialisten José Luis Rodriguez Zapatero abgelöst. Und der stoppte das Vorhaben. Er setzte auf Meerwasserentsalzung, bekam auch Milliarden aus Europas Kassen für diese Projekte. Doch wie die meisten Wasser-Pläne in Spanien klappte auch das nicht. Und heute scheint eine Einigung aller Regionen kaum möglich. Katalonien, das auch 2001 unter seinem Ministerpräsidenten Jordi Pujol nur durch Finanzhilfen aus Madrid für seine Region umzustimmen war, müsste Ja dazu sagen. Aber in Barcelona hat man heute ganz andere Probleme.
Zu Demaart
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