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Interview mit Kinderpsychiater„Kinder haben während der Pandemie vieles extrem gut bewältigt – und sind trotzdem stärker belastet“

Interview mit Kinderpsychiater / „Kinder haben während der Pandemie vieles extrem gut bewältigt – und sind trotzdem stärker belastet“
Nach zwei Jahren Pandemie nimmt die Belastung auch für Kinder deutlich zu Foto: dpa/Rober Solsona

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Kinder sind krisenfest und haben viel Positives in der Pandemie gelernt, sagt Michael Kölch, Direktor der deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Doch je länger die Belastung anhält, desto mehr hinterlässt sie auch Spuren. 

Tageblatt: Herr Kölch, seit dem Anfang der Pandemie werden die Menschen auf „eine neue Normalität“ eingeschworen. Sind die Kinder bereits darin angekommen?

Michael Kölch: Es kommt darauf an, worüber man hier genau spricht. Wenn es darum geht, im Schulunterricht Maske tragen zu müssen, haben Kinder das ziemlich schnell als normal angenommen – wie wir Erwachsenen ja auch. Der Mensch kann sich schnell an neue Dinge gewöhnen, dafür sind wir krisenfest genug. Wenn wir aber über dauerhafte Schul- und Kitaschließungen sprechen, haben sich Kinder daran nicht gewöhnt. Im Umgang mit der Pandemie lernen wir alle, auch Kinder und Jugendliche. Aber natürlich muss es dem Aufwachsen von Kindern angemessen sein.

Welche Spuren hat das zweite Corona-Jahr bei Kindern und Jugendlichen hinterlassen?

Je länger Belastungsfaktoren bestehen, desto mehr vertiefen sie sich und desto mehr ziehen sie auch Konsequenzen nach sich. Rückblickend war der erste Lockdown nicht das Dramatische, eine kurze Schulschließung von vier Wochen hätte vermutlich wenig Folgen gehabt. Aber wenn die Einschränkungen über mittlerweile zwei Jahre andauern, nimmt die Belastung deutlich zu. Und dabei können wir Kinder und Jugendliche nicht isoliert von ihren Familien betrachten. Die Studien zeigen ganz klar: Je belasteter die Eltern sind, desto mehr schlägt es auch auf die Kinder durch.

In der vierten Welle wurden Schulen und Kitas offengehalten. Wurde aus Fehlern der Vergangenheit gelernt?

Wir haben auf allen Ebenen gelernt, die Politik, die Virologen und auch die Kinder- und Jugendhilfe. Man hat bei der Kinder- und Jugendhilfe gesehen, wie wichtig es ist, dass diese Angebote aufrechterhalten werden. Auch digitale Angebote wurden ausgebaut. Aus der Politik dringt mittlerweile unisono das Signal, dass erneute Schul- und Kitaschließungen um jeden Preis vermieden werden müssen. Die Botschaft, welche schweren Folgen die Isolation für Kinder hat, ist also schon angekommen.

Kann der Schulbetrieb die Folgen abfedern?

Der Umgang der Schule mit der Situation ist jedenfalls sehr entscheidend. Wenn nur auf die Leistung geschaut wird und der Leistungsdruck sogar erhöht wird, setzt man auf die ohnehin schwierige Situation noch einen großen Stressfaktor oben drauf. Auch in der Schule sollte das allgemeine Aufwachsen der Kinder nicht aus dem Blick verloren werden. Denn gerade dieser Stress kann auch langfristig wirken.

Welche konkreten Folgen stellen Sie bei Kindern und Jugendlichen fest, auch langfristig?

Sie spielen vermutlich auf die negativen Folgen an, die stehen meistens im Fokus. Mir ist es wichtig, darauf hinzuweisen, dass Kinder während der Pandemie auch vieles gelernt und extrem gut bewältigt haben. Kinder beherrschen jetzt etwa digitalen Unterricht und meistern ihren Alltag trotz der schwierigen Bedingungen. Ansonsten drängt man Kinder in eine Opferrolle. Ganz so, als hätten sie nicht auch sehr viel Positives geschafft.

Sie haben aber zu Recht auch auf die Risiken hingewiesen. Können Sie diese genauer beschreiben?

Wenn positive Dinge wegfallen, macht das etwas mit unserer Stimmung – da geht es Kindern nicht anders als uns Erwachsenen. Deswegen steht es außer Frage, dass Kinder stärker belastet sind. Das übliche Leben – also Freunde treffen, soziales Lernen, Dinge, die Spaß machen und das eigene Selbstwertgefühl stärken – hat sich stark verändert. Gerade für diejenigen, die zuvor schon psychische Probleme hatten, verschärft sich durch die Pandemie die Situation zusätzlich.

Mit welchen Kindern haben Sie es zu tun?

Kinder können alle psychischen Störungen bekommen wie auch Erwachsene – Depressionen, Angststörungen, Zwangsstörungen, Essstörungen. Dann gibt es auch spezifische Probleme bei Kindern, etwa das Einnässen und Einkoten, externalisierende Störungen wie Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung oder auch Autismus. Dazu zählt auch die Störung des Sozialverhaltens – also Kinder, die sich immer kloppen, nicht zur Schule gehen, früh rauchen oder stehlen, Wutausbrüche bekommen, sich nicht an Regeln halten. Und natürlich haben wir auch mit Suizidversuchen oder Selbstverletzung bei Kindern zu tun. Die emotionalen Störungen sind aber die typischste Folge der Pandemie.

Leiden Kinder und Jugendliche aus sozial schwachen Verhältnissen besonders?

Ja, wir wissen, dass bestimmte Familien ganz besonders belastet sind. Wo es weniger Rückhalt gibt, wo prekäre Verhältnisse herrschen, wo es an Bildungsunterstützung fehlt, wo die alternativen Freizeitmöglichkeiten eingeschränkt sind, leiden Kinder und Jugendliche in besonderem Maß.

Lässt sich das quantifizieren?

Kinder, die aus einem niedrigen sozioökonomischen Status kommen, was häufig auch mit Bildungsferne verbunden ist, haben eine 30-prozentige Wahrscheinlichkeit, eine psychische Störung aufzuweisen. Bei Kindern aus der Mittelschicht liegt die Wahrscheinlichkeit bei neun Prozent. Das ist jetzt nicht anders als vor der Pandemie. Und hier kommt wieder die Familie ins Spiel: Wenn man es mit lang andauernden wirtschaftlichen Problemen und höherer Arbeitslosigkeit zu tun hat, entwickeln die Eltern häufiger Sucht oder Depression – und das schlägt sich wieder auf die Kinder durch.

Zur Person

Werdegang: Prof. Dr. Michael Kölch hat Humanmedizin in Rostock, Berlin und Wien studiert. Zudem studierte er für ein Jahr Geschichte, Psychologie und Literaturwissenschaft (ohne Abschluss). Berufliche Stationen hatte er unter anderem am Universitätsklinikum Ulm und dem Vivantes Netzwerk für Gesundheit Berlin. Aktuell ist Kölch Direktor der Klinik für Psychiatrie, Neurologie, Psychosomatik und Psychotherapie im Kindes- und Jugendalter der Universitätsmedizin Rostock.
Schwerpunkte: Kölch ist Experte für psychische Störungen bei Kindern und Jugendlichen. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die Risikofaktoren und die Therapie von affektiven Störungen bei Minderjährigen sowie die Identifikation von Risiko- und Resilienzfaktoren bei Hochrisikopopulationen.