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Kinder bringen Kinder zurück in die Schule

Kinder bringen Kinder zurück in die Schule

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Von unserer Korrespondentin Chandrajit Mitra

Wer im Slum von Kalkutta aufwächst, der hat oft schon verloren: Armut, Kinderarbeit, frühe Heiraten, keine Zukunft. Eine Gruppe von Kindern hilft ihren Altersgenossen in den Slums, wieder zurück in die Schulen zu kommen. Mit Erfolg.

Vor fünf Jahren hat Soni Khatoon die Schule abgebrochen. Inzwischen sitzt die heute 15-Jährige wieder im Klassenzimmer. Und sie geht mit 14 Freunden in einen Slum in Kalkutta, um andere Schulabbrecher dazu zu bringen, ebenfalls wieder in die Schule gehen. Ihre Gruppe nennt sich nach dem indischen Comic-Superhelden Shaktimaan. «Wir versuchen herauszufinden, warum die Kinder nicht mehr in die Schule gehen», sagt Khatoon, die Ärztin werden will. «Wir besuchen dann ihre Eltern und reden über eine mögliche Lösung.»

Mit mobilen Lernzentren in die Slums

In Kalkutta und dem umliegenden Bundesstaat Westbengalen gehen hunderttausende Kinder im Alter von fünf bis 14 Jahren nicht zur Schule. Sie sind Opfer extremer Armut, müssen ihren Familien helfen oder als Waisenkinder sich selbst zu versorgen. Gleichzeitig werden tausende Kinder – vor allem Mädchen – früh verheiratet.

Die Shaktimaan-Gruppe ist Teil einer Bewegung von derzeit 183 Kindern, die in den Slums der Stadt versuchen, ihren Altersgenossen zu helfen. In den letzten Jahren konnten sie rund 2300 Kinder davon überzeugen, wieder zur Schule zu gehen, und weitere 1.200 Kinder von illegaler Fabrikarbeit befreien, sagt Chittapriyo Sadhu, der die internationale Kinderrechtsorganisation Save The Children in Westbengalen vertritt. Save the Children bringt mit Bussen mobile Lernzentren mit Büchern, Schreibheften, Spielzeug und Lehrern in die Slums. Damit will sie den Kindern helfen, überhaupt erst die Grundlagen zu erwerben, um sich in die Schule einzuschreiben.

Kinder überzeugen Kinder

Khatoon hat vor sechs Jahren selbst eines der mobilen Lernzentren besucht. Sie erkannte aber, dass mehr nötig war als solche Busse. Die Kinder müssten auch überzeugt werden. So gründete sie Shaktimaan. Denn Kinder verstehen besser als Erwachsene, warum ihre Altersgenossen die Schule abbrechen – oder gar nicht erst anfangen.

So haben einige Kinder Probleme, wenn ihre Familien ihre Heimatdörfer auf der Suche nach Arbeit verlassen und nach Kalkutta ziehen. Dazu gehört etwa Saraswati Kumari Dhanuk. Die Familie der heute 15-Jährigen kam vor sechs Jahren nach Kalkutta. Doch dort wusste sie nicht, wie man sich in eine Schule einschrieb. Und der Kampf ums Überleben im Slum war so überwältigend, dass sie an nichts anderes dachte. Doch als sie an eines der mobilen Lernzentren geriet, traf sie Khatoon und ihre Gruppe. «Meine Freunde nahmen mich zum Lernen mit», erinnert sie sich. Jetzt gehört sie selbst zur Gruppe und liebt den Unterricht, besonders die Sprachen und die Biologie. Dabei ist der Weg in die Schule weit, auch mit dem Zug noch eine halbe Stunde. «Manchmal habe ich kein Geld und gehe die ganze Strecke. Aber ich versuche an den meisten Tagen, zur Schule zu gehen.»

Arbeitgeber lenken ein

Armut ist ein häufiger Grund dafür, dass Kinder aus der Schule ausscheiden. Auch Ashu Saroj musste die Schule verlassen, weil ihre Eltern es sich nicht leisten konnten. «Als die mobilen Lernzentren kamen, fragten mich die Kinder, warum ich nicht zur Schule gehe», sagt die 15-Jährige. «Ich erzählte ihnen von den finanziellen Problemen meiner Familie.» Khatoons Gruppe habe dann mit ihren Eltern gesprochen und Ashu Saroj wieder in der Schule eingeschrieben.

Viele Kinder in Sarojs Slum arbeiten in Autowerkstätten. Ohne Hilfe konnte Khatoons Gruppe hier wenig erreichen. Sie wandten sich an die Einheimischen um Hilfe. Der Mechaniker Prem Passi überzeugte die Werkstattbesitzer, wenigstens ihre jüngsten Mitarbeiter zur Schule zu schicken. «Die Kinder können jetzt selbst entscheiden, was gut und was schlecht ist», sagt Passi. «Sogar meine Töchter gehen jetzt zur Schule.»

Nicht immer erfolgreich

Dennoch gibt es oft Hindernisse, die selbst Superhelden nicht überwinden können. Sashi Singh ist der älteste von vier Geschwistern, der Vater alkoholkrank. Singh verdient das Geld der Familie in einer Autowerkstatt, während sein 10-jähriger Bruder Vivek für die Familie kocht. Anfang des Jahres ging Singh auf Drängen der Gruppe Khatoons in die Schule zurück. Inzwischen muss er sich wieder um seine Geschwister kümmern. «Sashi war am Anfang sehr interessiert», sagt der 13-jährige Vishal Kumar Prasad, der ebenfalls zur Shaktimaan-Gruppe gehört. «Aber später hat er wieder abgebrochen.»

Der Einsatz der Kinder zeige Wirkung, sagt Sadhu von Save the Children. «Es ist inspirierend zu sehen, wie immer mehr Kinder sich engagieren, um eine Gesellschaft zu schaffen, in der die Stimmen der Kinder gehört und respektiert werden», sagte Sadhu. Auch die Eltern der Superhelden-Kinder sind stolz. «Es ist toll, wenn meine Tochter anderen Kindern helfen kann», sagt Fatima Bibi, Khatoons Mutter. «Viele Kinder aus unserer Gegend gehen heute zur Schule.»

Die Kinder der Superhelden-Gruppe lieben ihre Aufgabe. «Wir fühlen uns großartig, den anderen Kindern helfen zu können», sagt Saraswati Kumari Dhanuk. Und Suman Kumari Sahani verweist auf die Erfolge: «Wir haben 13 Kinder in die Schule eingeschrieben», sagte die Zwölfjährige. «Kinder sind die Zukunft der Gesellschaft und sie müssen zur Schule gehen.»