Mittwoch14. Januar 2026

Demaart Zu Demaart

Headlines

ItalienFaschisten und Corona-Leugner marschieren auf Rom

Italien / Faschisten und Corona-Leugner marschieren auf Rom
Mit „nackten“ Händen Italien befreien: Neofaschisten wollen am Samstag in Rom gegen die Corona-Maßnahmen demonstrieren  Foto: AFP/Vincenzo Pinto

Jetzt weiterlesen !

Für 0,99 € können Sie diesen Artikel erwerben.

Oder schließen Sie ein Abo ab.

ZU DEN ABOS

Sie sind bereits Kunde?

An diesem Samstag werden Ultrarechte, Impfgegner und Leugner der Covid-Pandemie gemeinsam in Rom auf die Straße gehen, um gegen die Gesundheitspolitik der Regierung zu protestieren. Ähnlich wie schon in Berlin und Madrid nutzen vor allem profaschistische Kreise den wachsenden Unmut und auch die Unvernunft in der Bevölkerung, um eine angebliche Diktatur anzuprangern. Derweil wird der frühere Premier und Forza-Italia-Chef Silvio Berlusconi, ebenfalls Kritiker der Conte-Maßnahmen, selbst wegen einer Corona-Infektion im Krankenhaus behandelt.

Fast könnte man es lächerlich nennen, was die Neofaschisten der Forza Nuova (FN) für den kommenden Samstag in Rom planen. Gemeinsam mit anderen Leugnern der Covid-Pandemie wollen sie Straßen und Plätze der italienischen Hauptstadt besetzen zu einer Großdemonstration unter dem Titel „Gegen die Gesundheits-, Finanz- und Justizdiktatur“. Mit „nackten Händen“ wolle man Italien befreien. Nebst der rechtsextremen Forza Nuova wollen sich die sogenannten Orangenen Westen unter Führung des ehemaligen Carabinieri-Generals Antonio Papparlardo an den Kundgebungen beteiligen.

Bereits zu Pfingsten gingen in Rom, Mailand, Bari und etlichen anderen Städten mehrere hundert bis tausend Demonstranten auf Straßen und Plätze – die von den „Orangenen Westen“ angeführten Protestierenden machten ihrem Unmut über die von der Regierung in Rom wegen der Corona-Pandemie verhängten Kontaktbeschränkungen Luft. All die Maßnahmen, die die Administration unter Giuseppe Conte angeordnet hatte, seien nur „Mittel, um unsere bürgerlichen Freiheiten einzuschränken und uns einem staatlichen Diktat zu unterwerfen“, so die Sprecher auf den meist illegal abgehaltenen Kundgebungen.

Argumente, die man auch auf ähnlichen Demonstrationen in Madrid und Paris hören konnte. Doch nach den Ereignissen von Berlin am vergangenen Wochenende muss man von einer neuen Qualität der vor allem rechtsgerichteten Proteste sprechen. Die Antidemokraten rufen zum Sturm auf die Zivilgesellschaft auf.

Prominenz geladen

Dabei soll am Samstag nicht nur der Mob auf die Straße gehen. Die Veranstalter, allen voran der FN-Führer Giuliano Castellino, riefen durchaus auch prominente Gegner der Gesundheitspolitik der Regierung Giuseppe Contes auf, sich an der Demonstration zu beteiligen. Darunter der Franziskus-Gegner und Verschwörungstheoretiker Erzbischof Carlo Maria Viganò, der bereits in einem Manifest anprangerte, dass „fremde Mächte“ und „supranationale Einheiten mit sehr starken politischen und wirtschaftlichen Interessen“ die einschränkenden Maßnahmen zur Covid-Prävention ergriffen hätten, die Regierung sei nur ein Werkzeug dieser Mächte.

Geladen ist auch die italienische Vertreterin der UN-Menschenrechtskommission, Alicia Erazo, die in den Conte-Dekreten eine „Verletzung der Bürgerrechte in Italien“ beklagte, sowie der Regionalrat von Latium, Ex-M5S-Abgeordneter Davide Barillari, der Philosoph und Chef von Vox Italia Diego Fusari und der Sänger Povia. Ferner der Bürgermeister und Parlamentsabgeordnete Vittorio Sgarbi, der erst jüngst in seiner Gemeinde Sutri das Tragen von Mund-Nasen-Schutzmasken unter Strafe stellte.

Zu den Demonstranten sollen sich auch die Impfgegner von No-Vax sowie die Mütterbewegung „Popolo delle Mamme“ gesellen. Sie alle vereint eine militante Gegnerschaft zur aktuellen Administration, darin stimmen sie auch in den Intentionen der Lega Matteo Salvinis überein, die sich jedoch direkt nicht an der Demonstration beteiligen will.

Reduzierte Genehmigung erteilt

Die Polizeidirektion von Rom beobachtete die Ereignisse von Berlin genau. Die Veranstalter wollten zwei Manifestationen abhalten, die erste um 10.00 Uhr auf der Piazza del Popolo, die zweite dann gegen 16.00 Uhr an der Bocca della Verità, nahe dem traditionellen Versammlungszentrum Roms, dem Circo Massimo. Bislang genehmigte die Polizei nur die Nachmittagsveranstaltung. Man darf nach den bisherigen Erfahrungen davon ausgehen, dass sämtliche Corona-Maßnahmen wie Abstand und Maskenpflicht verletzt werden.

Der Verlauf der Demonstration wird darüber entscheiden, inwieweit die Polizei gegen die militanten Rechten vorgehen muss. Gespannt sein darf man auch darauf, wie viele Corona-Leugner und Impfgegner sich den Protesten wirklich anschließen werden. Die Nachrichten der vergangenen Tage zeigen, dass Unmut und Unvernunft gegenüber den staatlich verordneten Maßnahmen auch in Italien wachsen. Daran ändert auch nichts, wenn prominente Bezweifler der Restriktionen wie der Ex-Formel-1-Manager und Clubbesitzer Flavio Briatore oder Forza-Italia-Chef Silvio Berlusconi selbst mit dem Coronavirus infiziert sind. Der frühere langjährige Regierungschef wird derzeit wegen Lungenentzündung im Krankenhaus San Raffaele behandelt.

Grenzgegner
5. September 2020 - 18.33

Es ist eine wunderbare Wandlung, die man da beobachten kann. Fast über Nacht sind Rechtsextremisten, Faschisten und sonstige politische Blindgänger zu Impfgegnern, Homöopathen und Esoterikjüngern mutiert. Früher war es viel wichtiger, von heiliger heimischer Erde und reinem Blut abkömmlich zu sein. Aber wo man Proteste für die eigene Sache nutzen kann, passt man sich an. Zum Schein, zumindest. Überhaupt, so meinen einige Wissenschaftler, war faschistoides Gedankengut durchaus schon immer gar nicht so weit von "esoterischer Klugheit" entfernt. Interessant dabei, dass sich viele dieser "Wissenden" - die andere so gerne zum Denken auffordern, damit aber selbst wenig am Hut haben - bislang (zuweilen noch immer) als politisch grün oder linksstehend einordnen. Und kein Problem damit haben, neben Faschisten und Hitler-Verehrern zu marschieren. In Berlin lief der "Heilpraktiker" unbekümmert neben dem Vaterlandsverteidiger und Reichsbürger. Man verstand sich offensichtlich blendend.

HTK
4. September 2020 - 22.23

Für Idioten gibt es keine Nationalität.