Samstag10. Januar 2026

Demaart Zu Demaart

Headlines

TürkeiErdogans Botschafter in Wien vergrault Österreicher und liberale Türken

Türkei / Erdogans Botschafter in Wien vergrault Österreicher und liberale Türken
Der türkische Botschafter will seinem Präsidenten gefallen Foto: Raimond Spekking/Wikimedia Commons

Jetzt weiterlesen !

Für 0,99 € können Sie diesen Artikel erwerben.

Oder schließen Sie ein Abo ab.

ZU DEN ABOS

Sie sind bereits Kunde?

Ozan Ceyhun äußert sich kritisch zu christlichen Festen und lässt sich von seiner Frau öffentlich die Hand küssen. Ob der deutsche Staatsbürger noch als türkischer Botschafter in Wien tragbar ist, fragen sich inzwischen auch schon Türken.

„Wir gehen Schritt für Schritt in die mittelalterliche Dunkelheit …!“ — dieser Tweet einer in Florida lebenden Türkin offenbart die Berühmtheit, zu der es Ozan Ceyhun in der türkischen Diaspora mittlerweile gebracht hat. Ende Mai hatte der türkische Botschafter in Wien mit als abfällig empfundenen Aussagen über das Weihnachtsfest für Empörung gesorgt. Neben einem Video mit den entsprechenden Aussagen Ceyhuns auf einer Ramadan-Veranstaltung Erdogan-naher Vereine in Wien-Ottakring wurde Journalisten auch die Rede des bei dem Event aus Istanbul zugeschalteten AKP-Abgeordneten Zafer Sarikaya zugespielt, in der dieser in Gegenwart des Botschafters den Gründer der islamistischen Muslimbruderschaft, Hassan al-Banna, rezitierte.

Der Diplomat fühlte sich falsch übersetzt und missverstanden, nach Kritik der österreichischen Integrationsministerin Susanne Raab (ÖVP) entschuldigte er sich aber.

Doch gleich darauf wurde der Botschafter schon im nächsten Fettnapf gesichtet – und das sorgt nun weniger im christlichen Abendland als vielmehr bei liberalen Türken für Kopfschütteln. Ein Foto zeigt das Ehepaar Ozan und Azize Ceyhun: Er steht vor ihr, reicht ihr die Hand hin, sie verbeugt sich demütig, ergreift seine Hand und führt sie an ihre Stirn. Aus rechtlichen Gründen kann der in der Wiener Botschaft entstandene Schnappschuss nicht abgedruckt, mit der Stichwort-Kombination „Ozan Ceyhun Öpmesi“ aber auf „Google Bilder“ schnell gefunden werden.

Für den Islamwissenschaftler Abdel-Hakim Ourghi, dem das Tageblatt das Bild vorlegte, ist die Botschaft dieser Szene klar: „Das ist die blinde Hingabe. Das Zeichen zeigt, dass die Frau ein Besitz des Mannes ist. Das ist islamisch-konservativ: Ich knie vor Gott und vor dir. Ich bin dein Besitz“, so der Theologe von der Pädagogischen Hochschule Freiburg.

Die Botschaftergattin postete das Foto auf ihrem Twitter-Account und entfachte so vorige Woche in der türkischen Diaspora einen Proteststurm. „Der Botschafter stört die Gemüter und den Frieden der Türken in Österreich“, twitterte etwa Ülker Özun (Name geändert). „Weder der Mann ist der Herr der Frau noch die Frau ist die Sklavin des Mannes; wenn eine Hand geküsst werden soll, dann die der Frau“, heißt es in einem anderen Kommentar.

„Foto gestohlen“

Das Foto ist mittlerweile von Azize Ceyhuns Account verschwunden, kursiert aber weiter im Web. Der Botschafter, zu dessen Hochzeit vor zwei Jahren auch Staatschef Recep Tayyip Erdogan gekommen war, betrachtet das Foto als „gestohlen“ und will rechtliche Schritte einleiten. Die Frage, welche Botschaft es hätte transportieren sollen, bleibt auch auf Nachfrage unbeantwortet.

Die Kritik an Ceyhun zieht allerdings weitere Kreise. Ohnehin kämpft der seit Februar in Wien stationierte Diplomat mit einem Wendehals-Image. Denn vor seiner Mutation zum glühenden Erdogan-Fan war der deutsch-türkische Doppelstaatsbürger EU-Abgeordneter der Grünen (1998-2000) und dann der SPD (bis 2004).

Unerwünschte Person?

Nun werden auch seine diplomatischen Fähigkeiten angezweifelt. Das im deutschen Hessen angesiedelte exiltürkische Internetportal arti49.com übertitelte einen langen Beitrag über Ceyhun und die jüngsten Vorfälle in Wien mit der Frage: „Wird er zur unerwünschten Person erklärt?“ „Die Zahl derer, die glauben, Ozan Ceyhun verstoße gegen die allgemeinen Usancen der Diplomatie, nimmt zu“, heißt es in der Analyse, die „große Respektlosigkeit gegenüber dem Land, in dem er Botschafter ist“, kritisiert. Ceyhun trete „eher als militanter AKPler denn als Diplomat auf“. Befeuert wird die Debatte durch ein gemeinsames Schreiben von 500 ehemaligen türkischen Diplomaten. Dieses erwähnt zwar Ceyhun nicht explizit, enthält aber Kritik, die auch auf ihn gemünzt scheint. „Einige von denen, die jetzt im (türkischen) Außenministerium arbeiten, glauben, dass sie erfolgreich sein werden, wenn sie den Stil und den Diskurs des Präsidenten (Erdogan, Anm.) in ihren Auslandsmissionen zeigen“, so ein hochrangiger Ex-Diplomat aus Ankara. Er rate dringend davon ab: „Botschafter sollten nicht Parteien und Politiker, sondern die türkische Nation vertreten.“

Dass Österreich Ceyhun tatsächlich zur „persona non grata“ erklärt, ist wohl auszuschließen. Eine derartige Eskalation entspräche nicht der Tradition österreichischer Diplomatie. Allerdings stehen der Botschafter und die Erdogan-treuen türkischen Vereine vermehrt unter Beobachtung. Und immer genauer schauen auch jene Austro-Türken hin, die es satt haben, mit dem türkischen Präsidenten und seiner Gefolgschaft in einen Topf geworfen zu werden.

HTK
9. Juni 2020 - 9.51

Wer Erdogan "gefallen" will,der kann nur ins Fettnäpfchen treten.