Sonntag11. Januar 2026

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SpanienDie Fortsetzung der LaLiga wird in der Bevölkerung weniger gut angenommen

Spanien / Die Fortsetzung der LaLiga wird in der Bevölkerung weniger gut angenommen
Keine Zuschauer, kein Handshake – zum Neuauftakt der höchsten spanischen Liga war einiges anders Foto: AFP

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Normalerweise ist Fußball in Spanien allgegenwärtig, doch in der dreimonatigen Zwangspause war er schnell nebensächlich. Anders als in Deutschland musste man die Diskussionen über eine mögliche Fortsetzung der Liga in den Zeitungen suchen. Überraschend geräuschlos rollte der Ball am vergangenen Donnerstag los.

Begeisterung geht anders! Ein überragender Real-Kapitän Sergio Ramos hatte nach einer halben Stunde den Ball erobert und den überlegenen und schnörkellos herausgespielten Konterangriff dann selbst sauber zum 2:0 für die Madrilenen eingeschoben. Doch in der Peña Madridista, einer Fankneipe im 25.000 Einwohner großen Olesa de Montserrat, ertönt gerade mal eine einsame Hupe, zwei Kinder klatschen. Natürlich hat es der königliche Hauptstadtverein auch ohne Coronavirus in Katalonien schwer, doch die kleine Gaststätte behauptet sich immerhin seit 34 Jahren.

„Leicht hat man es als Königlicher in Katalonien wirklich nicht“, lacht die resolute Gastwirtin Lourdes. „Und normalerweise haben wir auch deutlich mehr Zuschauer bei den Ligaspielen, das ist eine ganz andere Begeisterung, wenn dann das Haus voll ist. Gerade wenn es im Clasico gegen Barça geht. Doch wir sind froh, dass wir endlich wieder öffnen konnten und dass jetzt auch wieder Fußball gespielt wird. Nach und nach kommt die Normalität zurück.“ Derzeit dürfen allerdings maximal 17 Gäste ins Lokal, auf der Terrasse interessiert sich weniger als ein weiteres Dutzend für den Kick. Manche Gäste sind sogar nur da, weil die anderen Terrassen an ihrem Beleglimit sind. Normal wirken auch die Bilder, die auf ihren drei großen Flachbildschirmen übertragen werden, nicht. Über die komplette Gegengerade ist ein großes Transparent gespannt, das vorgibt, mit dem Herzen bei den Covid-19-Opfern zu sein. Ansonsten sieht das kleine Stadion ziemlich provinziell aus – es geht ja auch gegen den kleinen Klub SD Eibar.

Virtuelle Geräuschkulisse

Als der Verein aus dem baskischen 27.000-Einwohner-Städtchen pünktlich zum 75-jährigen Vereinsjubiläum 2014 den Durchmarsch von der dritten in die oberste Liga abschloss, war das eine kleine Sensation. Und ein Problem: Das Stadion hatte keine ordnungsgemäße Flutlichtanlage und war mit 7.083 möglichen Zuschauern auch zu klein für die weltweit zweitreichste Liga. Im engen Tal war aber weder Platz für einen Ausbau noch  für ein größeres Stadion. Da der Verein die Klasse hielt, wurden Flutlichter angebaut und das Reglement angepasst. 

LaLiga geht dabei einen etwas anderen Weg als die Bundesliga. Deren Übertragung findet Jaume Roures mit ihren leer hallenden Rufen der Fußballer sehr arm – das will er mit seiner Firma Mediapro besser machen. Neben der Lobbyarbeit, dass überhaupt und möglichst bald wieder gespielt werden könnte, investierten die Ligaherrscher viel Mühe in die Suche nach der Formel, „um einen attraktiven audiovisuellen Eindruck zu erschaffen, der an das Erlebnis von Spielen mit Publikum erinnert.“ Die Norweger von Vizrt füllen dafür hinter und neben dem realen Spielfeld die Ränge mit virtuellem Publikum. Das Know-how der Spielehersteller EA Sports wird genutzt, um eine passende virtuelle Geräuschkulisse einzuspielen. Die Kulisse hat allerdings Auflagen bezüglich Schmähgesängen oder Pfiffen nach umstrittenen Entscheidungen.

„In meinem Freundeskreis bin ich der Fußballbegeisterte“, meint ein 36-jähriger Bekannter „Doch mir wäre lieber gewesen, man hätte diese Saison im März beendet. Sie nerven ziemlich damit, unbedingt die Saison zu Ende zu spielen, und das nur wegen der Kohle vom Fernsehen!“ Da man das Signal von Mediapro auch immer ohne die virtuelle Realität empfangen kann, freute sich der Journalist Alex Martínez Roig anfangs sogar: „Bisher war ich immer neidisch auf die Sonderprogramme der NFL, auf denen man das Geschehen auf dem Spielfeld perfekt hören konnte.“ Damit das, was auf dem Feld gesprochen wird, auch dort bleibt, setzt Mediapro auf Wunsch der Vereine jedoch weniger Mikrofone als üblich ein. Zudem zieht es die Kameras, angeblich wegen der Infektionsgefahr, vom Spielfeldrand auf die unteren Tribünenränge zurück. Damit schaut man den Spielern nicht mehr auf Augenhöhe ins Gesicht, aus leicht überhöhter Perspektive fallen außerdem die leeren Ränge weniger auf. 

Bevölkerung steht immer noch unter Schockstarre

„Hast du dir diesen virtuellen Quatsch eigentlich angeschaut?“, fragt mich ein Bekannter. „Das Publikum ist verpixelt wie bei FiFa 98 und mich regt die Stimmung aus der Konserve nur auf. Mit allem, was in den letzten drei Monaten passiert ist, fehlt mir der Fußball jedenfalls kein bisschen.“ Dazu muss man anmerken, dass er neben Covid auch erstmals Vater wurde. In normalen Zeiten war in Spanien jedoch beides kompatibel. Covid-19 wütete aber derart, und die späten Maßnahmen der Regierung waren so streng, dass ein guter Teil der Bevölkerung noch immer unter Schockstarre steht. Aus der sich viele eher mit eigener Bewegung – Laufschuhe verkaufen sich toll, Fahrräder zu Einstiegspreisen sind nahezu ausverkauft – befreien wollen, als sich mit der Droge Fußball zu betäuben.

Dass ich selbst ein gespaltenes Verhältnis zum Fußball habe und mich eher die Geschichten eines SD Eibar begeistern als die Milliardenbeträge bei den Großen, wusste ich. Doch erst jetzt, als plötzlich auch wieder der ganze mediale Rummel um den Fußball einsetzt, merke ich, wie komatös mein Verhältnis zum Volkssport Nummer eins ist. Ich hatte anfangs nicht einmal bemerkt, dass die leere Spielstätte des Sonntagsspiels von Real gegen Eibar 1.317 Zuschauer mehr fassen könnte und es eigentlich das Estadio Alfredo Di Stéfano ist. Das Zuhause der zweiten Mannschaft von Real.

Der Bauunternehmer und allgewaltige Herrscher der Königlichen Florentino Pérez hat unter der Krise die geplanten Umbaumaßnahmen des gewaltigen Santiago Bernabéu vorgezogen und beschleunigt. Nachdem er für seine „Galaktischen“ bereits unter anderem die Weltstars Figo, Zidane, Ronaldo, Beckham oder CR7 eingekauft hatte, hält er sich in letzter Zeit auf dem Transfermarkt merklich zurück. Ein kolossaler Umbau soll seiner Regentschaft die Krone aufsetzen und es kursieren mehr als nur Gerüchte, dass man erst 2022 in der völlig fertiggestellten Heimstätte mit neuem Glamour und voller Wucht zuschlagen und riesige Begeisterung wecken wolle.

Im kleinen, realen Leben traut sich jedoch mindestens eine Bekannte seit 13 Wochen nicht mehr aus dem Haus und eigenen Garten. Es sucht jeder seinen Weg in der „neuen Normalität“ und versucht, die meisten oft unbeholfen, aber so gut wie ihnen eben möglich, die nicht immer völlig logischen Vorschriften und Ratschläge unter dem großen Mantra des 2 Meter-Mindestabstandes zu befolgen. Den hielten die Davids vom SD Eibar beim Konter zwar brav ein, doch die Bilder, wie sich die Galaktischen nach dem 2:0 herzten und knuddelten, wirken dann wie aus einer anderen Welt. Selbst wenn die zweite Welle ausbleibt, dürfte das nicht für die befürchtete Wirtschaftskrise gelten. Und in der derzeitigen Stimmung ist es nur schwer vorstellbar, dass weiter viele Spanier Brot für Spiele tauschen wollen.

Gespenstische Atmosphäre beim Auftaktspiel zwischen dem FC und Betis Sevilla
Gespenstische Atmosphäre beim Auftaktspiel zwischen dem FC und Betis Sevilla Foto: Cristina Quicler/AFP