Derzeit böten sich für das organisierte Verbrechen „Perspektiven der Bereicherung und Ausdehnung, wie sie ansonsten nur in Nachkriegszeiten zu beobachten sind“. So heißt es in dem kürzlich vorgestellten Halbjahresbericht der italienischen Antimafiabehörde DIA. Es ist die erste umfassende Analyse zur Situation des organisierten Verbrechens zu Zeiten der Corona-Krise. Die Ermittler schlagen Alarm: Die Clans nutzen die gegenwärtige „Paralyse der Wirtschaft“ unbarmherzig aus. Sie geben sich als „vertrauenswürdige und effektive Partner“ aus, die den angeschlagenen Unternehmen unter die Arme greifen wollen. Dabei reichen die Aktivitäten von Lebensmittelpaketen an arme Familien, um sich der Treue ihrer Mitglieder zu versichern, bis hin zu Krediten oder gar Beteiligungen an mittelständischen Betrieben, um sich diese dann mehr und mehr anzueignen.
Der Bericht der DIA zeigt auf, dass sich die Clans, insbesondere die ’Ndrangheta, die globale Rezession infolge der Corona-Pandemie zunutze macht. „Die internationale Wirtschaft braucht Liquidität und auf diesem Gebiet treten die Clans auf und bieten die nötigen Finanzspritzen an“, heißt es in dem Dokument. Gerade während des Lockdowns agierten die Mafien entgegen der allgemeinen Bewegungseinschränkung und forcierten den internationalen Drogen- und Waffenhandel. Entsprechend stiegen die Umsätze und Gewinne der Clans, die wiederum für Investitionen in die legale Wirtschaft angeboten wurden. Verstärkte Aktivitäten beobachteten die Anti-Mafia-Ermittler im Transit über das Mittelmeer nach Nordafrika, insbesondere in die Unruhegebiete Libyens.
Im Zusammenhang mit zu erwartenden Wirtschaftshilfen warnen die Ermittler davor, dass sich die Clans auf dem Gebiet der sogenannten Green Economy engagieren könnten. Bei der Vergabe öffentlicher Aufträge und Finanzmittel sei besonders darauf zu achten, an wen diese Investitionen flössen, warnt die DIA.
Bürokratie und Gesundheitswesen
Bereits in der Vergangenheit zeigte sich, dass die mafiosen Strukturen in der Lage sind, wesentlich schneller und effektiver auf wirtschaftliche Schwankungen zu reagieren, als es staatliche Stellen oder die legale Wirtschaft tun. Corona hat Italien vor neue Herausforderungen gestellt. Die schwierige Lage in vielen Wirtschaftsbereichen ist mit einer Flut von Unterstützungsanträgen gekoppelt, die langwierige Bearbeitungszeiten nach sich ziehen. Hier können die Clans schneller reagieren und Finanzmittel anbieten. Die DIA warnt davor, dass mittelständische oder auch große Unternehmen versucht sein könnten, sich in dieser schwierigen Lage der Mittel der Mafien zu bedienen, um so auch unliebsame Konkurrenten vom Markt zu verdrängen.
Ähnlich verhalte es sich auf dem Gesundheitssektor. Viele Zentren und Gesundheitsbehörden – vor allem im italienischen Süden – sind von der aktuellen Krise überfordert. Hier beobachten die Anti-Mafia-Ermittler ein verstärktes finanzielles Engagement der „Familien“. Die Clans investieren in Krankenhausausstattungen und private Kliniken. Schon seit geraumer Zeit heißt es zum Beispiel in Palermo: „Die Mafia wird weiß“. Ganze Kliniken und Gesundheitszentren stehen auf der Gehaltsliste der Clans.
Weitere Investitionen werden in Unternehmen getätigt, die mit der notwendigen Produktion von Schutzmasken, Beatmungsgeräten und Desinfektionsmitteln betraut sind. Die Mafien, so der Bericht, versuchen, diese Märkte zu kontrollieren. Investiert wird dabei auch in die Forschung an möglichen Impfstoffen gegen das Coronavirus – bei Erfolg ist hier ein milliardenschwerer Markt zu erwarten.
Bei der Untersuchung all dieser Wirtschaftsfelder stellt der DIA-Bericht fest, dass es offensichtlich ein Fehler der Justizverwaltung war, die Bosse aufgrund der Corona-Notlage aus der Haft in den Hausarrest zu entlassen. Wie sich bei Ermittlungen zeigte, nutzten die Clan-Oberen die zugewonnene Freiheit, um die Strukturen der organisierten Kriminalität zu überarbeiten und neue Bündnisse zu schließen. Zudem wurden von den alteingesessenen Bossen die Zepter an jüngere Generationen weitergereicht. Für den Fall des Wiedereinzugs in den Strafvollzug sind so neue Strukturen bereits etabliert. Insider sprechen bereits davon, Italien leide an einer „zweiten Viruswelle“, nicht der Corona, sondern der Mafien.
Zu Demaart
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