Das australisch-chinesische Verhältnis ist auf einem weiteren Tiefpunkt angekommen. Nachdem vor einer Woche bereits bekannt wurde, dass die australische Moderatorin und Journalistin Cheng Lei in China festgenommen wurde, fühlten sich nun auch andere australische Journalisten im Land bedroht und mussten evakuiert werden.
Bill Birtles, der China-Korrespondent des staatlichen australischen Senders ABC, und Michael Smith vom Wirtschaftsmedium Australian Financial Review, verließen das Land Montagnacht Hals über Kopf. Beiden war von der chinesischen Polizei mitgeteilt worden, dass sie im Rahmen der Ermittlungen gegen Cheng Lei befragt werden sollten.
Vier Tage in Botschaft versteckt
Laut ABC-Berichten warnten australische Diplomaten den in Peking stationierten Birtles bereits Anfang letzter Woche, dass er China verlassen sollte. Nach einer weiteren Warnung organisierte der Sender einen Abflug für vergangenen Donnerstag. Doch noch während Birtles eine kleine Abschiedsfeier am Mittwochabend in seiner Wohnung abhielt, kam die Polizei um Mitternacht zu ihm und untersagte ihm, das Land zu verlassen.
Birtles ließ sich daraufhin von Konsulatsbeamten abholen und versteckte sich die nächsten vier Tage in der australischen Botschaft in Peking. Dort fand letztendlich ein Polizeiinterview in Anwesenheit des australischen Botschafters in China statt. Danach wurde ihm die Ausreise schließlich gestattet. Birtles und auch sein Kollege Smith, der in Schanghai von der Polizei heimgesucht wurde und sich ebenfalls in die dortige australische Botschaft begeben musste, sind inzwischen in Australien gelandet.
Es sei sehr enttäuschend, unter diesen Umständen gehen zu müssen, sagte Birtles nach seiner Rückkehr nach Sydney am Flughafen zu Reportern. „Es ist eine Erleichterung, wieder in einem Land mit echter Rechtsstaatlichkeit zu sein.“ Das Ganze sei wie „ein Wirbelwind“ und „keine besonders gute Erfahrung“ gewesen.
Bereits vergangene Woche wurde bekannt, dass eine australische Journalistin, die für einen staatlichen Sender in China gearbeitet hat, in Peking festgenommen worden ist. Cheng Lei hatte vor allem zu Beginn der Corona-Krise regierungskritische Texte auf sozialen Medien gepostet. Die Behörden haben den Grund für die Verhaftung von Cheng bisher nicht bekannt gegeben. Bill Birtles hatte die Festnahme der Journalistin, die neun Jahre lang auch China-Korrespondentin des US-Senders CNBC war, vergangene Woche kommentiert und gesagt, sie komme einer Inhaftierung gleich.
Chinas „strategische Tricks“
Experten bezeichnen die Verhaftungen von Ausländern durch chinesische Behörden als „Geiseldiplomatie“. Es seien „strategische Tricks in Zeiten extremer bilateraler Spannungen“, hieß es in der australischen Ausgabe des Guardian. Peter Greste, Sprecher der Alliance for Journalists’ Freedom, sagte dem Medium, mit der Behandlung von Birtles und Smith solle offensichtlich ein „politisches Statement“ gemacht werden. „Journalisten sollten niemals als politisches Druckmittel oder als Geisel eingesetzt werden“, sagte Greste, der zwischen 2013 und 2015 als Journalist für Al Jazeera in Ägypten inhaftiert war.
Die Einschüchterung der Journalisten belastet das Verhältnis zwischen Canberra und Peking weiter, das sich seit Monaten auf einem historischen Tiefpunkt befindet. Nachdem die australische Regierung eine unabhängige Untersuchung des Ursprungs der Pandemie gefordert hat, hat China mit harten Maßnahmen reagiert. So warnt die Regierung ihre Bürger inzwischen vor Reisen nach Australien und rät von einem Studium an australischen Universitäten ab. Nach diplomatischen Wortgefechten haben die Chinesen auch mit wirtschaftlichen Repressionen reagiert, hohe Tarife auf australische Gerste erhoben sowie den Import von Rindfleisch aus mehreren australischen Schlachthöfen untersagt.
Nach der Evakuierung der australischen Journalisten sind keine akkreditierten australischen Korrespondenten mehr im Land. Australische Medien sind jedoch nicht die einzigen, die mit den chinesischen Behörden aneinandergeraten sind. Im März wies Peking auch 14 amerikanische Journalisten aus, die bei der New York Times, dem Wall Street Journal und der Washington Post arbeiteten. Zuvor hatte die US-Regierung das Personal in chinesischen staatlichen Medien in den USA eingeschränkt.
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