Ein Schmerz, der nicht vergehen mag. Mit unzähligen Gedenkfeiern, Schweigeminuten, Kranzniederlegungen und Symposien wird Ungarn am Donnerstag den 100. Jahrestag eines Vertragswerks in einem Pariser Vorortpalast würdigen, das als größte Katastrophe und nationales Trauma in die heimischen Geschichtsbücher eingegangen ist: Mit der Unterzeichnung des Vertrags von Trianon verlor Ungarn als einer der Verlierer des Ersten Weltkriegs zwei Drittel seines damaligen Staatsterritoriums.
Rund drei Millionen ethnische Ungarn wurden mit dem von der ungarischen Delegation unter Protest unterzeichneten „Friedensdiktat“ weitgehend ohne Volksabstimmungen unfreiwillig zu Bürgern Rumäniens oder der neuen Nachbarstaaten Jugoslawien und Tschechoslowakei. Gleichzeitig erfuhr die Bevölkerung des verbliebenen Stammlands eine starke Homogenisierung: War zuvor nicht einmal die Hälfte der Bevölkerung der ungarischen Sprache mächtig, bestand diese fortan zu 90 Prozent aus ethnischen Ungarn.
Ob Deutschland, Österreich, Russland oder die Türkei: Die traumatischen Erfahrungen des Territoriums-, Bevölkerungs- und Bedeutungsverlusts machten im turbulenten 20. Jahrhundert auch andere Nationen. Doch kaum irgendwo wird das Trauma so intensiv und so lang andauernd gehegt wie in Ungarn.
Mit der Wende kamen die Autoaufkleber
Schon unter dem autoritären Reichsverweser Miklos Horthy hatten Schulkinder in den 30er Jahren für die Wiederauferstehung Großungarns zu beten. Zu sozialistischen Zeiten waren großungarische Töne tabu. Doch nach der Wende sollten sich die Autoaufkleber mit den Umrissen Großungarns sprunghaft vermehren. Seit der erneuten Machtübernahme der rechtspopulistischen Fidesz-Partei von Premier Viktor Orban 2010 weint auch das offizielle Budapest wieder verstärkt den früheren Grenzen nach – zum Ärger der genervten Nachbarn.
Zum wiederholten Male irritierte Orban die Nachbarn im Mai per Facebook mit der großungarischen, bis an die Adria reichenden Landkarte. Derartige Botschaften könnten als „territoriale Ansprüche“ verstanden werden und stießen bei einem demokratischen Publikum auf „Ablehnung und Sorge“, ärgerte sich der slowenische Präsident Borut Pahor. Von einer „Provokation“ sprach erzürnt Kroatiens Präsident Zoran Milanovic: „In unseren Archiven finden sich auch unzählige Karten, die Kroatien größer als heute zeigen. Aber teilt sie nicht und setzt sie auch nicht auf euer Facebook-Profil: Sie sind nicht mehr aktuell – und sorgen nur für endlose Irritationen der Nachbarn.“
Orban postet Groß-Ungarn-Karten
Tatsächlich wird die von Budapest forcierte Festigung der Bande zu der Diaspora und die zunehmende Steuerung der Minderheitenparteien durch Fidesz von den Anrainern eher misstrauisch beäugt. Als Budapest 2010 die Vergabe der ungarischen Nationalität an Landsleute außerhalb der Landesgrenzen erheblich erleichterte, sprach die slowakische Regierung gar von einer „Bedrohung für die nationale Sicherheit“ und reagierte mit dem Verbot einer doppelten Staatsbürgerschaft. Revisionistische Absichten Budapests witterte auch der damalige slowakische Staatschef Ivan Gasparovic: Der Trianonvertrag sei ein „gültiges Dokument“, das „nicht hinterfragt“ werden dürfe.
Doch vor allem in der Problemehe mit Rumänien sorgt Ungarns ewig schmerzende Trianon-Wunde für stete Irritationen, die durch nationalistische Poltereien auf rumänischer Seite noch verstärkt werden. Pünktlich zum 100. Jahrestag des Trianonvertrags hat nun auch Rumänien den 4. Juni wegen der Einverleibung Siebenbürgens zum Feiertag erklärt – und nicht nur die ungarische Minderheit, sondern auch Budapest verschnupft.
An Trianon scheiden sich in der Region auch nach 100 Jahren noch die Geister. Die naheliegende Frage, ob man Wunden nicht besser heilen und zuwachsen lassen als ewig offen hegen sollte, wird in Ungarn derweil nur von wenigen gestellt. Ungarns territoriales Nationenverständnis behindere nicht nur die Überwindung des Trianontraumas, sondern sei im 21. Jahrhundert der massenhaften Emigration vieler Ungarn auch kaum mehr zeitgemäß, kritisiert das regionale Webportal „Kafkadesk“ in Prag. Die Erinnerung an Trianon sei zum leeren Ritual und zu „Kitsch“ geworden, ätzt derweil das ungarische Blogportal „Mandiner“: „Die meisten Ungarn erinnern sich an Trianon nur noch wie an den Tod eines entfernten Verwandten, den sie gar nicht mehr kannten.“
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