Genau dies wollte der DP-Abgeordnete André Bauler von Bildungsminister Claude Meisch in einer parlamentarischen Anfrage wissen. In seiner Antwort weißt der Minister zunächst darauf hin, dass der Illetrismus eine Problematik ist, die ganz Europa betrifft. Tatsächlich zeigt das von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) gegründete «Programme for the International Assessment of Adult Competencies» (Piaac), dass 20 Prozent der EU-Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter unzureichende Lese-, Schreib- und Rechenfähigkeiten haben.
In Deutschland, England und Frankreich haben laut dieser Studie vom Oktober 2013 mehr als drei Prozent der erwachsenen Bevölkerung (16-65 Jahre) so geringe Kenntnisse der Schriftsprache, dass sie diese im Alltag nicht so einsetzen können, wie es im sozialen Kontext erwartet wird. Das bedeutet, dass sie zwar einzelne Wörter lesen und ihren Namen schreiben können, den Sinn eines längeren Textes jedoch nicht verstehen. Diese Personen werden als funktionale Analphabeten eingestuft, die häufigste Kategorie in Industrienationen.
Erklärungen
Luxemburg hat laut Meisch nicht an dieser Studie teilgenommen, weil die Methodologie des Piaac die Mehrsprachigkeit und den hohen Anteil von Ausländern in Luxemburg nicht erfasst. Das Großherzogtum bezieht seine Daten daher von der PISA-Studie aus dem Jahr 2012. Diese hat ergeben, dass über 13 Prozent der 15-jährigen Schüler in den Bereichen Mathematik, Naturwissenschaften und Lesen nicht fähig sind, «auf eine effiziente und produktive Weise am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.» Claude Meisch erklärt dieses erschreckende Ergebnis vor allem mit dem «familiären Hintergrund». Er verweist hier auf den «sozio-ökonomischen Status und den Migrationshintergrund.»
Als größte Risikofaktoren identifiziert der Bildungsminister drei Elemente: Lernschwächen wie Dyslexie, die nicht erkannt werden, eine intergenerationelle niedrige Bildung sowie ungenutzte grundlegende Kompetenzen, die dadurch mit der Zeit zerbröckeln. Weil die Regierung der Überzeugung ist, dass der Kampf gegen den Analphabetismus vor allem im frühkindlichen Alter und in der schulpflichtigen Zeit geführt werden muss, hat sich Blau-Rot-Grün dazu entschieden, das Programm «Family learning» – welches die Zusammenarbeit zwischen Kindern, Eltern und der Schule optimieren soll – und zweisprachige Kindertagesstätten einzuführen.
Keine Patentlösung
Was den Analphabetismus bei Erwachsenen betrifft, verweist der Bildungsminister auf Weiterbildungskurse, die hauptsächlich von Gemeinden oder dem «Service de la formation des adultes» angeboten werden und immer mehr Zulauf erhalten. Hier wird den Teilnehmern angeboten, ihre Lese- und Schreibkompetenzen in deutscher oder französischer Sprache sowie ihre Rechenfähigkeiten zu verbessern.
Letztlich zeigt die Antwort des Bildungsministers, dass der Analphabetismus auch im 21. Jahrhundert in Industrienationen zu finden ist und somit noch keine Patentlösung für dieses Problem gefunden wurde. Die Ansätze der neuen Regierung wird man wohl erst in einigen Jahren bewerten können.
Zu Demaart
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