Montag19. Januar 2026

Demaart Zu Demaart

Headlines

Welten zwischen Piloten und Management

Welten zwischen Piloten und Management
(AFP)

Jetzt weiterlesen !

Für 0,99 € können Sie diesen Artikel erwerben.

Oder schließen Sie ein Abo ab.

ZU DEN ABOS

Sie sind bereits Kunde?

Nach einem Machtwort der Regierung zieht Air France ein Projekt zurück. Transavia Europa wird nicht gegründet. Die Entscheidung liegt nun bei den Piloten.

Die französische Regierung hat im Konflikt zwischen der Fluggesellschaft Air France und der Pilotengewerkschaft der Fluggesellschaft ein Machtwort gesprochen. Der Vorstand des Unternehmens zieht das Projekt zurück, eine europäische Low Cost Gesellschaft zu gründen. Die Piloten der Fluggesellschaft hatten sich gegen das Projekt gewendet und wollten die Gründung der Low Cost Gesellschaft Transavia Europa mit Sitz außerhalb Frankreichs verhindern.
Transavia ist ursprünglich eine holländische Fluggesellschaft, die bei der Fusion von KLM und von Air France in den Korb des Konzerns fiel. Air France, die in den vergangenen fünf Jahren Verluste einflog, nahm mit einer Verspätung von gut 20 Jahren die Tendenz zum „Billig Flug“ auf und gründete Transavia Frankreich. In einer weiteren Etappe sollte Transavia Europa mit Sitz außerhalb Frankreichs gegründet werden. Flugzeuge sollten dazu außerhalb Frankreichs, zum Beispiel in Porto stationiert werden.

Die Piloten wendeten sich gegen Transavia Europa mit der Begründung, dass man keine Arbeitsplätze delokalisieren wolle. Außerdem verlangten sie die gleichartige Bezahlung aller Piloten in der Air France Gruppe. Bei Air France verdienen Piloten zwischen 80.000 und 180.000 Euro pro Jahr je nach Dienstalter und geflogenem Flugzeugtyp. Die Gehälter bei Transavia liegen um 10.000 bis 20.000 Euro darunter. Die Piloten bei Transavia und bei Air France leiden also keine Not.

Strategischer Dialog

Bemerkenswert ist die Einmischung der Pilotengewerkschaft in strategische Entscheidungen des Unternehmens. Bemerkenswert ist auch die Einmischung der Regierung in die Strategie des Unternehmens. Von der Regierung war das eher zu erwarten, weil in Frankreich die Einmischung der Politik in die Wirtschaft zur Kultur gehört und Air France ein Unternehmen ist, dessen Aktienmehrheit beim Staat liegt. In Frankreich wird allerdings – und das ist eine neue Entwicklung – die Einmischung der Gewerkschaften – und hier insbesondere der CGT – in strategische Entscheidungen von Unternehmen zu einer Gewohnheit. Der Sozialdialog wird ausgeweitet in einem strategischen Dialog.

Da Dialog in der Kultur des Landes allerdings zunächst immer eine Auseinandersetzung um die Macht ist, beginnt er in der Regel mit einem Streik. Das hat die Eisenbahngesellschaft SNCF zu spüren bekommen, die sich in eine Holding strukturieren wollte. Die Gewerkschaften waren dagegen, streikten tagelang. In diesem Fall wichen Management und Regierung nicht. Erst, als sich die Bevölkerung immer stärker gegen den Streik wendete, wurde der nach und nach aufgeweicht und endete schließlich.

Ein Massentransportmittel

Bei Air France liegt die Situation anders. Das hoch verschuldete Unternehmen hat in den vergangenen Jahren einen Restrukturierungsplan nach dem anderen aufgelegt. Es war dabei, wieder in die schwarzen Zahlen zu kommen. Der jetzt seit zehn Tagen andauernde Streik kostet das Unternehmen um die 200 Millionen Euro, die nicht wieder hereinzuholen sind. Das Problem liegt darin, dass eine kleine Gruppe von Mitarbeitern, die gerade sechs Prozent der Belegschaft ausmachen, eine strategische Neu-Ausrichtung des Unternehmens verhindern.

Worum geht es dabei? Das Fliegen hat sich seit den 90er Jahren grundlegend verändert. Flugzeuge sind zu einem Massentransportmittel geworden. Bei Flügen bis zu zwei Stunden kommt es nicht auf das Verwöhnen des Fluggastes an, wie das bei Langstreckenflügen von sieben, acht und mehr Stunden erwartet wird. Es kommt nicht einmal mehr auf die Bequemlichkeit an. In einer Boeing 737 mit 200 Plätzen sitzt man wie in einer Sardinendose. Das Flugzeug wird wie ein Bus genommen. Low Cost Gesellschaften wie Ryanair haben diesen Trend geprägt.

Low Cost Netz

Aber auch hier gibt es längst Unterschiede. Ryanair ist wirklich billig, meidet die großen Flughäfen. Easy Jet hat bei ebenfalls geringen Flugpreisen die Philosophie, die sich den traditionellen Fluggesellschaften annähert. Die traditionellen Fluggesellschaften haben begonnen, sich ihre eigenen Low Cost Gesellschaften zuzulegen. British Airways hat Vuelling gekauft, die in Luxemburg landet. Lufthansa hat mit German Wings die eigene Low Cost Gesellschaft gekauft.

Air France wollte einen Schritt weiter gehen. Es ging nicht nur darum, mit Transavia den französischen Flugraum zu bedienen. Es ging darum, mit der Ausdehnung auf den europäischen Wirtschaftsraum auch Länder wie Deutschland, Spanien, Portugal, Italien von außerhalb Frankreichs zu bedienen. Bei Air France soll Transavia auf Dauer den gesamten Kurzstrecken-Verkehr übernehmen.

Nationale Sichtweise

Das ist ein Modell, den das Unternehmen in den 90er Jahren vergangenen Jahrhunderts mit Air Inter bereits versucht und dann eingestellt hatte. Die Haltung der Piloten des Unternehmens hinkt der Erkenntnis des Managements aller Fluggesellschaften Europas deutlich hinterher. Die Piloten von Air France wollen von Paris aus sternförmig nach Europa fliegen und nach Paris zurückkehren. Die Einstellung von 250 neuen Piloten ist ihr Ziel. Die Piloten des Unternehmens wollen nicht sehen, dass Air France mit Transavia eine europäische Low Cost Gesellschaft gründen wollte, die auch innerhalb Deutschlands oder von Deutschland nach Ungarn oder nach Österreich fliegen würde. Die Piloten der Air France reden von Delokalisierung, wo der Wirtschaftsraum längst nicht mehr Frankreich sondern Europa heißt.

Diese nationale Sichtweise ist auch in Luxemburg zu sehen. Die Gewerkschaft LCGB wehrt sich gegen die Immatrikulierung einer Boeing 747-400 der Cargolux in Italien. Die Mehrheitsgewerkschaft IGB-L bei der Cargolux zeigt sich hier vorsichtiger und will zunächst wissen, welche Strategie hinter der Auslagerung steckt. Cargolux hat vor Jahren die Chance genutzt, sich in Mailand italienische Frachtfluggesellschaft niederzulassen. Es gab keinen Frachtflieger in Italien mehr. Außerdem: Cargolux konnte und kann so Flugrechte Italiens mit anderen Ländern nutzen, über die Luxemburg nicht verfügt.

Arbeitsplätze sichern

Letztlich weitet das Unternehmen seinen Fracht-Einzugsbereich und damit seinen Umsatz aus, gewinnt in Europa Marktanteile. Die Angst, dass mit der Ausweitung Italiens Luxemburg an Bedeutung verlieren könnte, ist hier genauso kurzsichtig wie das Verhalten der Piloten von Air France. Cargolux und auch Air France wenden ein Prinzip aus der Industrie an: Internationalisierung sichert letztlich im eigenen Land den Bestand des Unternehmens und damit Arbeitslätze.

Air France wird trotz des erzwungenen Rückzugs der europäischen Ausweitung des Low Cost Bereiches nicht auf das Projekt verzichten müssen. Die KLM kann Transavia Europa entwickeln. Das europäische Low Cost System kann auch über den Kauf einer anderen Fluggesellschaft verwirklicht werden. Die ungarische Wizzair ist im Gespräch als möglicher Übernahme-Kandidat. Die europäischen Linien würden dann von Budapest aus entwickelt werden. Die Möglichkeiten, die ein europäischer Wirtschaftsraum heutzutage bietet, verurteilen in der Wirtschaft kurzsichtige nationale Blockaden zum Scheitern. Dass Machtworte in solchen Konfliktsituationen nicht helfen, zeigte sich am Donnerstag früh. Die Piloten streikten weiter. Nur 47 Prozent der Air France Flüge wurden durchgeführt. Air France verlor weitere 20 Millionen Euro.