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Warmlaufen in Iowa

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Im traditionell ersten Bundesstaat bei den US-Vorwahlen kämpfen die Präsidentschaftsbewerber um jeden Zentimeter Prärieboden.

Sanders und Trump mobilisieren die Massen. Doch gehen die am Montag auch wählen?
Die Leute von Bernie Sanders ackern richtig. Noch wenige Tage bis zur ersten Vorwahl in Iowa. Im Keller des lokalen Hauptquartiers der Bernie-Kamapgne in Ames sieht es nach Arbeit aus. Auf der Anrichte einer alten Einbauküche stehen ein paar Suppentöpfe. Der Raum ist gefüllt mit Freiwilligen, ununterbrochen telefonieren sie Listen mit potenziellen Wählern ab. «Wissen Sie schon, für wen Sie am Montag abstimmen wollen?», hört man Jason Wakeman in sein Handy rufen. «Oh, ja das freut uns zu hören», sagt er nach ein paar Sekunden.

«Caucus»

Den «Caucus» als Instrument für die Bestimmung von Parteikandidaten gibt es in den USA seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Es handelt sich um kleine Parteiversammlungen. Sie finden in Versammlungshallen, Feuerwehrhäusern oder – in besonders ländlichen Gegenden – durchaus auch in der Küche eines Bauernhofes statt. Teilnehmen können manchmal nur 20 Wähler, manchmal auch Hunderte. Voraussetzung: Man darf als Republikaner nicht auch bei den Demokraten registriert sein – und umgekehrt.

Am Ende der Versammlung müssen die Teilnehmer darüber abstimmen, welchen Bewerber sie am überzeugendsten finden. Im Bundesstaat Iowa tun die Republikaner dies geheim, die Demokraten offen. Die Ergebnisse werden gesammelt und später auf Parteitagen unterschiedlicher Ebenen diskutiert und in der Regel bestätigt. Das Verfahren ist aufwendig und durch seinen sublokalen Charakter für Meinungsforscher schwer vorhersagbar.

Es wird in unterschiedlichen Spielarten in ungefähr einem Viertel der 50 US-Bundesstaaten und in einigen Überseegebieten angewendet. In den meisten Staaten stimmen die Parteimitglieder und Sympathisanten dagegen per landesweiter Vorwahl (Primary) ab.

Der Angerufene hatte die erhoffte Antwort gegeben, wie ehrlich die auch immer gewesen sein mag. Haken hinter den Namen, nächster Anruf. So geht das seit Tagen. In Iowa, jenem eher unauffälligen Bundesstaat, der seit Jahren den Auftakt für die US-Vorwahlen bildet, geht die Post ab. Der Mittlere Westen ist Schauplatz für eine Polit-Show, 1500 Reporter aus aller Welt schauen zu, am Montagabend fällt die Entscheidung.

Das Wahlsystem, ein sogenannter Caucus, zwingt die Bewerber an die Basis zu gehen. Und zwar ganz tief. Die Einheimischen lieben das Verfahren. In Bars und Kirchenkreisen wird diskutiert und abgewogen. Wer könnte der richtige Kandidat oder die richtige Kandidatin sein?

Anderen geht es ums Spektakel, das sich alle vier Jahre vor ihrer Haustür zuträgt. «Ich bin nicht sehr interessiert an Politik, aber ich mag den Event», sagte Michelle Bell, eine Violinistin aus Ames. Sekunden später jubelt sie lautstark dem gerade auftauchenden Donald Trump zu. Später zeigt sie stolz Selfies mit fünf weiteren Kandidaten.

Tausende Meilen haben die Bewerber zurückgelegt in ihren Wahlkampfbussen, vorbei an zahlreichen Getreidesilos und endlosen, abgeernteten Mais- und Sojafeldern. Diese sind im Januar 2016 von einem weißen Guss aus Schnee überzogen. Sie haben Bibliotheken besucht und Gottesdienste, beim Fast Food-Restaurant vorbeigeschaut und bei der Feuerwehr.

Donald Trump, der Zampano, impft Kriegsveteranen Patriotismus ein und lässt sich später frech im Örtchen Clinton fotografieren. Ted Cruz, der erzkonservative Senator aus Texas mit der Marshall-Dillon-Frisur, umgarnt die in Iowa so wichtigen fundamentalen Evangelikalen. Hillary Clinton, die Staatsfrau, versucht, Mütter und Arbeiter auf ihre Seite zu ziehen und wirbt gleichzeitig für saubere Energie. Und Bernie Sanders, der 74-jährige Linksaußen, wirbelt mit seiner Anti-Wall-Street-Strategie die Studentenszene auf.

Und zwar gehörig. Zehntausende Menschen stürmen in die Versammlungen des «demokratischen Sozialisten», wie sich der Senator aus dem Nordost-Bundesstaat Vermont gerne nennt. Hillary Clinton füllt in Iowa Turnhallen. Sanders füllt Arenen. «Hier geht es um eine politische Revolution», ruft er. Tausende im leicht heruntergekommenen Sportstadion der Iowa University in Iowa City jubeln, reißen die blauen Pappschilder mit dem Slogan «A Future To Believe In» in die Höhe. «Eine Zukunft, an die zu glauben lohnt.»

Ein Hauch von Woodstock kommt auf, wenn Sanders spricht. «Die Gesetze für Cannabis müssen gelockert werden», ruft er unter dem Applaus seiner Anhänger. Sanders kann Populismus. Studenten stellen sich an diesem Abend in Iowa City auf die Bühne und singen in Bernie-T-Shirts Friedenslieder. «This Land Is Your Land…», trällern am Ende 5000 junge Leute mit ihrem Präsidentschaftskandidaten. Sowas schafft sonst nur Trump.

Sollte Sanders die Popularität am Montag in Wahlbeteiligung ummünzen können, droht bei den Demokraten der haushohen Favoritin Hillary Clinton eine ebenso empfindliche wie überraschende Niederlage. Die US-Medien erinnern schon an den Obama-Effekt von 2008. «Wenn viele Leute wählen gehen, gewinnen wir», sagt Sanders und wiederholt das Credo der Meinungsforscher. Viele, das wären mehr als 200 000, von den drei Millionen Einwohnern

Trump liefert sich bei den Republikanern mit Ted Cruz eine ebenso hartnäckige Schlacht um Iowa – doch unter ganz anderen Vorzeichen. Beide sind bei ihrer Parteiführung unbeliebt. «Wie Trump passieren konnte», überschreiben US-Medien ihre Analysen. Einflussreiche Republikaner haben eine Kampagne gestartet, die den New Yorker Baulöwen als Kandidaten verhindern soll.

«Wenn sich die Republikaner in letzter Zeit wie Republikaner benommen hätten, dann wäre Trump nicht möglich», sagt Steve Scheffler, ein einflussreicher Parteifunktionär in Iowas Hauptstadt Des Moines und Chef eines Verbandes christlicher Glaubensgemeinschaften. «Viele Leute haben die Nase voll von dem Männerclub in Washington.»

Trump spielt die Wahlkampf-Klaviatur scheinbar perfekt. Wie gewagt die Pirouette auch immer sein mag: Seine Anhänger stehen hinter ihm. «Er ist ein Mann der Integrität und der Ehrlichkeit, ich glaube ihm jedes Wort», sagt etwa der Vietnam-Veteran Ricky Jager, halb trunken von der Droge Patriotismus, die Trump kurz zuvor eine Stunde lang voller Inbrunst vom fahnengeschmückten Podium geschüttet hat.

«Wir machen Amerika wieder groß», schreit er seinen Slogan in den Saal. «Wie, womit, und warum eigentlich? – egal, es ist Wahlkampf und keine Vorlesung, auch wenn das Ganze sich im ehrwürdigen großen Hörsaal der Drake Universität zu Des Moines zuträgt.

Trump hat seine Anhänger. Anderen ist er peinlich. «Wir haben alle schon Pläne geschmiedet, das Land zu verlassen», sagt Anna Black. Auf einer Veranstaltung Hillary Clintons an der Iowa State University in Ames tritt sie für eine bessere Sozialversicherung ein.

Iowa ist mit seinen weniger als 400 000 Wählern ein Testlauf, nichts weiter. Die Republikaner schicken aus Iowa 30 Delegierte zum Parteitag nach Cleveland, die Demokraten 44 nach Philadelphia. Bei insgesamt Tausenden Delegierten nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Es ist aber ein riesiger Testlauf und ein Mythos, der in die Wahlkampfpsychologie eingreift. Jimmy Carter und Barack Obama haben mit Überraschungssiegen in dem Bauernstaat den Weg ins Weiße Haus geebnet. Wer in Iowa nicht mindestens Dritter wurde, ist seit Jahrzehnten nicht mehr Präsident geworden. Ob solcherlei Weisheiten der Altvorderen zu Zeiten eines Donald Trump noch gelten? «Trump ist ein Game Changer, mit ihm ist alles anders geworden», sagt Jenifer Bowen, eine Anti-Abtreibungsaktivistin im Republikaner-Lager.

Mehr zu den Vorwahlen: am Montag im Tageblatt und im E-Paper.