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Schlimmster Giftgasangriff seit Beginn des Bürgerkriegs?

Schlimmster Giftgasangriff seit Beginn des Bürgerkriegs?
(AFP/Omar Haj Kadour)

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Es könnte einer der schlimmsten Giftgasangriffe seit Beginn des Bürgerkriegs in Syrien sein: In Chan Scheichun in der nordwestlichen Provinz Idlib wurden am Dienstag nach Aktivistenangaben fast 60 Zivilisten bei einem Luftangriff getötet, bei dem mutmaßlich Giftgas freigesetzt wurde. Ein AFP-Reporter berichtete später vom Beschuss einer Klinik, in der Verletzte des Angriffs behandelt wurden.

Westliche Länder vermuteten Damaskus hinter dem Giftgasangriff. Wie die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mitteilte, wurde am frühen Morgen ein Wohnviertel von Chan Scheichun aus der Luft bombardiert, wobei Giftgas freigesetzt worden sei. Unter den mindestens 58 Toten seien elf Kinder. Rund 170 weitere Menschen seien verletzt worden. «Wir hörten Bombardierungen und liefen in den Häusern zusammen», sagte Augenzeuge Abu Mustafa. «Familien sind in ihren Betten gestorben, wir haben Kinder, Frauen und Männer tot auf den Straßen gesehen.»

Die Beobachtungsstelle erklärte, die Verletzten zeigten typische Symptome von Giftgas-Opfern wie Atemnot, Ohnmachtsanfälle, Übelkeit und Schaum vor dem Mund. Ein vor Ort tätiger Arzt, Hasem Schehwan, berichtete der Nachrichtenagentur AFP von ähnlichen Symptomen. Ein AFP-Reporter sah in einer Klinik Tote mit Schaum vor dem Mund, darunter ein Mädchen und eine Frau. Ein Vater trug seine tote kleine Tochter auf dem Arm, deren Lippen blau angelaufen waren. Ärzte versuchten mit einfachen Mitteln, Patienten wieder zu beleben. Aufnahmen aus der Klinik zeigten Rettungskräfte, die Verletzte mit Wasser abwuschen.

Keiner war’s

Wie der AFP-Reporter berichtete, kreiste über dem Krankenhaus ein Kampfjet, als in der Klinik Ärzte um das Überleben zahlreicher Opfer kämpften. Das Flugzeug bombardierte zunächst ein Ziel in der Nähe, dann zwei Mal das Krankenhaus selbst. Trümmer gingen auf Ärzte und Patienten nieder, knapp ein Dutzend Ärzte flüchteten. Ob es durch den Beschuss weitere Opfer gab, war zunächst unklar.

Die Beobachtungsstelle konnte keine Angaben zur Art des Giftes machen. Der Angriff sei offenbar von Kampfjets der Regierungstruppen geflogen worden. Damaskus bestritt dies. Es handle sich um eine «Falschanschuldigung» der Opposition, hieß es aus Sicherheitskreisen. Auch die russischen Streitkräfte wiesen jegliche Verantwortung zurück. Die Beobachtungsstelle, die den bewaffneten Rebellen nahe steht, stützt sich auf ein Netz von Informanten in Syrien. Von unabhängiger Seite sind ihre Angaben schwer zu überprüfen.

UN-Sicherheitsrat tagt am Mittwoch

Die Provinz Idlib wird größtenteils von Rebellen kontrolliert. Sowohl syrische als auch russische Kampfjets fliegen dort Angriffe. Auch die US-geführte Koalition hat dort schon Angriffe gegen Dschihadisten geflogen. Auch die USA, Frankreich und Großbritannien vermuteten die syrischen Regierungstruppen hinter dem Angriff. Die US-Regierung machte den syrischen Machthaber Baschar al-Assad direkt verantwortlich. Frankreichs Präsident François Hollande sprach von einem «Massaker». Die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini sagte, die Assad-Regierung trage nach dem Angriff nun «die vorrangige Verantwortung».

Der UN-Gesandte für Syrien, Staffan de Mistura, forderte eine umfassende Aufklärung. Der UN-Sicherheitsrat will sich am Mittwoch mit dem Angriff befassen. Die Organisation für das Verbot von Chemiewaffen (OPCW) zeigte sich «ernsthaft besorgt». Die OPCW-Waffenexperten sammelten und analysierten Informationen aus allen verfügbaren Quellen, hieß es.

Die syrische Armee wies jegliche Verantwortung «kategorisch» zurück. Sie habe niemals Giftgas eingesetzt und werde dies auch künftig nicht tun. Die Armee gab den Rebellen die Verantwortung. Auch das syrische Außenministerium machte laut der staatlichen Nachrichtenagentur Sana «terroristische Gruppen» verantwortlich. Die Regierung halte sich an die Chemiewaffenkonvention. Nach UN-Untersuchungen haben im Syrien-Konflikt sowohl die Regierung als auch die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) bereits Giftgas eingesetzt. Syrien war offiziell der Chemiewaffenkonvention beigetreten und hatte 2013 unter starkem internationalen Druck eingewilligt, seine chemischen Waffen zur Vernichtung außer Landes zu bringen. Seither gab es aber immer wieder Vorwürfe des Einsatzes von Chemiewaffen durch Regierungstruppen.