Luxemburg tut sich schwer, wenn es um Vergangenheitsbewältigung geht. Man hat Angst um das friedliche Image des Landes in der EU. Wir galten immer als vorbildliche kleine Nation. Skandale waren da unerwünscht. Wenn es welche gab, waren sie auch schnell wieder versandet. Ganz aufgedeckt wurden sie auch nicht. Doch der Gerichtsprozess um 20 Anschläge zwischen 1984 und 1986 hat innerhalb eines Jahres so viel in Luxemburg verändert wie kaum ein anderes Ereignis. Der Bommeleeër-Prozess zeigt auch das große Misstrauen unter den verschiedenen Institutionen im Land auf. Es wird von einem regelrechten Krieg hinter den Kulissen zwischen den Sicherheitsapparaten und der Justiz gesprochen.
Was heute in Ansätzen funktioniert, klappte zur Zeit der Anschläge überhaupt nicht. Vor 30 Jahren herrschte regelrecht eine Eiszeit bei der Zusammenarbeit zwischen der Gendarmerie, Police, dem Geheimdienst und der Justiz. Der Prozess zeigt auch, mit welcher Selbstherrlichkeit und teilweiser Inkompetenz Führungspersonal bei der Polizei das tägliche Geschäft mit der öffentlichen Ordnung organisierte. Vieles, was bislang als Tabu und wie auch immer geheim galt, kommt vor Gericht auf den Tisch und gibt Einblick über die Funktion, Aufgaben und geografische Wichtigkeit Luxemburgs innerhalb der NATO bis zum Ende des Kalten Krieges.
Stützpunkt Findel
Das Land galt bei der NATO als wichtiger logistischer Brückenkopf für den Ernstfall. Zwischen 1969 und Anfang 1990 spielt der Findel bei der NATO-Übung Reforger, kurz „Return of Forces to Germany“, eine große Rolle für den Transport. Bei den Kriegsplanungen im Pentagon wird den Strategen schnell klar, dass Luxemburg einer der wichtigsten logistischen Brückenköpfe im möglichen Krieg gegen den Warschauer Pakt werden kann. Ziel von Reforger war u.a. die Überprüfung und Verbesserung der geplanten logistischen Abläufe von Truppenverlegungen aus den USA nach Westeuropa. Es galt aber auch als Machtdemonstration gegenüber dem „Enemy“ im Osten.
Für den Warschauer Pakt, damals das Pendant zur NATO, war Luxemburg ebenfalls strategisch sehr wichtig. Vom westlichsten Punkt (in der ehemaligen DDR) waren es gerade mal etwas mehr als 300 Kilometer bis nach Luxemburg.
Im Visier
Im Kriegsfall wäre Luxemburg eines der wichtigsten Ziele der „roten Verbände“ aus dem Osten gewesen. Es gab sogar eine „Luxemburgische Operationsrichtung“ mit dem Ziel, Luxemburg innerhalb von nur zwölf Tagen zu erreichen. Damit wäre damals Westdeutschland durchtrennt gewesen. Das bestätige auch der ehemalige Armee-Colonel Michel Gretsch im Bommeleeër-Prozess. Er bestätige auch, dass es damals geheime Waffenlager im Land gab. Hätten Warschauer-Pakt-Truppen Luxemburg besetzt, sollten Untergrundkämpfer und NATO-Spezialeinheiten auf diese Lager zurückgreifen. Damit dies auch reibungslos funktioniert hätte, gab es regelmäßig sogenannte „Flintlock“-Übungen hierzulande.
So galt Flintlock84 (Ösling84) damals weltweit als die größte Militärübung für Spezialeinheiten. Über ganz Westeuropa verteilt, darunter Luxemburg, gab es Übungen mit US-Soldaten der „10th Special Forces Group“ aus dem bayerischen Bad Tölz und Übersee. Gesteuert wurde dies via NATO und dem sogenannten „Special Operations Command Europe“. Hunderte von Kommando-Soldaten schwärmten von Großbritannien aus und übten den unkonventionellen Krieg, auch im Ösling und dem belgischen Grenzgebiet. Und diese Trainings fanden bis 1990 fast jährlich statt.
Stay Behind
Doch es gab noch einer weitere streng geheime, von der NATO gesteuerte Überrollorganisation namens „Stay Behind“. In Luxemburg sollen zwölf unscheinbare Zivilisten mit einer paramilitärischen Ausbildung dieser ominösen Organisation angehört haben. Beim Luxemburger Geheimdienst wurde die Truppe schlicht „Plan“ genannt. Ihr jahrelanger Leiter war u.a. der frühere Geheimdienst-Chef Charles Hoffmann. Er spricht bei den Leuten lediglich von Funkern. Sie waren nicht für Sabotageakte trainiert, betonte Hoffmann im Bommeleeër-Prozess. Die Überrollagenten sollten u.a. „Personen schleusen“ und Funkverbindung mit NATO-Einrichtungen herstellen.
In Kooperation mit AEG Telefunken entwickelte der deutsche Geheimdienst BND eigens ein spezielles Funkgerät. Das FS-5000. Das unter dem NATO-Codenamen „Harpoon“ bekannte Gerät kam auch in Luxemburg zum Einsatz. Es soll eine Sendereichweite von bis zu 6.000 km gehabt haben. Wenn es denn mal funktionierte. „Unsere Geräte funktionierten nicht“, hatte Hoffmann im Untersuchungsausschuss Geheimdienst 2013 in einem Nebensatz erwähnt. Der Stückpreis eines solchen Geräts lag damals bei umgerechnet 250.000 Euro. Und in genau dieser Truppe sieht die Verteidigung um die beiden Angeklagten Marc Scheer und Jos Wilmes die eigentlichen Täter der Attentatsserie zwischen 1984 und 1986. Anwalt Gaston Vogel spricht von einer „Omerta“. „Es wird alles getan, damit die Wahrheit nicht ans Licht kommt. Dahinter stecken die Amerikaner und die NATO.“
Ablenkung
Die Verteidigung versucht alles, um ihre beiden Mandanten aus dem Schussfeld der Justiz zu ziehen und den Blick auf die geheime Guerilla-Truppe zu richten. Bis 5. Juni hat das Gericht weitere 25 Verhandlungstage angesetzt. In den kommenden Wochen wird auch die Rolle Luxemburgs im Stay-Behind-Netz durchgenommen. Nicht nur Prozessbeobachter sind skeptisch, dass die Stay-Behind-Theorie von Gaston Vogel wie eine Seifenblase zu zerplatzen droht. Handfeste Beweise konnte die Verteidigung bislang nicht vorlegen. Es bleibt abzuwarten, was ehemalige Geheimdienstler dazu beitragen und welche Akten – falls nicht schon dem Schredder nach der Auflösung der geheimen Truppen 1991 zum Opfer gefallen – eine mögliche Verbindung zum Bombenterror in Luxemburg untermauern.
Zu Demaart























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