Innenminister Manuel Valls ist zum beliebtesten Politiker des Landes aufgestiegen, während Staatschef François Hollande in Umfragen auf historische Tiefstände stürzt. Zugleich sorgt der selbstbewusste Politiker immer wieder für Polemik. Mit umstrittenen Äußerungen zu Roma brachte der Sozialist erst kürzlich auch Parteifreunde gegen sich auf, nun ist er wegen der Abschiebung einer 15-jährigen Kosovarin unter Druck geraten.
Ganz Frankreich diskutierte am Mittwoch über das Schicksal des Roma-Mädchen Leonarda. Die in Ostfrankreich lebende 15-Jährige befand sich auf einem Schulausflug, als sie von Polizisten abgefangen und mitsamt ihrer Familie abgeschoben wurde, deren Asylantrag zuvor abgelehnt worden war. Der Vorfall
ereignete sich schon am 9. Oktober, wurde aber erst diese Woche bekannt – und sorgte für einen Sturm der Entrüstung.
Interne Untersuchung
Eine «unmenschliche Politik» prangerte Linkspartei-Chef Jean-Luc Mélenchon an. Innenminister Valls lasse Roma «bis in die Schulen jagen». Die Linkspartei forderte einen Rücktritt des Innenministers, der für seine harte Haltung im Umgang mit Roma bekannt ist. Dieser ordnete umgehend eine interne Untersuchung der Abschiebung an.
Erst vor wenigen Wochen hatte Valls selbst für eine erregte Debatte um Roma gesorgt: Der 51-Jährige erklärte, nur die wenigsten Angehörigen der Minderheit wollten sich in Frankreich integrieren. «Die Roma sollten nach Rumänien oder Bulgarien zurückkehren», sagte er. Die Äußerungen sorgten für einen Aufschrei von Menschenrechtsgruppen, die Valls Rassismus vorwarfen, und riefen die EU-Kommission auf den Plan. Heftige Kritik kam vom grünen Koalitionspartner, auch Parteifreunde distanzierten sich. Seine Äußerungen nahm Valls, der mit dem Image desjenigen kokettiert, der unangenehme Wahrheiten ausspricht, nicht zurück.
Ein Katalane
Und der Sozialist kann dabei auf die Unterstützung der Mehrheit der Franzosen bauen, wie in vielen anderen Fragen auch. In manchen Umfrage stehen mehr als 70 Prozent der Franzosen hinter dem Innenminister – Traumwerte, die kein anderer Politiker in Frankreich erreicht.
Geboren wurde Valls am 13. August 1962 in Barcelona als Sohn eines katalanischen Künstlers. Erst später zog er nach Frankreich, mit 20 Jahren wurde er französischer Staatsbürger. Anders als viele Spitzenpolitiker besuchte er nie die Elitehochschule ENA, eine Politkaderschmiede, die auch Hollande hervorgebracht hat.
Nicht nur Freunde
Im Jahr 2001 wurde Valls Bürgermeister der Pariser Vorstadt Evry, im folgenden Jahr zog er als Abgeordneter in die Nationalversammlung ein. Er stieg zu einem der wichtigsten Politiker des reformorientierten Flügels der Sozialisten auf, stellte sogar die der Partei heilige 35-Stunden-Woche in Frage und warb für eine harte Kriminalitätsbekämpfung.
Bei den Sozialisten machte sich Valls damit nicht nur Freunde. Bei den parteiinternen Vorwahlen für die Präsidentschaftswahl des Jahres 2012 kam der vierfache Familienvater, der in zweiter Ehe mit einer bekannten Geigerin zusammenlebt, auf magere sechs Prozent. Er schloss sich dem später siegreichen Hollande an und wurde dessen Kommunikationschef im Wahlkampf. Nach Hollandes Wahlsieg wurde der charismatische Valls mit dem Innenministerium belohnt.
Als in den Medien dauerpräsenter Oberpolizist wirkt er wie ein Schutzschild für die Sozialisten, denen immer wieder eine zu nachgiebige Linie bei der Verbrechensbekämpfung vorgeworfen wird. Er genießt bei Wählern aus dem rechten Lager sogar eine noch größere Zustimmung als bei Wählern aus dem linken Lager.
Zu Demaart
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