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Wohnungen oder Ruinen?

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DIEKIRCH - In seiner Rede zur Lage der Nation hob Staatsminister Jean-Claude Juncker u.a. den Wohnungsbau als eine der Prioritäten für Luxemburg hervor. Jeder müsse das Recht auf eine Wohnung haben.

Dass Sonntagsreden und Realität oft weit auseinanderliegen, zeigen einmal mehr diese zwei Beispiele, die wir aus einer ganzen Reihe ähnlich gelagerter Fälle ausgewählt haben.

Bevor wir das Beispiel aus der Distriktshauptstadt näher erläutern wollen, beschäftigen wir uns kurz mit einem geplanten Projekt des „Fonds du logement“ in Colmar-Berg.

Seit einer gefühlten Ewigkeit steht hier ein früheres Gehöft leer. Im Laufe der Jahre brannte es zweimal in diesem Haus, was zur Folge hatte, dass sämtliche Fenster und Türen zugemauert wurden, damit keiner mehr in die Ruine hineinkommt. Ein Nebengebäude wurde bereits aus Sicherheitsgründen dem Erdboden gleichgemacht, da es in sich zusammenfiel. Das restliche Gemäuer (ein Teil der vorderen Fassade wurde unter Denkmalschutz gesetzt) ist komplett marode.

Die erwähnte Klassierung macht die Planung nicht einfacher und ist wahrscheinlich einer der Gründe, wenn nicht der Hauptgrund dafür, dass das Wohnungsbauprojekt seit immer und ewig auf seine Realisierung wartet. Da diese Ruine an der Zufahrtsstraße zum großherzoglichen Schloss liegt, wurde sie mit einer Plane rundum „verschönert“. Die Misere wurde so versteckt.

Außen hui, innen pfui

Kommen wir nun zum aktuellen Fall aus Diekirch. Hier besitzt die „Société nationale des habitations à bon marché“ (SNHBM) fünf quasi identische Häuser entlang der rue Muller-Frommes, der rue Dr Albert Mambourg und der rue des Fleurs. Die Gebäude wurden um 1940 errichtet. Im Laufe der Zeit wurden hier insgesamt 22 Sozialwohnungen eingerichtet, doch in den letzten Jahren hat sich gezeigt, dass der Zahn der Zeit ordentlich an diesen Häusern genagt hat.

Sie wurden wohl vom Besitzer, der SNHBM, unterhalten, sprich die Fassade wurde erneuert, die alten Fenster mussten durch neue ersetzt werden usw. und doch können diese Gemäuer längst nicht mehr den heutigen energietechnischen Anforderungen gerecht werden.

Ganz im Gegenteil: Sehen die Gebäude von außen betrachtet noch gut aus, so schreien die elektrischen und sanitären Leitungen und Anlagen laut nach Hilfe. Die Untersuchungen haben ergeben, dass den fünf Häusern nur die schlechteste aller Energieklassen zugeteilt werden konnte. „Ich bezahle fast das Doppelte der Monatsmiete an Nebenkosten“, so ein Mieter. „Oder klarer ausgedrückt: ich bezahle 250 Euro Miete und 400 Euro an Nebenkosten, wo vor allem die Heizkosten den größten Teil ausmachen“. Mehr als die Hälfte der Wohnungen sind von Schimmel befallen, da die gesamte Struktur feucht ist. An eine feuchtigkeitsabweisende Isolierung der Kellerdecke ist nicht zu denken, da die Nutzung dieser Räume bereits jetzt für die meisten Bewohner nur im gebückten Zustand möglich ist.

Ein Verantwortlicher der SNHBM (er will nicht namentlich genannt werden) bestätigte uns, dass diese Gebäude energietechnisch eine wahre Katastrophe seien. Eine Instandsetzung käme für die SNHBM nicht infrage. Die Kosten würden ins Unermessliche gehen. Deshalb habe man sich für ein Neubauprojekt entschieden, das zudem dann noch die Möglichkeit schaffen würde, die Zahl der Wohneinheiten fast zu verdoppeln und endlich auch behindertengerechte Wohnungen zu schaffen. Nun hat aber ein Privatmann, der nichts direkt mit dem Projekt zu tun hat, aus welchen Gründen auch immer einen Antrag bei „Sites et monuments“ gestellt, damit die Häuser klassiert werden sollen. Laut bestehendem Gesetz gehe dieses Vorgehen durchaus in Ordnung, so hieß es bei genannter Amtsstelle. Ein Beamter sah sich daraufhin die Häuser an und war der Meinung, sie seien schützenswert. Eine Entscheidung, die weder der Besitzer, also die SNHBM, noch die Gemeindeführung nachvollziehen können.

Auf Eis gelegt

Der Gemeinderat stimmte, wie es das Gesetz vorsieht, über den Antrag des Kulturministeriums ab. In allen fünf Fällen stimmten 11 von 13 Räte gegen den Antrag, lediglich ein CSV-Rat (Bonert) und ein Rat der „déi gréng“ (Thillen) gaben sich mit dem Antrag einverstanden.

Doch dies ändert nichts am Vorhaben des Kulturministeriums. Das Neubauprojekt der SNHBM, das im kommenden September beginnen sollte, ist derzeit auf Eis gelegt, bis eine endgültige Entscheidung getroffen wird.

„Sollten die Gebäude klassiert werden, bleibt uns nur eines übrig: wir schenken dem Staat die Gebäude, denn wir haben nicht das Geld, die Häuser entsprechend ihrer eventuellen Einklassierung instand zu setzen“, so die SNHBM. „Es ginge auch gegen unsere Philosophie. Wir können die heute nicht einmal chiffrierbaren Unkosten für eine sogenannte ‚Rénovation douce‘ nicht auf unsere Kundschaft abwälzen. Für uns gibt es also keinen Plan B.“

Klassierung

Für Bürgermeister Claude Haagen steht in dieser Affäre die Welt kopf. „Jeder sagt es, jeder schreibt es: Wir brauchen unbedingt mehr Wohnungen! Doch in der Praxis sieht dann wieder alles ganz anders aus. Wenn diese Häuser klassiert werden sollen, dann müssten wir eigentlich einen Großteil von Luxemburg klassieren. Wenn allein die Tatsache reicht, dass in einem Haus eine schöne Holztreppe ist oder die Plastikfenster mit Natursteinen umrahmt sind, dann finde ich innerhalb eines Tages bestimmt gleich 100 Häuser, die klassiert werden müssen.“

Die Luxemburger Politik sollte doch aufhören, sich selbst etwas vorzumachen. „In diesem Dossier, sollte es denn zur definitiven Klassierung kommen, kann man heute bereits den Schlusssatz schreiben: Der Besitzer hat das Geld zur Renovierung nicht, der Staat auch nicht und so lassen wir die fünf Gebäude über Jahre und Jahrzehnte hinweg leer stehend ihr trostloses Dasein fristen.“

So weit zur Wohnungsbaupolitik Luxemburgs.