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SüdostasienMilitärputsch in Myanmar weckt Erinnerungen an eine dunkle Ära 

Südostasien / Militärputsch in Myanmar weckt Erinnerungen an eine dunkle Ära 
Der Tag danach: Soldaten bewachen das Parlament in der Hauptstadt Naypyidaw Foto: AFP

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In Myanmar werden Erinnerungen an eine dunkle Ära wach: Mit eiserner Hand hatte eine Militärjunta das Land 50 Jahre lang regiert und komplett isoliert. Dann setzten demokratische Reformen ein. Jetzt hat die Armee wieder geputscht – dieses Mal gegen Aung San Suu Kyi.

Nach Jahren des zaghaften Übergangs zu demokratischen Reformen hat sich in Myanmar das Militär zurück an die Macht geputscht. Die zivile Führung um die faktische Regierungschefin Aung San Suu Kyi wurde in der Nacht zum Montag entmachtet. Es kam zu zahlreichen Festnahmen ranghoher Politiker, darunter Suu Kyi selbst sowie Staatspräsident Win Myint. Am Montag hätte das neu gewählte Parlament in Myanmar erstmals zusammenkommen sollen. Die Vorgänge lösten internationale Proteste und Kritik von Regierungen aus.

Die Streitkräfte verhängten einen einjährigen Ausnahmezustand. Die Macht liegt nun bei Armeechef Min Aung Hlaing, der während des Notstands die oberste Befehlsgewalt innehat, hieß es im von der Armee kontrollierten Fernsehsender Myawaddy. In einem Jahr soll es den Angaben zufolge eine Neuwahl geben.

Suu Kyi forderte die Bevölkerung via Facebook auf, die Machtübernahme nicht hinzunehmen. „Die Öffentlichkeit ist dazu aufgerufen, sich dem Militärputsch voll und ganz zu widersetzen und sich entschieden dagegen zu wehren“, wurde sie zitiert. Gerüchte über einen bevorstehenden Putsch im früheren Birma hatte es seit Tagen gegeben. Hintergrund sind Vorwürfe des Militärs, bei der Parlamentswahl im November sei es zu Wahlbetrug gekommen.

Die 75-jährige Suu Kyi und ihre Partei Nationale Liga für Demokratie (NLD) hatten die Abstimmung mit absoluter Mehrheit gewonnen. Belege für die Betrugsvorwürfe der Armee gibt es bisher offenbar nicht. Die Beweggründe der Armee in Myanmar sind jedoch noch unklar.

„Schwerer Schlag für demokratische Reformen“

UN-Generalsekretär Antonio Guterres sprach von einem „schweren Schlag für die demokratischen Reformen in Myanmar“. Die NLD habe bei der Wahl ein „starkes Mandat“ des Volkes in Myanmar bekommen, das sich nach Demokratie, Frieden und Menschenrechten sehne. Ähnlich äußerten sich die Europäische Union, die USA und andere Staaten. Der neue US-Präsident Joe Biden drohte mit Sanktionen. Myanmars Nachbarland China rief zur Stabilität auf und äußerte die Hoffnung, dass „alle Seiten in Myanmar ihre Differenzen im Rahmen der Verfassung“ bewältigen könnten. Luxemburgs Außenministerium forderte über Twitter die sofortige Freilassung der Festgenommenen. Das Militär müsse den demokratischen Willen der Bevölkerung respektieren, das Wahlergebnis und die Arbeit der gewählten, verfassungsmäßigen Institutionen wieder zulassen.

Nach einem Putsch im Jahr 1962 stand das Land fast ein halbes Jahrhundert lang unter einer Militärdiktatur. Suu Kyi setzte sich in den 1980er Jahren für einen gewaltlosen Demokratisierungsprozess ein und wurde deshalb 15 Jahre unter Hausarrest gestellt. 1991 erhielt sie für ihren Einsatz gegen Unterdrückung und soziale Ungerechtigkeit den Friedensnobelpreis. Erst seit 2011, als erstmals wieder eine zivile Regierung eingesetzt wurde, kamen langsam Reformen in Gang.

An strategischen Stellen der Hauptstadt Naypyidaw und der größten Stadt Yangon patrouillierten Berichten zufolge Soldaten. Ein ausländischer Augenzeuge berichtete der Deutschen Presse-Agentur von Eindrücken aus Yangon. Demnach waren das Internet und das Mobilfunknetz teilweise unterbrochen und die Banken geschlossen. In den Supermärkten sei es zu Hamsterkäufen gekommen. Auf den Straßen verlaufe das Leben weitgehend normal, samt Baustellen und Straßenhändlern. „So viel oberflächliche ‚Normalität’ ist fast schon wieder gespenstisch angesichts der dramatischen Entwicklungen“, sagte der Augenzeuge. Viele Aktivisten und kritische Journalisten versteckten sich aber, weil sie befürchteten, verhaftet zu werden. Panik oder Gewalt habe es aber zunächst nicht gegeben. 

Auch nach der Wahl war Suu Kyi weiter auf die Kooperation mit dem Militär angewiesen. Ein Viertel der Sitze in den Parlamentskammern blieb für die Streitkräfte reserviert. So steht es in der Verfassung von 2008, die die Junta aufgesetzt hatte, um auch nach der Einleitung demokratischer Reformen nicht entmachtet zu werden. Wegen einer anderen Klausel konnte Suu Kyi nicht Präsidentin werden, sondern regierte als Staatsrätin und somit De-Facto-Regierungschefin das Land mit seinen fast 54 Millionen Einwohnern. Ohne das Militär sind auch Verfassungsänderungen nicht möglich, zudem kontrollierte es bislang schon die wichtigsten Ministerien.

Im eigenen Land ist die Politikerin sehr beliebt. International ist sie aber mittlerweile umstritten. Vor allem wegen der staatlichen Diskriminierung der Rohingya und ihres Schweigens zur Gewalt gegen die muslimische Minderheit steht Suu Kyi weltweit in der Kritik. Mehr als eine Million Rohingya sind vor den brutalen Übergriffen des Militärs nach Bangladesch geflohen. (dpa)