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Ukraine-KriegKaum Wasser, kaum Auswege – Tausende Zivilisten hängen an der Front im Donbass fest

Ukraine-Krieg / Kaum Wasser, kaum Auswege – Tausende Zivilisten hängen an der Front im Donbass fest
In Lyssytschansk, das nur ein Fluss von Sewerodonezk trennt, machen sich ukrainische Soldaten auf zur Front Foto: dpa/Rick Mave

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Kaum Trinkwasser und kaum ein Weg, der noch raus führt. Für die in der Stadt Sewerodonezk verbliebenen ukrainischen Zivilisten wird die Lage immer bedrohlicher. Im von Russland besetzten Süden der Ukraine sind die ersten Partisanen am Werk.

In der Ostukraine rücken die russischen Truppen immer weiter auf das Stadtzentrum der umkämpften Stadt Sewerodonezk vor. „Die Russen rücken in die Mitte von Sewerodonezk vor“, erklärte Gouverneur Sergij Gajdaj am Montag. In der südlichen Region Cherson ging die ukrainische Armee unterdessen zum Gegenangriff über und drängte die russischen Truppen nach eigenen Angaben im Bereich einiger Dörfer zurück.

Wohin kann ich denn fliehen, wenn sie von überall schießen?

Die 69-Jährige Walentyna Pawlenko in Bachmut

Die durch einen Fluss getrennten Städte Sewerodonezk und Lyssytschansk sind die letzten Städte in der Region Luhansk, die noch von der Ukraine kontrolliert worden. In Sewerodonezk hatte es nach Angaben des Gouverneurs schon am Sonntag heftige Straßenkämpfe gegeben.

Der Weg raus ist „zu gefährlich“

Am Montag dauerten die Kämpfe an, wie Gajdaj im Messengerdienst Telegram erklärte. Mittlerweile sei die Lage in der Stadt „sehr schwierig“. „Die wichtige Infrastruktur von Sewerodonezk ist zerstört, 60 Prozent der Wohnungen können nicht wiederaufgebaut werden“, erklärte der Gouverneur von Luhansk. Die Straße, die Sewerodonezk mit Lyssytschansk und Bachmut weiter südlich verbindet, sei zu „gefährlich“, um Zivilisten in Sicherheit und Hilfsgüter in die Stadt zu bringen.

Sewerodonezk-Bürgermeister Olexander Stryuk hatte bereits am Wochenende wegen der humanitären und sanitären Lage in der Stadt Alarm geschlagen, die vor dem Krieg 100.000 Einwohner hatte und in der nun schätzungsweise noch 15.000 Zivilisten ausharren. „Ständige Bombenangriffe“ erschwerten vor allem die Versorgung mit Trinkwasser.

In Donezk, der Hauptstadt der 2014 von prorussischen Separatisten ausgerufenen „Volksrepublik“ Donezk, wurden nach russischen Angaben unterdessen fünf Menschen bei einem ukrainischen Angriff getötet. Wie russische Nachrichtenagenturen meldeten, beschossen ukrainische Streitkräfte am Montag das Stadtzentrum von Donezk und trafen dabei zwei Wohnblocks und drei Schulen. Fünf Zivilisten seien getötet und 16 weitere Menschen verletzt worden.

„Alle sehen viel älter aus im Vergleich zu letzter Woche“: Tetjana Bartschtschewska verkauft noch Fleisch in Soledar
„Alle sehen viel älter aus im Vergleich zu letzter Woche“: Tetjana Bartschtschewska verkauft noch Fleisch in Soledar Foto: AFP/Aris Messinis

Bei Kämpfen in der Region Cherson in der Südukraine drängten ukrainische Streitkräfte die russische Armee unterdessen in der Nähe der Dörfer Andrijiwka, Losowe und Bilohirka zurück, wie die ukrainische Armee mitteilte. „Cherson, bleib standhaft, wir sind nah“, erklärte der Generalstab auf Facebook. Zur Abwehr der Gegenoffensive errichteten russische Truppen den Angaben zufolge Verteidigungslinien rund um Cherson. Ins benachbarte Mykolajiw seien zudem russische Spezialeinheiten entsandt worden, „um verlorene Stellungen zurückzuerobern“.

Partisanen in Melitopol

Der Großraum um die Hafenstadt Cherson war gleich nach Kriegsbeginn Ende Februar von russischen Truppen erobert worden. Die Lage der Stadt an der Mündung des Dnjepr und in unmittelbarer Nähe zur von Russland annektierten Schwarzmeer-Halbinsel Krim ist von großer strategischer Bedeutung.

Eine zerstörte Schule in Bachmut: Vor kurzem war die Stadt noch ein Stützpunkt westlicher Hilfsorganisationen
Eine zerstörte Schule in Bachmut: Vor kurzem war die Stadt noch ein Stützpunkt westlicher Hilfsorganisationen Foto: AFP/Aris Messinis

In der von russischen Truppen besetzten Stadt Melitopol in der Südukraine wurden nach Angaben der von Moskau eingesetzten Stadtverwaltung unterdessen zwei Menschen bei der Explosion einer Autobombe verletzt. Die neu ernannte pro-russische Bürgermeisterin Halina Daniltschenko machte Kiew für den „Anschlag“ verantwortlich und sprach laut der russischen Nachrichtenagentur RIA Nowosti von einem gegen Zivilisten gerichteten „zynischen Terrorakt“.

Französischer Journalist getötet

Ein französischer Journalist ist in der Ukraine getötet worden. Frédéric Leclerc-Imhoff sei in einem Bus mit Zivilisten unterwegs gewesen, schrieb Frankreichs Präsident Emmanuel Macron am Montag auf Twitter. Er sprach allen, die in Krisengebieten im Einsatz seien, um über das Geschehen dort zu berichten, die Unterstützung Frankreichs aus. Die Umstände seines Todes waren zunächst unklar. Leclerc-Imhoff, der für den Sender BFM-TV arbeitete, sei mit Zivilisten unterwegs gewesen, die vor dem Krieg fliehen wollten. Er sei „tödlich getroffen“ worden, schrieb Macron.(AFP)

„Man kann die Angst in ihren Augen sehen“

Das Lebensmittelgeschäft am Markt von Soledar liegt in Schutt und Asche, aber am Marktstand von Tetjana Bartschtschewska gibt es noch etwas zu kaufen: Fleisch und Sahne hat die 47-Jährige auf ihrem Klapptisch im Angebot. Die Kleinstadt im Osten der Ukraine liegt direkt an der Front; die Menschen leben im Bewusstsein, jeden Moment sterben zu können. „Alle sehen viel älter aus im Vergleich zu letzter Woche“, sagt Marktfrau Bartschtschewska. „Das liegt an der Angst. Man kann sie in ihren Augen sehen.“
Die angreifenden russischen Truppen stehen vor den Toren der Bergbaustadt. Eine Rakete hat die Salzmine getroffen, die Bushaltestellen sind verwüstet. Über die teilweise russisch kontrollierten Zufahrtsstraßen kommt kaum Verstärkung zur Verteidigung. Im Süden von Soledar haben ukrainische Soldaten einen neuen tiefen Graben ausgehoben. Die Einwohner sehen das als Indiz, dass sich die Armee darauf vorbereite, sich zurückzuziehen und Soledar dem Feind zu überlassen. Unter den Einwohnern der Kleinstadt macht sich nach wochenlanger Zermürbung Fatalismus breit. „Wenn sie mich umbringen, dann bringen sie mich eben um“, sagt der Rentner Wolodymyr Selewjorstow.
Die größere Nachbarstadt Bachmut war bis vor kurzem ein Stützpunkt westlicher Hilfsorganisationen. Nun ist sie fast menschenleer, russische Raketen haben Regierungsgebäude und Lagerhäuser zerstört. Mobile ukrainische Einheiten feuern von Bachmut aus auf die Angreifer – und versuchen abzuziehen, bevor sie selbst beschossen werden. Dieses tödliche Katz-und-Maus-Spiel treibt Walentyna Pawlenko in die Verzweiflung. „Wohin kann ich denn fliehen, wenn sie von überall schießen?“, fragt die 69-Jährige, als sie an einer zerstörten Schule vorbeigeht. „Wenn in meiner Nähe etwas explodiert, ist mein einziger Wunsch, dass es schnell geht“, sagt sie. (AFP)