Angesichts anhaltender russischer Angriffe in der Ukraine wird dort die Lage in etlichen Städten für die Zivilbevölkerung immer schwieriger. Die Verwaltung der umzingelten Stadt Mariupol teilte am Dienstag mit, dass weiteres russisches Bombardement diese „in die Asche eines toten Landes“ verwandele. Ukrainische Behörden berichteten von einer sich anbahnenden Hungersnot in der von Russland eingenommenen Stadt Cherson. Für die 300.000 Einwohner dort wurden dem Außenministerium in Kiew zufolge Lebensmittel und Medizin knapp. „Dennoch verweigert Russland einen Fluchtkorridor, um Zivilisten aus der Stadt zu lassen.“ UN-Generalsekretär Antonio Guterres forderte die Regierung in Moskau auf, den „absurden Krieg“ zu beenden, der den Ukrainern nur eine „lebende Hölle“ bereite und zu nichts führe.
In Erwartung schwerer Kämpfe in der Nähe der Hauptstadt Kiew forderten ukrainische Behörden die Zivilbevölkerung in Boryspil nahe des gleichnamigen internationalen Flughafens auf, die Stadt zu verlassen. Russischen Truppen ist es seit ihrem Einmarsch in das Nachbarland am 24. Februar nicht gelungen, eine größere Stadt einzunehmen. Auch der Vormarsch auf Kiew stockt.
Angriff auf Kiew sei „Selbstmord“
Dagegen konnten russische Truppen im Süden offenbar Geländegewinne erzielen. Die ukrainische Regierung gehe davon aus, dass die Kämpfe mit Russland innerhalb von zwei bis drei Wochen enden könnten, sagte der Berater von Präsident Wolodymyr Selenskyj, Olexij Arestowytsch, in einem Interview. Das Hauptziel der russischen Truppen sei, Kiew unter ihre Kontrolle zu bringen. Es sei jedoch „Selbstmord“, dies zu versuchen.
Russland greift militärische Ziele, aber auch Wohngebiete in den Städten zunehmend aus der Luft oder mit Raketen und Artillerie an. Das russische Militär verstärkt offenbar auch die Angriffe auf die Stadt Charkiw. Angaben aus dem Kriegsgebiet können unabhängig nicht überprüft werden. Westliche Sicherheitsexperten warnen seit Tagen, dass Russlands Präsident Wladimir Putin aus Frustration über fehlende militärische Erfolge andere Waffen einsetzen könnte.
Schwere Vorwürfe gegen Russland: Frauen und Kinder verschleppt
Kiew hat Moskau vorgeworfen, vor dem Krieg flüchtende Zivilisten nach Russland zu verschleppen. „Frauen und Kinder werden massenhaft aus den Gebieten der Regionen Donezk und Luhansk abgeschoben“, schrieb die Menschenrechtsbeauftragte des ukrainischen Parlaments, Ljudmyla Denissowa, am Dienstag auf Facebook. Moskau betont immer wieder, dass viele Ukrainer darauf warteten, etwa aus der belagerten Hafenstadt Mariupol über so genannte Fluchtkorridore nach Russland evakuiert zu werden. Kiew bestreitet das.
Denissowa erhob unterdessen weitere schwere Vorwürfe gegen Russland: „Frauen, Kinder, alte Leute werden durchsucht, ihnen werden die ukrainischen Dokumente und Telefone abgenommen und sie werden in grenznahe russische Gebiete geschickt. Dort werden sie in Konzentrationslagern untergebracht mit anschließender Umsiedelung in die depressiven Regionen Russlands.“ Für diese Anschuldigungen legte sie allerdings keine Beweise vor. (AFP)
Die USA warnten, dass Russland auch biologische oder chemische Kampfstoffe einsetzen könnte. Präsident Joe Biden warf Putin vor, mit unwahren Behauptungen den Boden für den Einsatz dieser international geächteten Waffen zu bereiten. Putin stehe mit dem Rücken zur Wand und mache Aussagen, die nicht stimmten. Aus US-Verteidigungskreisen verlautete, es gebe gegenwärtig keine konkreten Hinweise auf einen unmittelbar bevorstehenden Einsatz von biologischen oder chemischen Waffen. Das Thema soll nach Angaben von EU-Diplomaten auch in einer Telefonkonferenz Bidens mit den Regierungschefs Frankreichs, Großbritanniens, Deutschlands und Italiens zur Sprache gekommen sein.
Die Ukraine und westliche Länder sprechen von einem Angriffskrieg. Russland bezeichnet sein Vorgehen in der Ukraine dagegen als Spezialoperation zur Zerstörung militärischer Stützpunkte sowie zur Demilitarisierung und Entnazifizierung der Ukraine. In dem Krieg sollen nach Angaben der Ukraine und aus westlichen Sicherheitskreisen mehrere zehntausende Menschen gestorben sein. Eine unabhängige Überprüfung ist nicht möglich. Die UN sprechen mittlerweile von 3,5 Millionen Geflüchteten.
Biden kritisiert Indien
Biden zufolge hat der Konflikt mittlerweile eine weltweite Dimension. „Als Antwort auf seine Aggression haben wir in der gesamten NATO und im Pazifikraum eine einheitliche Front gebildet“, sagte er über Putin. Biden kritisierte die Haltung Indiens, das sich nicht den westlichen Sanktionen angeschlossen habe, sondern versuche, seine Beziehungen zu Russland und dem Westen auszubalancieren. Indien bezieht nicht nur Waffen aus Russland, sondern kauft nach dem US-Ölboykott gegen Russland nun auch russisches Öl. Dagegen hob der US-Präsident einen engen Schulterschluss Japans und Australiens mit dem Westen hervor. Russland hatte am Montag die Friedensgespräche mit Japan über die zwischen beiden Ländern umstrittenen Kurilen-Inseln beendet.
Biden reist diese Woche nach Europa. In Brüssel finden am Donnerstag sowohl ein NATO-, ein G7- als auch ein EU-Gipfel statt. Dabei soll es auch um weitere Sanktionen gehen. Polen schlug nach eigenen Angaben den Ausschluss Russlands aus der Gruppe der 20 größten Industrie- und Schwellenländer (G20) vor. Die Reaktionen darauf seien positiv gewesen, teilte Wirtschaftsminister Piotr Nowak mit. Polen gehört nicht der G20 an. (Reuters)
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