Montag2. Februar 2026

Demaart Zu Demaart

Headlines

„Feind Fußball“: Moskaus Geheimdienst gibt nach 75 Jahren Akten frei

„Feind Fußball“: Moskaus Geheimdienst gibt nach 75 Jahren Akten frei

Jetzt weiterlesen !

Für 0,99 € können Sie diesen Artikel erwerben.

Oder schließen Sie ein Abo ab.

ZU DEN ABOS

Sie sind bereits Kunde?

Weil sie angeblich Sowjetdiktator Stalin töten wollten, werden vier russische Fußballer verhaftet und saßen jahrelang im Lager. Der wirkliche Grund: Die Starostins schossen ihre Tore für den «falschen» Verein. Das belegen bisher unter Verschluss gehaltene Dokumente.

Es ist ein erschütternder Blick auf ein skrupelloses Verbrechen gegen den Fußball in der Sowjetunion und ein scharfer Kontrast zur laufenden WM in Russland. 75 Jahre nach dem Fall Starostin aus der Stalin-Ära gibt Russlands Inlandsgeheimdienst FSB in einem seltenen Schritt einen Teil der Akten zur Affäre frei – und die Moskauer Zeitung Kommersant veröffentlicht dieser Tage einen ersten Einblick. Der Fall zeigt: Wenn heute diskutiert wird, ob Sport Politik ist, war Fußball damals für viele ein massives Risiko – das erbarmungslos mit Scheinprozessen, Folter und Hinrichtungen endete.

Unübersehbar stehen heute im Spartak-WM-Stadion in Moskau vier Bronzefiguren am Spielfeldrand. Es sind die Statuen von Alexander, Andrej, Nikolai und Pjotr Starostin – vier Brüder und geniale Fußballer, die Geheimdienstchef Lawrenti Berija 1942 unter fingierten Anschuldigungen verhaften ließ. «Der absurdeste Vorwurf war, dass bei der Mai-Parade 1937 ein Anschlag auf (Sowjetdiktator Josef) Stalin verübt werden sollte», sagt der Historiker Sergej Bondarenko.

Er arbeitet für die russische Organisation Memorial, die sich um die schwierige Aufarbeitung der Stalin-Ära in Russland verdient macht. Der Fall Starostin als solcher ist bereits gut bekannt. Aber von den FSB-Akten versprechen sich die unabhängigen Wissenschaftler genauere Aufklärung über die Hintergründe des Falls. Sie möchten vor allem wissen, womit die Verfolgung der Spieler begonnen hat.

Die Brüder sind damals nicht irgendwelche Sportler. Es sind Stars. Nikolai Starostin hat Spartak Moskau mitgegründet, heute Russlands Fußball-Rekordmeister. Besonders mit ihm hat Geheimdienstchef Berija Rechnungen zu begleichen. Sechs Jahre vor der Festnahme gewinnt Spartak 1936 ein Spiel gegen Berijas Lieblingsmannschaft Dynamo Moskau auf Kunstrasen auf dem Roten Platz, vor Stalins Augen. Der Sieg wird im Kreml als Provokation der Geheimpolizei wahrgenommen.

«Stalin hat danach angeordnet, ‚Feinde des Volkes‘ innerhalb des Sports zu bestrafen – damit begannen die Verfolgungen», erzählt der Moskauer Sporthistoriker Juri Koschel. In sowjetischen Zeitungen erscheinen erste diskreditierende Artikel über Fußballer und Funktionäre – etwa, dass sie Geld verschwendeten und gierig seien.

Jahrelang sammelt Berija belastendes Material gegen die Starostins. Mindestens elf Bekannte der Brüder lässt er festnehmen und foltern. «Überall in den Dokumenten sagen die Häftlinge, dass die Starostins an einer Anschlagsplanung beteiligt waren», schildert Bondarenko dem Kommersant. «Es wird gesagt: Wir bereiteten einen Anschlag auf dem Roten Platz vor, entweder die Zündung einer Bombe, oder Stalin vom Dach des (Kaufhauses) GUM zu erschießen», erzählt der Historiker. «Die Mehrheit der Häftlinge wurde nach den Verhören zum Tode verurteilt.»

1942 befindet sich die Sowjetunion im Krieg mit dem Deutschen Reich. Kaum jemand bemerkt, dass die vier Fußballer festgenommen werden. Vor Gericht wird ihnen die «Gründung einer terroristischen Kampfgruppe von Sportlern» vorgeworfen. Doch die «Beweise» sind selbst für einen Schauprozess zu schwach. Also ändert Berija die Anklage. Nun sollen die Starostins Züge überfallen und Textilien geraubt haben. Auch dafür gibt es zwar keine Beweise – aber darum geht es ja auch nicht: Die Brüder werden zu jeweils zehn Jahren Lagerhaft verurteilt.

Nach einem Drittel der Strafe kommt Nikolai Starostin auf Initiative von Stalins Sohn Wassili frei. Seine drei Brüder müssen die gesamte Zeit absitzen. Erst nach dem Tod von Stalin und Berija 1953 können die vier freier atmen. Sie bekommen später gar Trainerposten sowie Funktionärsämter im Fußballverband. Eine Art Rehabilitation erlebt Nikolai, hochbetagt, erst unter Reformer Michail Gorbatschow, der ihm den Verdienstorden verleiht. Seine drei Brüder sind da schon tot.

Nikolai stirbt 1996, in Moskau ist heute eine Straße nach ihm benannt. Als vor wenigen Tagen in der Stadt Komsomolsk am Amur eine Gedenktafel für den legendären Fußballer enthüllt wird, übernimmt Nationalspieler Juri Gasinski die Kosten von 100.000 Rubel (rund 1500 Euro). Starostin hat den Klub trainiert, Gasinski ist dort geboren.

«Wir haben jetzt von den elf Festgenommenen die Aussagen studiert, die früher geheimgehalten wurden», sagt Historiker Bondarenko dem Kommersant. Ihm zufolge antworten die Häftlinge in den ersten beiden Starostin-Aktenbänden vor allem auf Fragen über Korruption, von der die Stalin-Zeit durchsetzt gewesen sei. Nun hofft Bondarenko, dass der Geheimdienst 2019 weitere Dokumente zu dem Fall freigibt.