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Project SyndicateDie Pandemie als Chance für Geschlechtergerechtigkeit

Project Syndicate / Die Pandemie als Chance für Geschlechtergerechtigkeit
Frauen tragen oftmals den größten Teil der Verantwortung für den Zusammenhalt der Gesellschaft Foto: Eduardo Briones/Europa Press/dpa

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Wohin man auch blickt, sind es Frauen, die den größten Teil der Verantwortung für den Zusammenhalt der Gesellschaften tragen, sei es zu Hause, im Gesundheitswesen, in der Schule oder bei der Pflege älterer Menschen. In vielen Ländern erledigen Frauen diese Aufgaben unbezahlt. Doch sogar wenn die Arbeit berufsmäßig ausgeübt wird, werden diese Jobs tendenziell von Frauen dominiert – und in der Regel schlechter bezahlt als männerdominierte Berufe.

Die Covid-19-Krise hat diese geschlechtsspezifischen Unterschiede noch deutlicher hervortreten lassen. Auf regionaler Ebene, in multilateralen Organisationen und in internationalen Finanzinstitutionen muss anerkannt werden, dass Frauen bei der Bewältigung der Krise eine entscheidende Rolle spielen werden, und dass Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie und ihrer wirtschaftlichen Folgen eine Geschlechterperspektive beinhalten sollten.

Wir sehen drei Bereiche, in denen Frauen und Mädchen in der gegenwärtigen Krise besonders gefährdet sind und stärkeren Schutz benötigen.

Erstens zeigt die Erfahrung, dass häusliche, sexuelle und geschlechtsbezogene Gewalt in Krisenzeiten und bei Katastrophen zunimmt. Dies war während der Ebola-Epidemie in den Jahren 2014-2016 ebenso der Fall wie im Zuge der Zika-Epidemie 2015-16, und offenbar geschieht es auch heute. In Zeiten von Quarantäne oder Ausgangssperren sind Frauen und Kinder, die mit gewalttätigen und kontrollierenden Männern zusammenleben, einer deutlich größeren Gefahr ausgesetzt.

Die Notwendigkeit, diese Frauen und Kinder zu unterstützen, wird nur noch größer werden, wenn die Krise vorbei ist und die Menschen sich wieder frei bewegen können. Wir müssen sicherstellen, dass Frauenhäuser und andere Formen der Unterstützung entsprechend erhalten und gestärkt werden. Regierungen und zivilgesellschaftliche Gruppen müssen mehr Ressourcen wie Notunterkünfte und telefonische Anlaufstellen bereitstellen und möglicherweise mobile Technologien auf innovative Weise nutzen, wie es in so vielen anderen Bereichen der Fall ist.

Weniger Zugang zu Gesundheitsdiensten

Zweitens sind die meisten Menschen an der vordersten Front der Pandemie Frauen, denn 70 Prozent aller Beschäftigten im Gesundheits- und Sozialwesen weltweit sind Frauen. Wir müssen diese Frauen dringend stärken, indem wir zunächst mehr Mittel für diejenigen bereitstellen, die auch die Hauptverantwortung für die Hausarbeit übernehmen. In zunehmendem Maße könnte dies auch die Pflege infizierter Familienangehöriger beinhalten, was diese Frauen einem noch größeren Risiko aussetzen wird.

Zudem stellen Frauen den Großteil der älteren Weltbevölkerung – insbesondere in der Altersgruppe der über 80-Jährigen – und somit die Mehrheit der potenziellen Patienten. Trotzdem haben sie tendenziell weniger Zugang zu Gesundheitsdiensten als Männer. Zu allem Übel ist in mehreren Ländern, die bereits von Epidemien betroffen waren, die Bereitstellung von Dienstleistungen im Bereich der sexuellen und reproduktiven Gesundheit – darunter Schwangerenvorsorge und die Betreuung von Müttern sowie Zugang zu Verhütungsmitteln und sicheren Abtreibungen – reduziert worden, sobald die Ressourcen für die Krise umverteilt werden mussten. Ein solcher Entzug der finanziellen Mittel hat schwerwiegende Folgen für Frauen und Mädchen und muss um jeden Preis verhindert werden.

Letzten Endes sind Frauen wirtschaftlich besonders gefährdet. Frauen verfügen weltweit über weniger eigene finanzielle Mittel als Männer, und ihre Position auf dem Arbeitsmarkt ist weniger sicher. Darüber hinaus ist die Wahrscheinlichkeit bei Frauen höher, alleinerziehend und somit stärker vom gegenwärtig in vollem Gange befindlichen wirtschaftlichen Abschwung betroffen zu sein.

Perspektiven berücksichtigen

Angesichts dieser Unterschiede ist es von entscheidender Bedeutung, dass die Maßnahmen zur Bewältigung der Wirtschaftskrise die besondere Situation von Frauen berücksichtigen. Vor allem in Konfliktgebieten und anderen Regionen, in denen die Gleichstellung der Geschlechter zu kurz kommt, laufen Frauen und Mädchen Gefahr, von Entscheidungsprozessen ausgeschlossen zu werden und möglicherweise ganz ins Hintertreffen zu geraten.

In diesem Jahr wird der 25. Jahrestag der Vierten Weltfrauenkonferenz der Vereinten Nationen begangen, auf der die internationale Gemeinschaft die Erklärung und Aktionsplattform von Peking verabschiedet hat. Wir fordern alle Regierungen auf, sich erneut zu dem Grundsatz zu bekennen, dass Frauen das gleiche Recht auf Teilhabe an Entscheidungsprozessen haben wie Männer – dass ihre Perspektiven berücksichtigt werden müssen.

Zu diesem Zweck müssen politische Entscheidungsträger auf allen Ebenen Frauenrechtsorganisationen anhören und gemeinsam mit ihnen Antworten auf diese Krise formulieren, die auch in die Vorbereitung auf die nächste einfließen. Die Leitfrage sollte immer lauten: Sind Frauen und Männer unterschiedlich von dieser Problematik betroffen, und wenn ja, wie können wir gerechtere Ergebnisse erzielen?

Führungsstärke zeigen

Wir müssen sicherstellen, dass Mädchen genauso viel Zeit zum Lernen haben wie Jungen und nicht die volle Verantwortung für die Betreuung von Geschwistern und Eltern tragen. Wir müssen auch die richtigen Lehren aus der Covid-19-Krise ziehen, die von uns verlangt, dass wir uns eingehend damit befassen, wie wir die Beiträge von Frauen zur Gesundheitsversorgung, zu sozialen Diensten und zur Wirtschaft bewerten und bezahlen. Wie können wir sicherstellen, dass Frauen jetzt und in Zukunft nicht von wichtigen politischen Prozessen ausgeschlossen werden?

Heute sind alle Länder mit derselben Krise konfrontiert, und keines wird Covid-19 im Alleingang überwinden. Da wir einer gemeinsamen Zukunft entgegensehen, müssen wir alle daran arbeiten, dass sie auf Solidarität und Partnerschaft basiert. Die Regierungen und die UNO müssen Führungsstärke zeigen. Wir wissen, dass geschlechtergerechte Gesellschaften wohlhabender und nachhaltiger sind als solche mit tiefen Disparitäten. Die internationalen Entscheidungsträger haben die Möglichkeit, der Gleichstellung der Geschlechter oberste Priorität einzuräumen. Wir ersuchen sie, die Gelegenheit wahrzunehmen.

* Aus dem Englischen von Sandra Pontow

Dieser Kommentar wurde gemeinsam unterzeichnet von Shirley Ayorkor Botchwey, Außenministerin, Ghana; Kamina Johnson-Smith, Ministerin für auswärtige Angelegenheiten und Außenhandel, Jamaika; Kang Kyung-wha, Außenministerin, Südkorea; Retno Marsudi, Außenministerin, Indonesien; Grace Naledi Mandisa Pandor, Außenministerin, Südafrika; Marise Payne, Außenministerin, Australien; Phumzile Mlambo-Ngcuka, Exekutivdirektorin von UN Women und Ine Marie Eriksen Søreide, Außenministerin, Norwegen.

Ann Linde ist Außenministerin von Schweden. Arancha González, ehemalige Generaldirektorin des Internationalen Handelszentrums ITC, ist spanische Außenministerin.

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