«Wir dachten alle, wir bekommen total einfach einen Job», sagt Shubham Kesarwani. Der 25-Jährige ist einer von vielen jungen Menschen der aufstrebenden Mittelschicht in Indien, die von einem Leben als erfolgreiche Manager träumen, mit Büros in den Glas-Beton-Satellitenstädten und exorbitanten Gehältern. Deswegen schrieb er sich für ein MBA-Studium an einer Wirtschaftshochschule vor den Toren der Hauptstadt Neu Delhi ein und zahlte Hunderttausende Rupien (Tausende Euro).
Doch nach dem Abschluss stand er auf der Straße. «Die meisten meiner ehemaligen Kommilitonen mühen sich ab, aber finden nichts», sagt Kesarwani. Die Nachfrage nach Betriebswirten sei gering. «Wenn Unternehmen uns doch einstellen, dann als einfache Arbeiter, aber nicht als Manager.» Er selbst fand schließlich eine Stelle als Verkäufer bei einem Solarunternehmen – für ein Anfangsgehalt von 6000 Rupien (76 Euro) im Monat. «Das ist höchstens Taschengeld», beschwert er sich.
Private Colleges sind ein Problem
Das Problem, meint Kesarwani, seien die zahlreichen privaten Colleges. Das sieht auch Zihan Ali (25) so, der Marketing and Finance in der Stadt Kota studierte, der Bildungshochburg des Bundesstaates Rajasthan. «Die Colleges schießen hier wie Pilze aus dem Boden», sagt Ali. Jeder, der zwei Räume miete und ein Schild über der Tür anbringe, könne das «Institut» nennen.
Doch wer soll all diese Master of Business Administration (MBA) einstellen? Die Wirtschaft in dem aufstrebenden Schwellenland wuchs im vergangenen Jahrzehnt zwar meist zwischen acht und zehn Prozent – doch wurden dabei kaum neue Jobs geschaffen. In den vergangenen beiden Jahren fielen die Wachstumsraten steil ab, Krisenstimmung machte sich breit, der Währungskurs sank, die Investitionen blieben aus. Anders als in China, Südkorea oder Taiwan, wo Millionen Menschen in Fabriken schweißen und zusammenbauen und nähen, gibt es in Indien vergleichsweise wenige Produktionsstätten und auch keinen großen Bedarf an Managern.
Zukunftssorgen
Die Mühen der MBA-Absolventen sind symptomatisch für die Zukunftssorgen, die viele Studienabgänger plagen. Die Bildungsinstitute werfen doppelt so viele Absolventen auf den Markt, wie dieser aufnehmen könne, schreibt das britische Magazin «Economist». Selbst die erfolgreichen IT-Unternehmen des Landes böten nur Platz für ein paar Millionen Menschen – von einer halben Milliarde Menschen im arbeitsfähigen Alter.
Zahlreiche junge Menschen bekommen höchstens schlecht bezahlte Jobs im Dienstleistungssektor, vor allem als Wachmänner. Dann sitzen sie vor Bankautomaten, Läden, Büros und Mietshäusern und sehen, welche Erfolge andere feiern. Sie lesen in der Zeitung, wie ihr Landsmann Ivan Menezes das britische Unternehmen Diageo übernommen hat, den weltgrößten Produzenten von alkoholischen Getränken. Oder sie reden über Unternehmer wie Mukesh Ambani und Lakshmi Mittal, die mit ihren Milliarden auf der Forbes-Liste weit vorn landen.
Top-Abschlüsse gefragt
«Das aber schaffen höchstens diejenigen mit Abschlüssen von den Top-Colleges», meint Ali. In diese hineinzukommen, sei aber schwierig. Die kleinen Institute am Straßenrand hingegen bildeten häufig schlecht aus. «Eine Genehmigung der Regierung für solch ein Institut zu bekommen, ist in Indien kein Problem. Der Inspekteur bekommt 2000 Rupien zugesteckt und unterschreibt.» Viele Familien schickten ihre Kinder trotzdem, weil sie sich nur diese günstigen Colleges leisten könnten oder weil sie sich des Gefälles zwischen den Einrichtungen nicht bewusst seien.
«Der Wert der Abschlüsse nimmt ab», sagt Upasana Tyagi, die am Modi Institut in Kota die Abteilung für Management-Studien führt. Auch der Gründer des Instituts, Sushil Modi, ist verärgert über korrupte Beamte, die Lizenzen verteilen. «In diese Colleges gehen die Studenten nur für die Prüfungen. Sie öffnen ihre Bücher, schreiben alles ab, und bekommen dann 100 von 100 Punkten.»
In keinem anderen Land der Welt leben so viele junge Menschen wie in Indien – fast jeder Zweite ist unter 25. Doch viele von ihnen sind frustriert. «Viele müssen am Ende des Studiums einsehen, dass ihre Ausbildung nicht viel wert ist», sagt Arvind Singhal von Technopak, einer Bildungsberatungsfirma. Doch statt zu verzweifeln, bildeten sie sich oft in Online-Kursen weiter. «Deren Zahlen steigen stark an», sagt er. Allein die Indira Gandhi National Open University hat mehr als vier Millionen Studenten.
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