Dienstag27. Januar 2026

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«Haredim» an die Front

«Haredim» an die Front
(Reuters)

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Israels Verteidigungsanstrengungen sind immens. Der Wehrdienst ist lang, die Kosten hoch. Aber die Ultraorthodoxen tragen die Last nicht mit. Jetzt sollen auch sie gezogen werden. Fragt sich nur, wie.

Israel verlangt seinen Bürgern viel ab. Männer müssen drei Jahre, Frauen fast zwei Jahre zur Armee. Dann folgen bei Männern noch jährlich einmonatige Reserveübungen bis zum 42. Lebensjahr. Und auch die Steuerlast wäre ohne die Militärausgaben geringer. Angesichts der Bedrohungen, denen das kleine Land ausgesetzt ist, gibt es darüber aber kaum Klagen. Für Ärger sorgt indes, dass ein Teil der Gesellschaft von diesen Bürgerpflichten entbunden ist: Die «Haredim», die ultraorthodoxen Juden.

Viele von ihnen wollen sich ganz dem Thora-Studium widmen, was auch 1948 der Grund für ihre Freistellung vom Wehrdienst war. Allerdings gibt es auch ganz praktische Probleme: «Haredim» scheuen den Kontakt zu fremden Frauen, die sie in der Armee treffen könnten. Und die Einhaltung anderer religiöser Regeln ist auch nur schwer mit dem militärischen Alltag in Einklang zu bringen. Allerdings gibt es schon seit langem das Nahal-Bataillon, in dem mehr als 1000 Ultraorthodoxe erfolgreich freiwillig dienen. «Die Freistellung ist in erster Linie ein Verstoß gegen die Gerechtigkeit und zivile Fairness», sagt der Journalist und Direktor des Hartman-Instituts, Amotz Asa-El, in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa.

Kosten

Inzwischen studieren schon etwa 54.000 junge Israelis lieber ausgestattet mit einem Staatsstipendium in Jeshivas (Talmud-Schulen), statt das Land zu verteidigen. Außerdem befördert dies die weitere Abkapselung der tiefreligiösen Juden vom Rest der Gesellschaft. Und «Haredim»-Familien haben oft sechs und mehr Kinder und sind auf Sozialhilfe angewiesen. Auch das geht zu Lasten der gemäßigt-religiösen und säkularen Mehrheit.

Der Ex-General Elazar Stern warnt deshalb vor allem vor den wirtschaftlichen Folgen des massenhaften Talmud-Studiums, das auf Kosten der beruflichen Fähigkeiten geht. «Dass die Haredim keinen Wehrdienst leisten, stellt kein militärisches Problem dar, sondern ein wirtschaftliches. Wir werden die Fähigkeit verlieren, die Lasten des Gemeinwesens zu tragen, wenn die Ultraorthodoxen weiter unproduktiv bleiben», sagte er dpa.

Urteil

Der Oberste Gerichtshof hat die bisherige Praxis im Januar in einem historischen Urteil als Verstoß gegen die Grundregeln des jüdischen Staates gebrandmarkt. Das Tal-Gesetz, das unter anderem die Freistellung der Jeshiva-Studenten von der Wehrpflicht regelte, sei mit dem Grundgesetz unvereinbar. Aber die Politik tut sich schwer, eine Neuregelung zu finden. Jetzt liegt der Prozess wieder bis nach der Neuwahl des Parlaments im Januar auf Eis. Verteidigungsminister Ehud Barak ließ nun ankündigen, junge Ultraorthodoxe sollten jedenfalls schon mal zur Musterung vorgeladen werden. Linke und säkulare Gruppen aber machen Druck und fordern, dass alle wehrfähigen Israelis eingezogen werden.

Bei der Wehrgerechtigkeit geht es auch um die Frage, wie die Haredim aus ihrem selbstgewählten «Ghetto» herausgeführt werden könnten. Sie dürften durch die Wehrpflicht nicht erniedrigt und damit weiter ausgegrenzt werden, warnt Asa-El: «Die Regierung will ihnen keine Niederlage beibringen, sondern sie integrieren». Er plädiert dafür, sie langsam an die Armee heranzuführen.

Umdenken

Stern aber warnt vor den Kosten: «Diese Soldaten sind wegen der Zuwendungen für ihre große Familien zweieinhalb mal so teuer wie säkulare». Er macht einen überraschenden Vorschlag: «Allen ‚Haredim‘ sollte es frei gestellt werden, was sie machen wollen.» Wenn sie nicht mehr den Talmud studieren müssten, um der Armee zu entgehen, würden die meisten die Jeshivas verlassen und eine Arbeit aufnehmen, meint er. Und dann vielleicht langfristig doch zum Wehrdienst bereit sein. Immer noch nicht ganz gerecht, aber viel billiger, argumentiert er