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«Flüchtlinge» oder «Migranten»

«Flüchtlinge» oder «Migranten»
(AFP/Andrej Isakovic)

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Beleidigend oder Irreführend: Die Debatte um die Bezeichnung für die Menschen, die derzeit zu Hunderttausenden nach Europa strömen, wird hoch emotional geführt.

Bilder völlig erschöpfter Menschen, die sich unter großen Gefahren aus Afrika und dem Nahen Osten nach Europa durchgeschlagen haben, sind täglich in den Medien zu sehen. Dass diese Menschen in einer verzweifelten Lage sind, steht außer Frage. Aber sind sie deshalb Kriegsflüchtlinge mit einem international anerkannten Recht auf Schutz, oder handelt es sich eher um Migranten? Diese Bezeichnung wird üblicherweise für Menschen verwendet, die einfach auf ein besseres Leben in einem anderen Land hoffen.

Die Szenen von menschlichem Leid, Durchhaltevermögen, Hoffnung und Abweisung auf den Fluchtrouten rund ums Mittelmeer haben eine hitzige Debatte ausgelöst: Welche Bezeichnung trifft auf die Hunderttausenden Menschen zu, die nach Europa strömen? Der arabische Fernsehsender Al-Dschasira kündigte in der vergangenen Woche an, das Wort «Migranten» in seinen Nachrichtensendungen nicht mehr zu verwenden. Es bilde den Schrecken nicht ab, der sich im Mittelmeer abspiele. Dort kamen auf der Überfahrt in seeuntüchtigen und überfüllten Booten allein in diesem Jahr bislang fast 2500 Menschen ums Leben.

Juristischer Unterschied

Das Wort habe sich in ein Instrument verwandelt, das entmenschliche und Distanz schaffe, es sei eine «plumpe Herabwürdigung», sagt Online-Redakteur Barry Malone. Stattdessen werde Al-Dschasira künftig, wo es angemessen sei, von «Flüchtlingen» sprechen. Der Schritt wurde von manchen Menschenrechtsaktivisten begrüßt, andere kritisieren ihn. Denn er lege nahe, dass nur Flüchtlinge, nicht aber Migranten, Mitgefühl verdienten.

Juristisch gibt es einen wichtigen Unterschied zwischen beiden Begriffen. Nach Angaben der UN-Flüchtlingsbehörde läuft es darauf hinaus, ob die jeweilige Person getrieben oder angezogen wird: Ein Migrant ist jemand, der nach besseren Lebensbedingungen in einem anderen Land strebt. Ein Flüchtling ist jemand, der vor Verfolgung, einem Konflikt oder Krieg flüchtet. Nur wer zu letzterer Gruppe zählt, hat gute Chancen auf Asyl in Europa.

Beleidigend und irreführend

Europäische Politiker reden mit Blick auf die Lage am Mittelmeer häufig von einer Migrantenkrise. Der britische Premierminister David Cameron sprach im Juli von «einem Schwarm von Leuten, die auf der Suche nach einem besseren Leben über das Mittelmeer kommen. Sie wollen nach Großbritannien kommen, weil Großbritannien Jobs hat, es hat eine wachsende Wirtschaft, es ist ein unglaublicher Ort, um dort zu leben.» Seine Wortwahl wurde von Menschenrechtsaktivisten als beleidigend und irreführend beschrieben.

Nach UN-Angaben flüchtete die überwiegende Mehrheit der 137.000 Menschen, die in der ersten Jahreshälfte über das Mittelmeer nach Europa gelangten, vor Krieg, Konflikten oder Verfolgung in Ländern wie Syrien, Afghanistan oder Eritrea. «Es ist schlicht falsch, von syrischen Migranten zu sprechen, während in Syrien Krieg ist», sagt William Spindler, ein Sprecher des UN-Hochkommissariats für Flüchtlinge. «Menschen, die vor Krieg flüchten, verdienen Mitgefühl. Indem man sie nicht Flüchtlinge nennt, enthält man ihnen das Mitgefühl und das Verständnis vor, das die europäische Öffentlichkeit für Flüchtlinge hat.»

Der «Ansatz»

Doch auch das Wort Flüchtling sei als Pauschalbegriff technisch nicht immer korrekt, verlautet aus europäischen Einwanderungsbehörden. Viele der Westafrikaner, die in Italien ankommen, flüchten möglicherweise nicht aus Furcht um ihr Leben, sondern um sich in Europa ein besseres Leben aufbauen zu können.

«Ich kann den Ansatz von Al-Dschasira verstehen, sie möchten der Situation wohl ein menschliches Gesicht geben», sagt Fredrik Beijer, Direktor der schwedischen Migrationsbehörde. «Aber aus unserer Sicht ist es einfach: Menschen, die weltweit unterwegs sind, aber noch keinen Asylantrag gestellt haben, sind für uns Migranten.» Sobald ein Migrant Asyl beantragt habe, werde er oder sie zum Asylbewerber. Erst wenn der Antrag genehmigt wurde, bezeichnet die Behörde die Person als Flüchtling.

«Sprechen von Menschen»

Manche Experten verweisen darauf, dass beide Bezeichnungen – Migrant oder Flüchtling – für sich genommen nicht auf Menschen zutreffen, die in keine der beiden Kategorien passen oder aber die beides sind. Viele Westafrikaner beispielsweise gingen nach Libyen, um dort zu arbeiten. Doch als sich die Sicherheitslage dort verschlechterte, trafen sie auf Gewalt, wurden bedroht und von Milizen, Kriminellen und Sicherheitskräften erpresst, wie der Anthropologe Ruben Andersson von der London School of Economics sagt.

«Wie also nennen wir Leute», fragt Andersson, «die ihr Land vielleicht auf der Suche nach Arbeit verlassen haben, aber in einem Land landen, wo sie nicht weiter leben können, weil sie dort vielerlei Bedrohungen und sogar Repression ausgesetzt sind?»

Letztlich sei es wichtig, sich nicht von Begriffen blenden zu lassen, sagt Andersson. «Wir sprechen von Menschen. Es erstaunt mich, wie viel Zeit wir darauf verwenden, die richtige Terminologie zu finden. Das verschleiert die Tatsache, dass Menschen an den Grenzen Europas ertrinken.»

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