Federica Mogherini ist nicht die typsiche Diplomatin. Sie trat 2014 die Nachfolge der faden Catherine Ashton an. Der Bruch mit ihrer Vorgängerin könnte nicht größer sein. Umso interessanter ist die Art und Weise, wie Mogherini durch Offenheit auffällt. Sie scheut im Gegensatz zu Ashton nicht die Kameras. Sie bewirkt jedoch mindestens genau so viel hinter den Kulissen.
Mogherinis bislang größter Coup gelang ihr im Zusammenspiel mit Top-Diplomaten wie US-Außenminister John Kerry, seinem deutschen Amtskollegen Frank-Walter Steinmeier und mit Russlands Chefdiplomat Sergei Lawrow: der Nuklear-Deal mit dem Iran. Mogherini war oft die einzige Frau im Raum und verhandelte in ihrer Rolle als EU-Außenbeauftragte mit.
Die Italienerin beschreibt im Exklusiv-Interview mit dem Tageblatt, weshalb Europa zurzeit „einen Schock erlebt“, wie Europa sich zu Teheran positioniert – und was es für den Frieden in Syrien braucht. Hier ein Auszug:
Tageblatt: Sie arbeiten in einer von Männern dominierten Diplomatenwelt. Wie gehen Sie damit um?
Federica Mogherini: (lacht) Ich muss ehrlich sagen, dass ich nicht besonders darauf achte.
(…)
Unterschätzen Europas Staatenlenker das Flüchtlingsphänomen?
Wir müssen uns über etwas im Klaren sein: Menschen, die nach Europa fliehen, kommen nicht nach Italien oder Griechenland, sondern nach Europa. Deswegen brauchen wir eine europäische Politik, um mit diesem Phänomen umzugehen.
Wer die Illusion nährt, dieses Problem könnte auf nationaler Ebene gelöst werden, vergisst, dass wir dies seit Jahrzehnten auf nationaler Ebene versucht haben – und gescheitert sind. Wir müssen jetzt den europäischen Weg testen. Alle Entscheidungen, die in Europa genommen werden, sind auch umzusetzen.
Das gilt für die Neuansiedlungen, die Umverteilung, aber auch für die Rückführung von Menschen. Es stimmt, dass wir verschiedene europäische Gesichter im Umgang mit dieser Krise gesehen haben. Wir erleben momentan einen Schock in der EU. Ich würde als Italienerin diesen Schock mit dem Beginn der 1990er Jahre vergleichen, als wir feststellen mussten, dass wir nicht nur ein Aus-, sondern auch ein Einwanderungsland sind. Es war ein komplexer Anpassungsprozess. Es dauerte Jahre, bis wir realisierten, dass es sich nicht nur um eine Welle handelt, die einige Monate anhält. Es war das neue Normal. Die Welt hatte sich verändert.
(…)
Welche Möglichkeiten hat Europa angesichts dieser Entwicklungen?
Europa hat zwei Möglichkeiten. Wir können in einem Modus der Verleugnung der Tatsachen leben und so tun, als ob die aktuellen Entwicklungen enden würden. In dieser Logik müssten wir nur Widerstand leisten, bis alles endet. Das wird jedoch nie passieren.
Oder wir passen unsere Instrumente an und arbeiten an unseren kurz- sowie langfristigen Instrumenten, um mit dem Flüchtlingsphänomen umzugehen. Es kann bewältigt werden. Europa hat die Ressourcen und die Größe. Die Mehrheit der Migrationsbewegungen spielt sich in Afrika ab. Wenn Afrika das schafft, können wir das auch. Wir müssen ein wenig selbstbewusster sein, gemeinschaftlicher handeln und Solidarität zeigen.
Lesen Sie das vollständie Exklusiv-Interview auf zwei Seiten in der Freitag-Ausgabe (22.04.2016) des Tageblatt.
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