Nadine Cornier fehlen die Worte. Die Mitarbeiterin des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR beobachtet, wie Hunderte Menschen an der aus Griechenland kommenden Bahnstrecke in der Sonne ausharren. Sie wollen über die Grenze ins benachbarte Mazedonien. In kleinen Gruppen werden sie von der Polizei über die Grenze geführt, während hinter ihnen immer weitere Flüchtlinge eintreffen.
Cornier hofft, dass das stundenlange Warten in der Sonne bald ein Ende haben wird. Immerhin genehmigte der Bürgermeister von Idomeni mittlerweile den Aufbau einiger Zelte, die den Menschen ein bisschen Schatten spenden. «Es fällt schwer zu glauben, dass all das im Jahr 2015 geschieht», sagt die sichtlich um Worte ringende Cornier.
Über 5000 Menschen täglich
Tausende Menschen – nach Zählung von Cornier sind es zwischen 5000 und 6000 – treffen jeden Tag an diesem Grenzabschnitt ein. Sie kommen aus Syrien, Afghanistan, Ghana, Eritrea, dem Iran und hoffen nach ihren beschwerlichen und nicht selten gefährlichen Reisen auf ein besseres Leben in Europa. Griechenland ist dabei eine ihrer ersten Stationen und der Grenzübergang nach Mazedonien spielt für ihren weiteren Weg eine wichtige Rolle.
Aus Athen kommend erreichen die meisten Menschen mit Bussen die Grenze. Hinter ihnen liegt dann eine rund achtstündige Fahrt aus der griechischen Hauptstadt in das kleine Dorf Idomeni. Dort ist auch Mohammed Dschawadi eingetroffen. Bereits seit zwei Wochen ist der 16-Jährige unterwegs. Nun ist er in Eile. Er habe gehört, die Grenze solle bald geschlossen werden, sagt der Jugendliche. Begonnen hat seine Reise im Iran. Dort sei er als Afghane Schikanen ausgesetzt gewesen und habe auch keine Möglichkeit zum Studieren gehabt, berichtet er. Also habe er einen Fahrer angeheuert, der ihn zur Grenze gebracht habe.
Griechischen Insel Lesbos
Danach sei er tagelang zu Fuß marschiert. Nachdem er die Türkei per Auto und Bus durchquert habe, sei er irgendwann auf der griechischen Insel Lesbos eingetroffen. Dort habe er sich registrieren lassen und auf die nächste Fähre gewartet. «Sie haben uns auf Deck gesteckt, unter freien Himmel», berichtet Dschawadi. «Als es dann zu regnen anfing, wurde es ziemlich kalt und alle wurden nass.»
Am Bahnhof von Idomeni, der in einen behelfsmäßigen Grenzübergang für Flüchtlinge umgewandelt wurde, erhält der Jugendliche Brot und Wasser von griechischen und deutschen Helfern, die hier Spenden verteilen. Nach einem Signal der mazedonischen Polizei erlauben die griechischen Polizisten der Gruppe, mit der Dschawadi im Bus unterwegs war, schließlich den Grenzübertritt. In 20-Minuten-Intervallen lassen die Mazedonier weitere Flüchtlinge ins Land. Und auch wenn manche versuchen, sich vorzudrängeln – und dabei mitunter hitzige Wortgefechte auslösen – im Großen und Ganzen scheint das System zu funktionieren.
Keine ausufernde Gewalt mehr
Erst vor Kurzem war die mazedonische Polizei brutal gegen Menschen vorgegangen, die versuchten, die Grenze zu überqueren. Und noch vergangene Woche kritisierte die internationale Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch die ausufernde Gewalt mazedonischer Polizisten, die Flüchtlinge schlügen und schlecht behandelten. Doch Cornier sagt, die Situation habe sich gebessert, weil der gruppenweise Grenzübertritt die Stimmung sowohl bei der Polizei als auch bei den Flüchtlingen beruhigt habe. Syrer berichteten der Deutschen Presse-Agentur nach ihrem Grenzübertritt in Gevgelija, dass sie nicht von den mazedonischen Polizisten misshandelt worden seien.
Von dem mazedonischen Ort geht es in meist überfüllten Zügen in Richtung serbischer Grenze. 25 Euro kostet die Flüchtlinge die Fahrt – zum Verdruss der mazedonischen Taxi-Fahrer, die die Strecke für vier bis fünf Personen für 100 bis 120 Euro anbieten. Dabei zahlen die Flüchtlinge für ihr Bahnticket ein Vielfaches des Preises, den Mazedonier für dieselbe Strecke berappen müssen. So koste eine Fahrkarte gen Serbien gerade mal sechs Euro, berichten Einheimische.
Luftfahrtingenieur aus Syrien
In Idomeni kehrt am späten Nachmittag Ruhe ein. Dutzende Toiletten wurden aufgestellt, neue Wasserhähne installiert, um Flüchtlinge wie Familie Hasan während des Wartens mit dem Allernötigsten zu versorgen. Die Familie kommt aus dem syrischen Hama. Der 50-jährige Fahd ist Luftfahrtingenieur und berichtet, dass sie nach Österreich wollen. Dort sei sein ältester Sohn vor einem Monat angekommen. Mit Fahd sind auch seine Frau Alam Al Aldin, die Tochter Mahasen sowie der 13-jährige Sohn Faten unterwegs.
«Ich wollte nicht gehen, aber es war schrecklich», erzählt die 20-jährige Mahasen. In Syrien studierte sie einst Englisch. Sie hofft, ihr Studium fortführen und wieder in einer Basketballmannschaft mitmachen zu können. «Wir hatten dort keine Zukunft. Wir hatten dort kein Leben», sagt die junge Frau.
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