
Ein etwa 500.000 Jahre altes Zickzackmuster stellt angeblich die bisherige Menschheitsgeschichte in Frage: Anthropologen wollen in einer Muschelschale aus Südostasien die bislang älteste Gravur von Menschenhand entdeckt haben. In einem am Mittwoch im Wissenschaftsmagazin «Nature» erschienenen Aufsatz erläutern Forscher der niederländischen Universität Leiden, das vermutlich mit einem scharfen Werkzeug geritzte Muster sei mindestens 300.000 Jahre älter als jene Einkerbungen, die bislang anerkanntermaßen als frühestes Zeugnis der Menschheitsgeschichte gelten.
Den Überraschungsfund machten die Wissenschaftler bei der mikroskopischen Untersuchung versteinerter Überreste von 166 Süßwassermuscheln, die Ende des 19. Jahrhunderts im heutigen Indonesien ausgegraben worden waren. Am selben Fundort auf der Insel Java wurden an einem Flussufer Fossilien der Gattung Homo erectus entdeckt, die als Übergangsform vom Affen zum Menschen gilt.
Haizahn
Unter dem Elektronenmikroskop sollen die 430.000 bis 540.000 Jahre alten Muschelschalen ein spektakuläres Geheimnis preisgegeben haben: Manche scheinen den Forschern zufolge poliert und als Schneide- oder Schürfwerkzeuge benutzt worden zu sein. Eine der Muscheln weise zudem ein simples zickzackförmiges Muster auf, das offenkundig mit einem spitzen Gegenstand wie einem Haizahn eingeritzt worden sei.
«Wir haben keine Ahnung, warum das jemand vor einer halben Million Jahren getan haben könnte», erklärte der an den Untersuchungen beteiligte Forscher Wil Roebroeks in einer E-Mail an die Nachrichtenagentur AFP. «Und wir lehnen es ausdrücklich ab, darüber zu spekulieren.» Francesco d’Errico von der Universität Bordeaux hält es für denkbar, dass es sich bei der Gravur «um eine Besitzkennzeichnung, einen persönlichen Code oder ein Geschenk handelt».
Muster
Fest stehe jedenfalls, dass das Muster absichtlich in einer durchgehenden Bewegung fabriziert worden sei – und dass es sich damit um den «ältesten bekannten grafischen Ausdruck» handle. Geometrische Muster gelten als Zeichen für kognitives Verhalten und neuromotorische Fähigkeiten, die bis heute überwiegend dem modernen Menschen zugeschrieben werden, also dem Homo sapiens.
Sollten die Annahmen der niederländischen Forscher zutreffen, würde dies dem Bild vom Homo erectus als motorisch vergleichsweise unbeholfener Gattung geringer Intelligenz widersprechen. Dafür sprechen könnte auch ein weiterer Befund der Wissenschaftler aus Leiden: Demnach wurden einige der Muscheln in geschlossenem Zustand mit einem spitzen, nagelartigen Gegenstand so punktiert, dass der Schließmuskel des Weichtiers den Dienst versagte und sich die Schale anschließend problemlos öffnen ließ.
Strategie
In Versuchen mit lebenden Muscheln der gleichen Spezies sei diese Strategie vom Forschungsteam erfolgreich nachgeahmt worden. «Wir wissen, dass Homo erectus ansehnliche Handäxte und ähnliches fertigen konnte», resümierte Roebroeks. «Jetzt haben wir diesen Beweis für die geschickte Öffnung von Muscheln und ein kleines Zickzackmuster, dadurch könnte ein differenzierteres Bild entstehen.»
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