Mittwoch21. Januar 2026

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Der Tag danach

Der Tag danach
(Michèle Vallenthini)

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Ankunft in Paris um 10.20 Uhr. Kurz nach der Schießerei im Montrouge-Viertel. Die Stadt ist anders heute. Stille. Ohne Worte

Wir durchqueren eine ungewöhnlich leere Gare de l’est. Es wird unweigerlich klar: mit einem Male gibt es ein Davor und ein Danach. Es war nicht nur das «degré zéro» der französischen Presse, sondern der Nullpunkt einer ganzen Nation, als am gestrigen Tag mit einem Ruck, in nur einem kurzen Augenblick, quasi die gesamte Riga der grossen französischen Karikaturisten und satirischen Journalisten ausgelöscht wurde.

Am 7. Januar ist etwas zu Bruch gegangen in den Franzosen. Und so ist es eigenartig still im überfüllten Métro «ligne 7», auf das wir ausgewichen sind, weil die Linie 4 aufgrund der Montrouge-Schiesserei ausfällt. Kaum ein Fahrgast unterhält sich, man blickt ratlos und fragend zu Boden. Es ist so ruhig, man könnte fast eine Stecknadel fallen hören, wäre da nicht das regelmässige Ächzen der Metro-Waggons.

Etwas leergefegt

Wir fahren zunächst von der Gare de l’est bis zum Châtelet, Dreh-und Angelpunkt mehrerer Linien. Normalerweise tobt hier das pralle Leben: eine reiche Geräuschkulisse, Menschenmassen, Unterhaltungsfetzen, geschäftiges Treiben. Heute schweigt der Châtelet. Kaum ein Ton, die Bahnsteige fast menschenleer. Bestürzung. Es regnet, als wir aus der Metrostation kommen. Wir fragen einen Straßenfeger nach einer Straße: «on est effondrés. Effondrés.», murmelt er, als er uns den Weg zeigt. Es geht vorbei an einem Karussell, das sich heute nicht dreht, an einem viel befahrernen Boulevard, der heute etwas leergefegt wirkt.

Wir finden den weg immer noch nicht, laufen weiter. Am jüdischen Museum treffen wir auf eine Gruppe schwerbewaffneter Polizisten. Die Staatsmacht zeigt überall Präsenz. Wir fragen erneut nach unserem Ziel. Einer der Polizisten gibt seine Waffe an den Kollegen ab. Wir wollen keine Umstände bereiten. «Non, non. Vous savez, il faut être soudés par les temps qui courent… Ah, vous êtes journaliste. Tant mieux: depuis aujourd’hui, vous voyez un autre état d’âme à Paris.» Wie recht er hat. Es ist nämlich nicht nur so, dass es ungewöhnlich ruhig ist in der sonst so rastlosen und lauten Großstadt. Der Schock sitzt tief. Er steht den Franzosen ins Gesicht geschrieben: ob in Metros oder Bussen, in Bistrots oder Kaffees, überall schaut man in traurige Gesichter.

Stimmungsbarometer

Man ist vorsichtig. Immer wieder hören wir die gleichen Reaktionen. Es sind Reaktionen der Entrüstung. Was passiert ist, lässt sich nicht leichtfertig in Worte fassen. Zu tief greift das Erlebte. Die Regale der kleinen Zeitungskioske am Straßenrand sind abgegrast, eine «Charlie Hebdo» oder «Libération»-Ausgabe nicht mehr zu bekommen. Auch der «Monde» ist ausverkauft. «On a été dévalisés, quoi.», meint die Inhaberin des Kiosks an der Bastille konsterniert. Nur in den Restaurants ist gegen Mittag etwas los.

Schließlich nehmen wir ein Taxi. Taxifahrer sind immer gute Stimmungsbarometer. Der Fahrer bringt es auf den Punkt: «Paris est un désert». Wieso das so sei. «Ben, c’est le doute. L’on se dévisage. On a peur. C’est glauque.» Schließlich läuft auch noch der Montrouge-Schütze frei herum. Tatsächlich ist kaum Verkehr. Montparnasse: kein Zähfluss. Saint-Michel: freie Fahrt.
In der rue Nicolas Appert, in der Nähe des «Charlie Hebdo» Sitzes, dagegen: ganze Menschen- und Journaistentrauben aller Nationen die sich um die niedergelegten Blumen tummeln. Der Imam von Drancy spricht. Drei Polizisten sichern die Absperrung. Unbewaffnet. Etwas weiter erblickt man den Tatort. Aber auch hier: Stille. Ohne Worte.

«Et à bientôt»

Ausnahmezustand in Paris. Ein stiller und leerer Ausnahmezustand. Ein Ausnahmezustand des Traumas einer gebeutelten Pressefreiheit. Wir sehen Szenen einer traumatisierten Nation, ein trauriges Bild aber kein desolates. Denn, man schaut sich nicht nur mit Vorsicht um. Es wird auch zusammengerückt. Da ist etwas mehr als die gewohnte französische «politesse». Als wir am Ende aus dem Taxi steigen, wünscht uns der Fahrer ein gesundes neues Jahr. «Malgré tout. Hélàs… Et à bientôt.»