Vier Monate nach den Anschlägen von Paris mit 130 Toten hat die belgische Polizei im Problemviertel Molenbeek den mutmaßlichen Mittäter festgenommen, nach dem unter Hochdruck gefahndet worden war. Es ist das Ende einer fieberhaften Jagd nach dem 26-jährigen Islamisten. Doch der Fahndungserfolg wirft auch Fragen auf.
Das Fahndungsplakat war allgegenwärtig: «1,75 Meter groß, braune Augen» stand neben dem Foto des jungen Mannes mit den gegelten Haaren, darunter die Warnung «gefährlich, auf keinen Fall selbst eingreifen». Sein Bruder Brahim war einer der Selbstmordattentäter, die sich am 13. November in Paris in die Luft sprengten. Salah Abdeslam selbst organisierte zumindest zwei Mietautos und zwei Zimmer, die von den Kommandos genutzt wurden.
Abend der Anschläge
Am Abend der Anschläge soll er die Stade-de-France-Angreifer zum Fußballstadion gefahren haben. Womöglich sollte auch er einen Selbstmordanschlag verüben: Ein im Pariser Vorort Montrouge gefundener Sprengstoffgürtel gehörte möglicherweise ihm. Abdeslam wurde am Tag nach den Anschlägen von Gehilfen zurück nach Belgien gefahren – und schlüpfte sogar durch Polizeikontrollen, weil nach ihm noch nicht gefahndet wurde. Seine Komplizen setzten ihn am frühen Nachmittag des 14. November im Brüsseler Stadtteil Schaerbeek ab.
Medienberichten zufolge soll er sich dann drei Wochen in einer Wohnung versteckt haben, in der die Ermittler am 10. Dezember seine Fingerabdrücke sicherstellten. Doch dann verlor sich seine Spur – bis die Ermittler am Dienstag in einer Wohnung im Brüsseler Vorort Forest offenbar eher zufällig fündig wurden. Belgische und französische Polizisten wollten eine vermeintlich leerstehende Wohnung durchsuchen und gerieten unter Beschuss. Vier Polizisten wurden verletzt, ein Verdächtiger wurde getötet.
Zwei Menschen konnten fliehen
Zwei Menschen konnten fliehen – unter ihnen offenbar Abdeslam, seine Fingerabdrücke wurden in der Wohnung gefunden. Am Freitag wurde Abdeslam dann bei einem Großeinsatz in Molenbeek am Bein verletzt und gefasst. In dem wegen seiner Islamistenszene berüchtigten Stadtteil war der Franzose marokkanischer Abstammung aufgewachsen. Bekannte beschreiben ihn als eher gewöhnlichen Jugendlichen, der wie sein Bruder Brahim gerne Fußball spielte, abends ausging und mit Frauen anbändelte.
Von einer islamistischen Radikalisierung bemerkte lange niemand etwas. Doch dann lernte er Abdelhamid Abaaoud kennen, der später einer der bekanntesten belgischen Dschihadisten werden sollte und als Drahtzieher der Anschläge von Paris gilt. Wegen eines Raubs landeten beide 2010 hinter Gittern. 2013 übernahm Abdeslam zusammen mit seinem Bruder Brahim eine Bar in Molenbeek, das «Les Béguines».
Viel Haschisch konsumiert
Dort soll viel Haschisch konsumiert worden sein – im November 2015 wurde die Bar nach dem Fund halbgerauchter Joints dichtgemacht. Da hatten sich die Brüder aber bereits aus dem Geschäft zurückgezogen – vermutlich bereiteten sie die Anschläge von Paris vor. Abdeslam ist offenbar der einzige noch lebende Attentäter von Paris: Bei den Attacken sprengten sich sieben der Selbstmordattentäter in die Luft oder wurden erschossen; Abdelhamid Abaaoud und ein weiterer mutmaßlicher Attentäter starben bei der Erstürmung einer Wohnung im nördlich von Paris gelegenen Saint-Denis. Abdeslams Ergreifung ist ein großer Erfolg für die Ermittler.
Der 26-Jährige soll bald nach Frankreich gebracht werden, die Behörden erhoffen sich neue Erkenntnisse zur Organisation der Anschläge und zu möglichen Hintermännern. Doch zugleich werden sich die bereits in der Vergangenheit viel kritisierten belgischen Behörden unangenehme Fragen stellen lassen müssen. Denn sollte sich herausstellen, dass Abdeslam sich tatsächlich seit vier Monaten in Brüssel verstecken konnte, wäre das ein gewaltiges Versagen der Geheimdienste.
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