Was die Zentralbank da gemacht hat, sei gut für Luxemburg, wird der luxemburgische Zentralbankchef Gaston Reinesch in der Wirtschaftszeitschrift Paperjam zitiert. Das kann man auch anders sehen. Es ist weder gut für Luxemburg noch gut für die Luxemburger oder europäischen Sparer.
Gut ist es für die Länder wie Spanien, Portugal, Frankreich Griechenland, möglicherweise auch Italien, die weder ihre Wirtschaft noch ihr Bankensystem in Ordnung gebracht haben. Insbesondere die Banken in den südlichen Euroländern verfügen noch über beträchtliche Summen von Schrottpapieren in ihren Bilanzen. In den südlichen Krisenländern kommt die Konjunktur nicht in Schwung. Der Kreditbedarf ist nicht vorhanden. Den Banken wird vorgeworfen, das Geld nicht in Kredite zu geben, sondern es bei der Europäischen Zentralbank Bank EZB zu deponieren.
Die Europäische Zentralbank musste entscheiden zwischen den stabilen Euroländern und denen, die zu den Sorgenkindern gehören. Sie hat zugunsten der Sorgenkinder entschieden. Sie hat damit auch gegen die Länder entschieden, in denen es Wachstum gibt, in denen es Nachfrage nach Gütern und nach Krediten gibt. In diesen Ländern ist mit den Beschlüssen der Europäischen Zentralbank der Sparer der Dumme.
Kredite
Bevor die EZB am vergangenen Donnerstag getagt hat, war bereits genügend Geld im Markt. Die Banken hatten so viel davon, dass sie es nicht los wurden. Sie parkten es bei der EZB. Gleichzeitig wurde ihnen der Vorwurf gemacht, dass sie der Wirtschaft nicht genügend Geld zur Verfügung stellten, mit anderen Worten: nicht genügend Kredite gaben. Das stimmt nur teilweise. Die Großunternehmen bekommen die Kredite, die sie benötigen, um zu investieren. Bei den mittelständischen Betrieben gibt es dagegen Schwierigkeiten. Die Banken scheuen das Risiko. Das aber geht wiederum auf die neuen Spielregeln zurück, die von den Banken eine neue Bewertung der Risiken und höhere Rücklagen für Risiken verlangen. Andererseits verfügen viele Unternehmen über genügend eigene Rücklagen und brauchen für Investitionen keine Kredite. Selbst wenn sie aber investieren wollten, Kredite benötigen würden, ist insbesondere in den südlichen Ländern der Markt nicht vorhanden. Man kann Wirtschaftswachstum nicht per Dekret verordnen oder per Zinssenkung.
Die Ankündigung von Mario Draghi, die Finanzwelt weiter mit billigem Geld zu versorgen – und das für lange Zeit – , geht in dieser Situation in die falsche Richtung. In den USA hat die Federal Reserve längst auch einen anderen Weg eingeschlagen. Sie gibt den Banken Monat für Monat weniger Geld.
Widerspruch
Die Ankündigung, weiter Geld in den Markt zu pumpen und gleichzeitig Negativzinsen einzuführen ist ein Widerspruch. Das Ziel ist klar und deutlich: Die Banken sollen ihr Geld nicht mehr bei der Europäischen Zentralbank parken, sondern es in den wirtschaftlichen Kreislauf geben. Nur: Was machen Banken jetzt mit dem überflüssigen Geld, das sie nicht loswerden?
Sie parken es bei der Zentralbank und zahlen Zinsen dafür. Das hat Auswirkungen. Denn dann kosten die Guthaben Geld. Es ist aber kaum zu erwarten, dass die Banken diese Kosten selber tragen. Der Kunde der Bank muss sich vielmehr damit vertraut machen, dass in irgendeiner versteckten oder offenen Weise diese Kosten auf ihn abgeladen werden. Das heißt: insbesondere in Ländern, in denen die Konjunktur läuft, könnten Kredite leicht teurer werden oder Gebühren anziehen. Das eine Ziel der europäischen Zentralbank, Wachstum dadurch zu fördern, das man die Banken durch Negativzinsen zwingt, ihr Geld in den Markt zu pumpen, wird durch die Maßnahme selbst in den Ländern, in denen die Wirtschaft läuft, konterkariert.
Enteignung
Die Folge dieser Maßnahme, wie auch der erfolgten Zinssenkung, wird ebenfalls sein, dass der Sparer mehr oder weniger enteignet wird. Zinsen auf seine Sparguthaben erhält er derzeit schon so gut wie nicht mehr. Die Inflation – so niedrig sie auch sein mag – raubt ihm den Wert der Zinsen. Mit höheren Gebühren wird er rechnen müssen. De facto muss er also damit rechnen, dass der Wert seiner Sparguthaben sinkt.
Das wiederum hat Folgen für seine Altersversorgung. In der alternden Gesellschaft der ehemaligen Industrienationen wird die Rente nicht mehr ausreichen. Vorsorge in Form von Lebensversicherungen, Investmentfondssparen, Sparbriefen oder schlicht dem Sparbuch muss also getroffen werden. Ist da die Zinssenkung der EZB der richtige Weg? Ist das der Negativzins der richtige Weg? Wohl kaum. In Deutschland ist man dabei, den Grundzins für Lebensversicherungen zu senken. Sparbücher bringen keinen Ertrag mehr. Selbst Unternehmen finanzieren sich mit Anliehen zu lächerlich niedrigen Zinsen. Die Maßnahmen der EZB rauben nun dem Sparer die letzte Möglichkeit, seine Spargelder wenigstens mit einem Hauch von Gewinn anzulegen.
Börsen
An den Börsen sind die Beschlüsse der EZB begrüßt worden. Der Dax – Index der Frankfurter Börse – stieg auf über 10.000 Punkte und erreichte den höchsten Stand seit seiner Einführung. Es ist dies die direkte Folge der Politik der EZB. Die Aktienspekulation boomt. Das erinnert an Alan Greenspan, der als Chef der US-Zentralbank die Zinsen nach den Attentaten auf das Welthandelszentrum so stark senkte, und einen Boom des Kaufens auf Kredit auslöste, dass Jahre später eine Finanzkrise ausbrach. Dabei hatte Greenspan eigentlich nur die Wirtschaft ankureln wollen.
Wer heute noch Geld mit Gewinn anlegen will, sagen die Bankenberater, muss Risiko eingehen, sprich Aktien kaufen in einem Markt, der sich der Überhitzung nähert. Die Frage ist, ob sich die EZB nicht der Politik der Federal Reserve annähern sollte: Statt mehr Geld in einen Markt zu geben, der damit spekuliert, dem Markt weniger Geld zu geben und ihn mit dem arbeiten zu lassen, was er hat und derzeit nicht nutzt. Dann könnte möglicherweise auch der Sparer wieder mit etwas mehr Freude auf sein Sparbuch schauen.
(Helmut Wyrwich / Tageblatt.lu)
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