Sex war lange ein Tabu in China. Noch heute steht Pornografie unter Strafe. Aber das Geschäft mit Sexspielzeug boomt. «Läden, die Sexspielzeug verkaufen, gibt es überall im Land», sagt die Soziologin Li Yinhe von Chinas Akademie der Sozialwissenschaften im Interview der Nachrichtenagentur dpa. Der Widerspruch entlarve eine Doppelmoral: «Wenn sich sexuelles Verhalten nicht verbieten lässt, wieso sollte man dann bei Pornografie ansetzen?»
" class="infobox_img" />Die Soziologin übt heftige Kritik an Chinas Doppelmoral. (dpa)
Frage: Während in China kaum über Sexspielzeug gesprochen wird, ist es trotzdem überall zu kaufen. Ändert sich die Einstellung der Chinesen gegenüber Sexspielzeug?
Li Yinhe: Der Markt für die Spielzeuge wächst ganz offensichtlich. Läden, die Sexspielzeug verkaufen, gibt es überall im Land. Einige Ausländer sind überrascht, weil bei ihnen solche Läden in den Rotlichtvierteln oder in speziellen Straßen sind. Aber in China sind sie überall, in jeder Gegend und auch in vornehmeren Ecken. Zum Beispiel auf der Changle Straße im Herzen Shanghais sind die Läden direkt neben Luxus-Geschäften oder teuren Restaurants. Die Einstellung ändert sich in China nicht erst seit kurzem, sondern seit einer ganzen Weile. In den vergangenen 30 Jahren war der Wandel sehr groß. Vor 30 Jahren war China noch sehr asketisch und gegen Sex eingestellt.
Materieller Wohlstand fördert die sexuellen Wünsche
Frage: Was hat zu dem Wandel der vergangenen 30 Jahre geführt?
L.Y.: Analysen zeigen, dass materielle Annehmlichkeiten auch die sexuellen Wünsche anregen. Dazu gibt es ein chinesisches Sprichwort: Bao Nuan Si Yinyu (etwa: Wohl gesättigt und gewärmt kommen Gedanken an die Wollust). Solange Menschen noch um ihr tägliches Essen bangen müssen, können sie nicht über Sex nachdenken. Vor 30 Jahren konnten sich viele nicht satt essen. Daher lebte die Gesellschaft asketisch. Aber seit die Ernährungsprobleme gelöst sind, entwickeln sich auch die neuen Einstellungen. Ein weiterer Grund ist, dass die ideologischen Kontrollen vor 30 Jahren noch sehr streng waren.
Frage: Es gab doch auch strenge Gesetze, oder?
L.Y.: Wir hatten vermutlich die strengsten Gesetze auf der ganzen Welt. Es gab die Todesstrafe für Zuhälter, die aber selten angewendet wurde. Es wurden sogar Todesstrafen gegen Leute verhängt, die obszöne Produkte verkauften. Die Gesetze gibt es noch heute, aber sie werden kaum noch angewendet.
Frage: Warum verbietet die Regierung auf der einen Seite Pornografie und Bordelle, auf der anderen Seite lässt sie aber die Produktion von Sexspielzeug zu?
L.Y.: Sexspielzeug wird meistens von einzelnen Personen benutzt. In China haben die meisten der Sexshops ein Zertifikat von den Familienplanungsbehörden. Das Spielzeug wird zusammen mit Kondomen verkauft und meistens zur Masturbation verwendet. Sie können nicht einfach Masturbation unter Strafe stellen. Außerdem: Wenn sich sexuelles Verhalten nicht verbieten lässt, wieso sollte man dann bei Pornografie ansetzen?
Frage: Chinesische Hersteller von Sexspielzeug sagen, dass sie vom Männerüberschuss durch die Ein-Kind-Politik profitieren. Sehen Sie darin einen Trend?
L.Y.: Das hängt definitiv zusammen. Einsame Männer gibt es überall in Dörfern. Für meine Forschungen war ich kürzlich in einer wenig entwickelten Region der Provinz Jiangxi. Die wenigen Frauen dort waren bereits verheiratet. Trotzdem waren noch etwa 30 Prozent der Männer im besten Alter alleine. Was kann man anderes machen als ihnen Sexpuppen zu geben?
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