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Gorbatschow stellt Memoiren vor

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Ohne ihn wäre die Mauer 1989 wohl nicht gefallen: Michail Gorbatschow stellt in Berlin seine Memoiren vor. Eine lehrreiche Geschichtsstunde des Ex-Kremlchefs, der nicht an Kritik am heutigen Russland spart.

Kalter Krieg, die atomare Bedrohung: Diese Zeit ist fast in Vergessenheit geraten. Bald ist es ein Vierteljahrhundert her, dass der Ost-West-Konflikt endete. Einer der bedeutendsten Politiker von damals sorgt nun dafür, dass die Erinnerung auflebt: Michail Gorbatschow. Der frühere Präsident der Sowjetunion hat seine Memoiren geschrieben, am Dienstag stellte er sie in Berlin vor. In der Stadt und in dem Land, das ihm die Wiedervereinigung verdankt.

«Alles zu seiner Zeit» heißt die Autobiografie, die Gorbatschow im ausverkauften Berliner Ensemble präsentierte. Noch bevor eine Zeile aus dem 550-Seiten-Wälzer gelesen war, sprang das Publikum zum Beifall auf. «Gorbi», wie ihn die Deutschen gerne nennen, ist sehr beliebt hierzulande. In Russland sieht das anders aus. «Sie können sich nicht vorstellen, wie oft ich durch den Dreck gezogen worden bin», berichtete der 82-Jährige, der im Buch auch den Verlust seiner geliebten Frau Raissa verarbeitet. Sie starb 1999 an Blutkrebs.

Für die Öffnung verantwortlich

Gorbatschow hatte in den 1980er Jahren in der Sowjetunion für Glasnost (Offenheit) und Perestroika (Umgestaltung) gesorgt – eine gesellschaftliche und politische Modernisierung, die der Westen heute überwiegend als große Lebensleistung anerkennt. 1990 erhielt der Politiker den Friedensnobelpreis. Viele Russen stehen den Reformen aber kritisch gegenüber. Sie verbinden mit Perestroika vor allem wirtschaftlichen Niedergang und die Staatskrise. Das daraus resultierende Ende der Supermacht Sowjetunion und des Ostblocks 1991 werten sie nicht als Glücksfall, sondern als schmerzliche Niederlage.

Gorbatschow stellte klar, dass er keinen Zweifel an der Richtigkeit seiner Reformen hat. Die Abwendung der atomaren Gefahr, das Ende des Kalten Krieges, die deutsche Wiedervereinigung: «Ohne Perestroika wäre all das nicht möglich gewesen», sagte der 82-Jährige. Aber er räumte auch Niederlagen ein. So habe er seine politischen Gegner, vor allem Boris Jelzin, unterschätzt. Manche Historiker und Politologen werfen Gorbatschow weitaus mehr Fehler vor: etwa die tagelange Vertuschung des Ausmaßes der Atomkatastrophe von Tschernobyl 1986 oder den Einsatz von Panzern gegen die nach Unabhängigkeit strebenden Sowjetbürger im Baltikum.

Die sorgen Gorbatschows

Mit Sorgenfalten auf der Stirn kam Gorbatschow auf die heutige Lage in seiner Heimat zu sprechen. Den Namen von Kremlchef Wladimir Putin nahm er zwar nicht in den Mund. Aber Gorbatschow ließ durchblicken, dass er sich um die Lage im Riesenreich Sorgen macht. Auch wenn dort immer mehr Menschen Vergangenheit und Gegenwart kritisch hinterfragten – «die Gefahr von Nomenklatura und Bürokratie ist nicht gebannt», befand er.

Auf Demonstrationen werde heute in Russland mit Stalin-Porträts aufmarschiert, und es werde versucht, die Menschen einzuschüchtern, kritisierte Gorbatschow. Aber auf lange Sicht werde die Politik der «harten Hand» keinen Erfolg haben. Er vertraue da ganz auf den Freiheitswillen der jungen Leute – und auf die Sozialdemokratie: «Das ist es, was Russland braucht.» Er selbst werde den demokratischen Reformprozess jedenfalls mit aller Kraft unterstützen, kündigte «Gorbi» an. «Der Kampf ist noch nicht zu Ende.»