Dienstag3. Februar 2026

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Erste Straßenbahn in Jerusalem

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Die Israelis bezeichnen Jerusalem als ihre "ewige und unteilbare Hauptstadt". Eine Ewigkeit hat auch der Bau der Straßenbahn durch die Stadt gedauert. Nach langer Verzögerung soll sie nun am Freitag in Betrieb gehen.

Wie ein silberner Fisch gleitet die Hightech-Straßenbahn auf Jerusalems Jaffa-Straße lautlos und abgasfrei in Richtung Altstadt. Links und rechts von Jerusalems Hauptstraße reihen sich Straßencafés, Imbisse und Boutiquen, Menschen schlendern entspannt über die Fußgängerzone. Die erste Straßenbahn Israels hat ihren Betrieb aufgenommen, eigentlich ein Grund zum Feiern. Doch danach war wegen der vielen Querelen niemandem zumute, nicht einmal den Politikern, die sonst «so gerne rote Bänder durchschneiden», lästerte die Zeitung «Globes».

Kaum ein Prestige-Projekt hat die Jerusalemer in den vergangenen Jahren derart in Rage gebracht, wie der Bau der «Jerusalem Light Rail Transit», wie die erste Tramlinie etwas hochfliegend offiziell heißt. Groteske Planungsfehler, jahrelange Verzögerungen, immense Kosten, politische Streitereien über den Trassenverlauf und grundsätzliche Zweifel am Sinn der 13,8 Kilometer langen Strecke haben den Bau der Straßenbahn begleitet.

Fahrt mit «Schlaglöchern»

Und die ersten Wochen und Monate dürften auch eher zu einer Fahrt «mit Schlaglöchern» werden, da es immer noch offene technische Fragen gibt. So sind noch nicht alle Ampeln dafür vorbereitet, der Straßenbahn Vorfahrt zu gewähren. Die Fahrt von Stadtteil Pisgat Zeev durchs Stadtzentrum bis zum Herzl-Berg dürfte deshalb statt der geplanten etwa 40 Minuten doppelt so lange dauern. Und das bei einer Überschreitung der geplanten Baukosten um mehrere hundert Millionen Schekel. Insgesamt kostete die eine Tramlinie umgerechnet die Riesensumme von etwa 800 Millionen Euro.

Der Start in Pisgat Zeev ist ein weiterer Streitpunkt. Dieser israelische Stadtteil liegt östlich der grünen Linie, der Waffenstillstandslinie vom Unabhängigkeitskrieg von 1948. Im Sechstagekrieg hat Israel Jerusalem und das Westjordanland erobert. Für Israelis ist ganz Jerusalem ihre Hauptstadt. Für die Palästinenser und die Mehrheit der Staaten liegt Pisgat Zeev in besetztem Gebiet und ist damit eine illegale Siedlung. Die Palästinenser liefen deshalb Sturm gegen die Straßenbahn, weil sie die Ansprüche Israels auf ganz Jerusalem zementiere.

Geschlechtertrennung?

Nicht auszudenken, zu welchen Rangeleien es in den schmucken Zügen kommen könnte, wenn sich palästinensische Fahrgäste aus dem Stadtteil Schuafat, durch den die Bahn auch fährt, mit jüdisch-orthodoxen Fahrgästen mischen. Manche Orthodoxen wollten sogar die Trennung von Männern und Frauen in der Straßenbahn durchsetzen, so ähnlich wie es schon seit langem in Bussen, die durch ihre Stadtteile fahren, der Fall ist. Der oberste Gerichtshof hat die Geschlechtertrennung im öffentlichen Nahverkehr – Männer vorne, Frauen hinten – zwar für gesetzeswidrig erklärt, aber durchgesetzt wird diese Anordnung nicht. Es gibt sogar Ticketverkäufer, die nur Frauen oder nur Männer bedienen.

Bürgermeister Nir Barakat, der das Projekt zwischendurch am liebsten mal in der Versenkung verschwinden lassen wollte, ficht das inzwischen alles nicht mehr an. «Ich werde jeden Tag mit der Straßenbahn zur Arbeit fahren», versprach der Politiker, der kein Privatauto besitzt. Und in einer Pressemitteilung zur Inbetriebnahme der Tram überschlagen sich die Texter sozusagen: «Von diesem Freitag an: die Straßenbahn hebt ab in die Luft». Nun ja, bis die Straßenbahn tatsächlich durch Jerusalem fliegt, dürfte es wohl noch eine weitere Ewigkeit dauern. Für die nähere Zukunft hoffen viele Jerusalemer deshalb erstmal auf den Ausbau des Busnetzes.