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Dutzende Menschen setzen Proteste gegen «Stuttgart 21» trotz Kälte und Regen fort

Dutzende Menschen setzen Proteste gegen «Stuttgart 21» trotz Kälte und Regen fort

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Der Lärm ist ohrenbetäubend. Ast für Ast werden am Freitag im Stuttgarter Schlossgarten die frisch gefällten Bäume zerschreddert. Ein Bagger gräbt die tief gewachsenen Wurzeln der zum Teil 200 Jahre alten Pflanzen aus.

«Ihr Schweine!», ruft ein junger Mann erhitzt. Trotz Regen und Kälte beobachten Dutzende Demonstranten den Baumfällarbeiten für das umstrittene Milliardenprojekt «Stuttgart 21», auch zahlreiche Schaulustige sind gekommen. Die Stimmung nach den heftigen Protesten am Vortag mit zahlreichen Verletzten schwankt zwischen Wut und Trauer.

Es sei einfach unfassbar, was hier passiert, sagt ein 40-jähriger Mann, der völlig durchnässt seit Donnerstagabend im Schlossgarten ausharrt. Doch er zeigt sich kämpferisch: «Es werden Tag und Nacht Demonstrationen stattfinden, die Stuttgart bislang noch nicht erlebt hat.» Ein anderer Demonstrant pflichtet ihm bei. «Wenn die Menschen die Dimension sehen, was bereits abgeholzt wurde, wird sich die Stimmung noch weiter aufheizen», erklärt er.

Zudem würden immer mehr Menschen auch aus anderen Städten an den Protesten teilnehmen. Gegen die Abrissarbeiten am Hauptbahnhof und das Fällen der Bäume könnten die Demonstranten nichts ausrichten, betont er. Aber den Beginn der Bauarbeiten würden sie verhindern, glaubt er. Zudem werde auch die Landtagswahl 2011 einen Kurswechsel mit sich bringen.

Kurz vor 1.00 Uhr in der Nacht waren unter heftigen Protesten die ersten Bäume im Schlossgarten gefällt worden, die Polizei zählte rund 2.000 Demonstranten. Vor der wöchentlichen Demonstration am Freitagabend sollen insgesamt 25 Bäume im Schlossgarten fallen. Zahlreiche Demonstranten banden sich aus Protest gegen die Fällung an anderen Stämmen oder Ästen fest.

Mehrfach versuchten Menschen, darunter auch vermummte Demonstranten, über die Absperrung zu klettern, weshalb erneut Pfefferspray eingesetzt werden musste, wie ein Polizeisprecher sagt. Insgesamt habe es bislang rund 130 Verletzte gegeben, auch einige Polizisten wurden leicht verletzt. Zudem seien 26 Menschen, unter ihnen auch zwei Jugendliche, vorübergehend festgenommen worden. Weitere Protestaktionen erwartet die Polizei für das bevorstehende Wochenende.

«Die Kräfte lassen langsam nach»

Auch am Freitag verharren immer noch vereinzelt Menschen in den Kronen der Bäume, die noch nicht von der Polizei mit einem provisorischen Metallzaun abgeschirmt wurden. Seit kurz vor Mitternacht sitzt eine junge Frau in den Ästen, ihre Regenkleidung ist total durchnässt. Sie wolle weiter hier ausharren, doch die Kräfte ließen langsam nach, erzählt sie und umschließt mit ihren Händen eine warme Tasse Kaffee, die ihr eine Demonstrantin gebracht hat. Eine Stunde später muss sie aufgeben.

Ein 68-Jähriger ist aus Tübingen angereist, um an den Protesten teilzunehmen. «Ich habe in den Nachrichten gesehen, wie katastrophal die Lage hier ist und bin gestern Abend direkt hergekommen», erklärt er und fügt hinzu: «Ich würde mich selbst vor mir schämen, wenn ich nicht da gewesen wäre.» Was er in der Nacht gesehen habe, sei einfach «grauenhaft» gewesen. Er könne immer noch nicht glauben, dass die Baumfällarbeiten so schnell durchgeführt wurden.
Für wenige Stunden werde er nun nach Hause fahren und sich aufwärmen, doch bei der Demonstration am Freitagabend sei er sicher wieder dabei.

dapd