Hussein Mahdi hatte Glück im Unglück. Der 16-Jährige, der für die Regierung kämpft, wurde verletzt und deswegen aus dem syrischen Ort Kfarja in ein Krankenhaus nach Beirut gebracht. «Unser Leben in Kfarja und in Fua war katastrophal», berichtet er über die Zustände in den beiden Dörfern. Aus Not essen dort manche Menschen schon Gras, wie er sagt. Operationen würden ohne Betäubungsmittel durchgeführt.
Fua und Kfarja liegen in der Provinz Idlib. Seit mehr als einem Jahr werden sie von Aufständischen belagert. Im September spitzte sich die Lage zu, als die Rebellen einen nahe gelegenen Luftwaffenstützpunkt einnahmen, von dem aus die rund 30.000 Menschen in der überwiegend von Schiiten bewohnten Region bis dahin mit Lebensmitteln aus der Luft versorgt worden waren.
Türen verbrannt
Belagerungen sind ein beliebtes Mittel beider Konfliktparteien im bald fünf Jahre wütenden Bürgerkrieg, um Land unter Kontrolle zu bringen. Im Gegenzug für die Besetzung der schiitischen Dörfer haben syrische Soldaten und Mitglieder der libanesischen Hisbollah eine Gegend nahe der libanesischen Grenze mit etwa 40.000 sunnitischen Einwohnern besetzt.
Just got sent this video from a Dr who says he filmed this today in his clinic in the besieged town of #Madaya Syria pic.twitter.com/yxTvSS9A4E
— Sophie McNeill (@Sophiemcneill) 6. Januar 2016
Betroffen ist unter anderem Madaja, eine Stadt in den Bergen. Dort leiden die Menschen zusätzlich unter der Kälte. Anfang des Jahres gab es einen schweren Schneesturm, Strom oder Diesel für Generatoren fehlen. Die Menschen haben damit begonnen, die Zimmertüren aus ihren Häuser herauszureißen, um Brennmaterial zu haben, sagt ein lokaler Beamter, der sich Samir Ali nennt.
Hund gegessen
Die Kosten für Lebensmittel seien in schwindelerregende Höhe gestiegen, mittlerweile müssten für ein Kilo zerstoßener Weizen umgerechnet mehr als 200 Euro bezahlt werden, für 900 Gramm Milchpulver seien es knapp 300 Euro. Einige Menschen hätten deswegen kürzlich einen Hund getötet und ihn gegessen, sagt er.
In den vergangenen Wochen sind mindestens 23 Menschen in Madaja gestorben, zehn davon an Hunger, der Rest wurde erschossen oder starb bei der Explosion von Minen, die die Kämpfer der Regierung und der Hisbollah um das Dorf gelegt hätten, wie Rami Abdurrahman vom Syrischen Beobachtungszentrum für Menschenrechte sagt. Mindestens 25 Wachposten sorgten zudem dafür, dass niemand den Ort verlassen könne. Über die Zahl der Toten in Fua und Kfarja gibt es keine Angaben.
Keine Güter
Pawl Krzysiek, Sprecher des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes IKRK in Syrien, bezeichnet die Situation in den Orten Fua, Kfarja und Madaja als «extrem furchtbar». Und der Winter mache die Dinge für die Menschen noch schwieriger. «Viel zu lang wurden die Menschen ohne grundlegende Güter wie Lebensmittel und Medizin gelassen», sagt er. «Es hat für das IKRK oberste Priorität, die Menschen in den kommenden Tagen damit zu versorgen.»
Die wichtigste vom Westen unterstützte Oppositionsgruppe, die Syrische Nationale Koalition, forderte die Vereinten Nationen und die internationale Gemeinschaft dazu auf, Hilfe nach Madaja zu lassen. Jede weitere Verzögerung würde noch mehr Tote unter den unschuldigen Zivilisten bedeuten. «Kinder, Frauen und Alte sterben in Folge von Hunger und Kälte», sagt Koalitionsmitglied Salah Hamawi.
Ein Wunsch
Bislang werden laut dem Syrischen Beobachtungszentrum für Menschenrechte jedoch alle Versuche der Vereinten Nationen, Lebensmittel zu liefern, entweder von den Aufständischen oder von den Regierungskämpfern vereitelt. Ein von den UN unterstütztes Abkommen führte immerhin am 28. Dezember dazu, dass mehr als 450 Menschen zwei Kampfzonen in Syrien verlassen konnten, darunter auch der verletzte 16-jährige Mahdi. Madaja war nicht Teil dieses Abkommens, aber immerhin sollte die Einfuhr von Lebensmitteln erlaubt werden.
In allen besetzten Orten sind die Bewohner von Soldaten und Aufständischen abhängig, die ihnen Lebensmittel zu völlig überhöhten Preisen bringen. Doch dieser Schmuggel ist zuletzt rapide zurückgegangen. «Das Leben ist erbärmlich», sagt Mohsen Darwisch, ein schiitischer Geistlicher aus Kfarja, der im Libanon lebt, aber in Kontakt mit den Menschen in den besetzten Orten steht. «Ihr größter Traum ist es, einmal wieder Gemüse zu essen.»
Zu Demaart
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