Israel verstärkt seinen Luftkrieg im Gazastreifen im Vertrauen auf den engen Verbündeten USA. «Die USA haben uns volle Rückendeckung dafür gegeben, alle nötigen Maßnahmen zu ergreifen, um unsere Staatsbürger vor dem Terror der Hamas zu schützen», erklärte Israels Botschafter in Washington, Michael Oren, in amerikanischen Medien.
Israel hat nach den Worten eines hochrangigen Sicherheitsberaters von US-Präsident Barack Obama die Entscheidung über eine mögliche Bodenoffensive im Gazastreifen selbst in der Hand. «Wir wollen dasselbe wie die Israelis», sagte Ben Rhodes während eines Flugs nach Asien zu Journalisten. «Und das ist ein Ende des Raketenbeschusses aus Gaza.»
Raketenangriffe provozierten Reaktion
Aus seiner Sicht seien die andauernden Raketenangriffe aus den Palästinensergebieten ausschlaggebender Faktor für die Zuspitzung des Konflikts gewesen – nicht die gezielte Tötung des Militärchefs der Hamas im Gazastreifen, Ahmed al-Dschabari. «Wir glauben, dass Israel das Recht hat, sich zu verteidigen und seine eigenen Entscheidungen über diesbezügliche Taktiken zu treffen.»
Seit Ausbruch der jüngsten Angriffswelle hätten Obama und Israels Ministerpräsident Benjamin Netanyahu täglich miteinander telefoniert, um Wege zu einer Entschärfung der Krise zu diskutieren. Obama habe deswegen auch Ägyptens Staatschef Mohammed Mursi sowie den türkischen Premier Recep Tayyip Erdo?an kontaktiert. «Sie können eine konstruktive Rolle dabei spielen, die Hamas einzubinden und einen Prozess der Deeskalation einzuleiten», so Rhodes.
Am frühen Samstagmorgen zerbombten israelische Kampfjets die Hamas-Regierungszentrale in Gaza-Stadt. Gleichzeitig ging die Stationierung von Panzern im Grenzgebiet zu Gaza weiter. Zum Schutze Tel Avivs wurde dort ein Raketenabwehrsystem installiert. Den dritten Tag in Folge wurde Luftalarm ausgelöst.
Kritik aus Tunesien und der Türkei
Tunesiens Außenminister Rafik Abdel Salam stattete Gaza einen Solidaritätsbesuch ab und forderte einen sofortigen Stopp der israelischen Angriffe. «Was sich hier im Gazastreifen abspielt, ist nicht hinnehmbar, ungerechtfertigt und eine Verletzung des internationalen Rechts», sagte er. Bereits am Freitag hatte Ägyptens Ministerpräsident Hischam Kandil mit einem Kurzbesuch Unterstützung für die Palästinenser demonstriert. Auch die Türkei kritisiert die Attacken auf die palästinensische Zivilbevölkerung auf das Schärfste.
Israel bombardiert seit Mittwoch pausenlos Ziele im Gazastreifen, vor allem Einrichtungen der radikalislamischen Hamas. Allein in den frühen Morgenstunden wurden nach palästinensischen Angaben mindestens zehn Menschen getötet. Ob es sich um Zivilisten oder Mitglieder militanter Gruppen handelte, blieb offen. Damit stieg die Zahl der palästinensischen Todesopfer seit Beginn der israelischen Offensive «Säule der Verteidigung» auf 39, etwa 330 Menschen sollen verletzt worden sein. In Israel wurden bislang drei Menschen durch eine Rakete aus dem Gazastreifen getötet und mehr als 20 verletzt.
Hamas schwört Rache
Die herrschende Hamas schwor «Rache für Tod und Schrecken, die die Besatzer über unsere Menschen bringen». «Israel wird einen hohen Preis für seine Verbrechen zu zahlen haben», hieß es in einer am Samstag verbreiteten Mitteilung des Hamas-Sprechers Sami Abu Suhri. Die Hamas feuerte bis zum Samstagnachmittag 76 Raketen Richtung Israel ab.
Die Korrespondentin des US-Senders CNN im Gazastreifen berichtete am Morgen von heftigen Explosionen. Ihren Schilderungen zufolge setzen die israelischen Streitkräfte auch Drohnen ein – offenbar um Angriffsziele ausspähen. Auch die palästinensische Nachrichtenagentur Maan berichtete, dass über Gaza-Stadt Fluggeräusche von Drohnen zu hören gewesen seien.
Raketenabwehr
Die neue Raketenabwehr bei Tel Aviv gehört nach Armeeangaben zum Typ «Iron Dome» (Eisenkuppel) und schützt vor Kurzstreckenraketen mit einer Reichweite bis 70 Kilometer. Das System habe eigentlich erst im Januar aufgebaut werden sollen. Angesichts mehrerer palästinensischer Raketenangriffe sei der Termin aber vorgezogen worden. Vier Systeme sind bereits um den Gazastreifen herum stationiert.
Die israelische Raketenabwehr hat am Samstag eine Rakete aus dem Gazastreifen kurz vor der Stadtgrenze von Tel Aviv vom Himmel geholt. Das teilte das Militär mit. Zu dem Angriff bekannte sich der militärische Arm der Hamas, die Kassam-Brigaden. Noch während die Luftschutzsirenen heulten, war ein lauter Knall zu hören. Ein Radioreporter berichtete, er habe gesehen, wie die Abfangrakete das nahende Geschoss in der Luft traf. Augenzeugen sprachen von einer großen Rauchwolke. Die Überreste der Rakete seien dann vor dem südlichen Vorort Bat Jam – etwa vier Kilometer vom Stadtzentrum entfernt – ins Meer gestürzt. Die Streitkräfte hatten das Abwehrsystem vom Typ «Iron Dome» (Eisenkuppel) erst am Samstag vor Tel Aviv in Stellung gebracht.
Bodenoffensive wahrscheinlich
Nachdem eine Rakete aus Gaza am Freitag erstmals auch bei Jerusalem eingeschlagen war, wird eine israelische Bodenoffensive immer wahrscheinlicher. Israel will bis zu 75 000 Reservisten zu den Waffen rufen und hat nach eigenen Angaben bereits mehr als 800 Ziele im Gazastreifen angegriffen. Militante Palästinenser feuerten zeitgleich etwa 600 Raketen und Granaten Richtung Israel.
Der frühere israelische Botschafter in Deutschland, Avi Primor, sieht die Hauptverantwortung für die Gewalt nicht bei der Hamas. Verantwortlich seien die «extremistischen fundamentalistischen Gruppierungen», die sich einen Machtkampf im Gazastreifen lieferten, sagte der Präsident der israelischen Gesellschaft für Außenpolitik am Samstag im Deutschlandradio Kultur. Die Hamas und Ägypten hätten kein Interesse an einem Krieg. Auch Israels Bevölkerung habe Angst vor Raketenbeschuss.
Die frühere israelische Außenministerin Tsipi Livni, die der oppositionellen Partei Kadima angehört, warnte vor einer Spirale der Vergeltung. Man müsse bei solchen Einsätzen klare Ziele haben und wissen, wie man wieder herauskommt, sagte Livni dem Magazin «Focus». «Wenn die Ziele nicht präzise definiert sind, gibt es einen Hang zur Zerstörung, der das Beenden der Aktion schwierig macht.»
Zu Demaart








































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