Oberhalb von Damaskus nahe dem Präsidentenpalast aus grauem Marmor schießen Zivilpolizisten mit ihren Sturmgewehren in die Nacht, während die Rebellen dem im Sowjetstil erbauten Sitz der Macht immer näher kommen. Ein Stück weiter schützen bewaffnete Wächter das Luxusdomizil eines Geheimdienstbeamten, frisch errichtete Betonwände und Straßensperren geben ihnen Deckung. Solche Sicherheitsvorkehrungen sind in der Hauptstadt laut Diplomaten und Bewohnern inzwischen zum gewohnten Anblick geworden: 15 Monate nach Beginn des Aufstands gegen Assad sind die Rebellen in Damaskus eingesickert. Immer öfter greifen sie Stellungen von Armee und Sicherheitskräften an und liefern sich Schusswechsel mit den Regierungstruppen. So zwingen sie Assad, mehr Männer und Waffen für den Schutz von Damaskus aufzubieten – und sie eröffnen die früher undenkbare Möglichkeit, dass die Hauptstadt Assads Kontrolle entgleiten könnte.
Kommt es zum offenen Häuserkampf, würde dies eine neue Front für die ohnehin schon überdehnten Truppen Assads eröffnen. Auch die Spannungen zwischen der sunnitischen Mehrheit und der kleinen alawitischen Führungsschicht dürften zunehmen, die vor allem auf den Hügeln oberhalb der Drei-Millionen-Stadt siedelt. Aus der alawitischen Gemeinschaft rekrutieren sich großteils die gefürchteten Schabbiha-Milizen, die Republikanergarde und die vierte Panzerdivision – Schlüsseleinheiten, die unter dem Kommando von Assads Bruder Maher strategisch in den Bergen um Damaskus stationiert sind.
Die Nacht gehört den Rebellen
Doch all dies hat den Zustrom der Rebellen nicht verhindert. Sobald die Nacht hereinbricht, beginnen unter dem Schutz der Rebellen Demonstrationen nahe dem Stadtzentrum. Früher schlugen die Schabbiha solche Proteste mit Leichtigkeit nieder. «Ich glaube, wir kommen langsam zu einem Punkt, wo das Regime nur noch die Kontrolle über die Gebiete im innersten Zentrum und die Straße zum Flughafen haben wird», sagt ein westlicher Diplomat, der sich trotz der Schließung vieler Botschaften noch in der Stadt aufhält. «Das Regime wird möglicherweise in der Lage sein, in anderen Distrikten weiter Angriffe durchzuführen, aber es wird dort nicht mehr dauerhaft präsent sein.»
Schon heute haben sich die Schusswechsel vom Rande der Stadt aus in Richtung Zentrum ausgebreitet. Bereits seit Jahresbeginn kämpft die Armee darum, die Außenbezirke von Damaskus unter Kontrolle zu halten. In den Wohnvierteln Barse und Al-Kabun im Norden der Stadt, aus denen die meisten Bewohner geflohen sind, seien inzwischen täglich Schüsse zu hören, berichten Anwohner. Dies gelte auch für den Kafr-Suse-Distrikt im Westen, wo das festungsartige Hauptquartier eines Geheimdienstes liegt. «Es ist wie ein Kreislauf: Am Morgen schießen die Truppen auf die Demonstranten, und in der Nacht schlagen die Rebellen zurück, indem sie Straßensperren und Busse angreifen», sagt Lana, eine Geschäftsfrau, die mit Mann und drei Kindern in Kafr Suse wohnt. «Niemand traut sich auf die Straße, vor allem nachts sind die Soldaten an den Straßensperren unheimlich nervös.»
Das Regime geht brutal vor
Vor einer Woche griffen die Rebellen Schabbiha-Busse an und töteten oder verletzten 20 der Milizionäre, die in Kabun für Ruhe hatten sorgen sollen. Die Sicherheitskräfte des nahen Geheimdienstes der Luftwaffe beschossen den Distrikt daraufhin nach Darstellung der Opposition mit Flugabwehrwaffen und Mörsern. Es sei das erste Mal gewesen, dass die Truppen Damaskus selbst mit schweren Waffen beschossen hätten. Zwei Tage später seien Soldaten mit gepanzerten Mannschaftstransportern nach Kabun geschickt worden und hätten dort Razzien gestartet.
Julien Barnes-Dacey vom European Council on Foreign Relations sagt, das brutale Vorgehen des Regimes schrecke die sunnitischen Damaszener der Mittelschicht zunehmend ab. Sogar einige Christen, die die alawitische Führungsclique aus Angst vor dem Aufstieg von Islamisten eigentlich stützten, wendeten sich inzwischen vom Regime ab. «Bisher richtet sich die Stimmung in der Hauptstadt eher gegen das Regime als gegen die Alawiten», erklärt Barnes-Dacey, der kürzlich in der Stadt war. «Aber das kann sich ändern – wenn die Gewalt zunimmt, könnte es zu einem Religionskonflikt kommen.»
Zu Demaart
Sie müssen angemeldet sein um kommentieren zu können