Das Gebäude ist unscheinbar. Es hat eine Ellipsenform, ist in der Industrie-Architektur des vergangenen Jahrhunderts gebaut und macht eigentlich nichts her. Der Eingang zur „ArcelorMittal University“ ist an der Seite. Ist man drin, kommt die Überraschung. Das gesamte Erdgeschoss ist in moderne Seminar-Räume unterteilt. Drei große mit jeweils 39 Plätzen und drei kleine Gruppenräume. Das Mobiliar stammt aus dem Hauptgebäude an der Avenue de Liberté in Luxemburg.
Der Umzug fand Ende 2012 statt. Seit Beginn des zu Ende gehenden Jahres 2013 arbeitet die Fortbildung des Konzerns nun auf einem Grundstück an den Eisenbahnschienen zwischen Esch und Schifflingen. Die Herrichtung des Erdgeschosses zu einer Schule war nicht ganz einfach. „Das Gebäude gehört der Personalsteuerung der Gruppe. Das Gelände, auf dem es steht, gehört der Einheit Langstahl Europa“, erzählt der Generaldirektor der Unternehmens-Universität. Immer dann, wenn er Geld zur Renovierung oder Einrichtung benötigte, musste Christian Standaert verhandeln. Und wenn nichts mehr ging, hat der Personalbereich geholfen. Das ist ein Jahr her. Aber in den Räumen hängt immer noch ein leichter Geruch von frischer Farbe.
Neue Philosophie
Ein neuer Ort für die ArcelorMittal Universität musste gefunden werden, nachdem das alte Verwaltungsgebäude in der Hauptstadt geschlossen worden war. Es war innen zuvor umgebaut worden in Hörsäle und moderne Seminare. In Esch wird mit einer neuen Philosophie gearbeitet. Die Zeit hat sich nach der Krise der Jahre 2007 und 2008 geändert, die eine Krise der Stahlindustrie mit sich brachte. „Dienstreisen von mehreren Tausend Mitarbeitern aus der ganzen Welt nach Luxemburg sind heutzutage nicht mehr angebracht. Sie finden nur noch in begrenztem Maße statt. Wir nutzen moderne Kommunikationsmethoden zur Weiterbildung“, lächelt Standaert.
Nimmt man das in Zahlen, dann haben in diesem Jahr 17.000 „Studenten“ per Videokonferenzen in virtuellen Klassenräumen an Fortbildungen bis zu fünf Tagen teilgenommen. An lokalen Fortbildungen nahmen 600 teil, und 2.700 reisten immerhin nach Esch an. ArcelorMittal hat die Fortbildung weltweit organisiert. Das Zentrum liegt in Esch. Andere Fortbildungszentren gibt es in Hamilton (Kanada) oder Ostrava (Tschechien). Lokale Fortbildungszentren werden im kommenden Jahr in der Ukraine, in Kasachstan und in Brasilien eingerichtet. Unterrichtet wird nach einheitlichen Standards rund um den Globus. Länder wie Algerien oder Marokko erhalten, wo nötig, Unterstützung aus Esch. „Der Online-Unterricht, der stark praktiziert wird“, sagt Standaert im Tageblatt-Gespräch, „hat allerdings auch den Nachteil, dass man den Professor nicht sieht und so keinen direkten Kontakt hat. Das Unterrichtsmaterial gibt es mittlerweile in 17 Sprachen. Standaerd: „Derzeit bereiten wir uns auf Kasachstan und die Ukraine vor. Hier werden wir wohl in Russisch unterrichten. Wir werden aber auch versuchen, vor Ort geeignete Lehrer zu finden, die nötigenfalls in der jeweiligen Landessprache helfen können.“
Mangelnde Infrastruktur
Die Kurse dauern jeweils zwischen einem Tag und einer Woche. Standaerd gibt zu, dass er unter einer mangelnden Infrastruktur in Esch leidet. „Wir haben kein geeignetes Hotel in Esch“, sagt er. Im Ibis Hotel in Belval bringen wir Gäste für kurzzeitige Seminare unter. Ansonsten leben die Kursteilnehmer im NH Hotel am Flughafen in Luxemburg. Das ist umständlich.“
Die ArcelorMittal University bietet Kurse im wesentlichen auf der Ingenieursebene an. Es beginnt mit Einführungskursen in das Unternehmen für Neulinge und geht bis zu Managerkursen. „Wesentlich ist für uns die so genannte Pipeline. Hier finden wir die zukünftigen Führungskräfte des Konzerns und können sie schulen. Wer uns auffällt, findet sich alle drei bis vier Jahre wieder in Kursen der University. Unser Ziel ist es, 80 Prozent des Führungspersonals des Konzerns selbst heranzuziehen. Offiziell braucht man im ArcelorMittal Konzern die Fortbildungskurse der University noch nicht, um Karriere zu machen“, meint Standaerd. Wenn der hohe Anteil an Führungskräften allerdings qualitätsmäßig erzielt werden soll, wird man zukünftig um die Fortbildungskurse aus Esch nicht mehr herumkommen.
Es gibt ein Sonderprogramm im Konzern, dem mehr und mehr Aufmerksamkeit gewidmet wird. Es heißt „Women in Leadership“. Mit ihm werden Frauen besonders für Führungspositionen gefördert. In diesem Jahr haben 35 von ihnen in Spaniens führender Wirtschaftsschule einen Kurs absolviert. „Insgesamt haben wir 100 Frauen in Managerkursen gehabt“, sagt Christian Standaerd. In Esch, in der Zentrale der Konzernfortbildung, hat sich seine Stellvertreterin, Sapna Arora, der Frauenförderung besonders gewidmet und arbeitet das Programm weltweit aus.
(Helmut Wyrwich / Tageblatt.lu)
Zu Demaart
Sie müssen angemeldet sein um kommentieren zu können